• The Wall Street Journal

Chemiekonzern Sachtleben versucht sich an der Börse

FRANKFURT -- Die Woche hat nicht gut begonnen für den deutschen IPO-Markt: Nachdem gleich zwei vielversprechende Kandidaten ihre Börsenpläne vorerst begraben haben, scheint der Weg aufs Parkett versperrt. Ein zarter Hoffnungsschimmer für Deutschland kommt nun allerdings aus den USA: Der Chemiekonzern Rockwood will seine deutsche Tochter Sachtleben im zweiten Halbjahr an die Börse bringen. Dabei peilt Rockwood Holdings für Sachtleben die Bewertung eines Spezialchemiekonzerns an, was auf einen Wert von zwei Milliarden US-Dollar (1,58 Milliarden Euro) hindeutet.

"Wir wollen Sachtleben bis Jahresende an die Börse bringen und halten das angesichts des Wachstumspotenzials für die wahrscheinlichste Exit-Option", sagte Timothy McKenna, Leiter Investor Relations von Rockwood, im Gespräch mit dem Wall Street Journal Deutschland.

Die Eigner – Rockwood hält 61 Prozent, der finnische Chemiekonzern Kemira Oyi den Rest - könnten in einem ersten Schritt 40 Prozent des Unternehmens an der Frankfurter Börse platzieren. Angesichts der schwachen Börsen will McKenna auch einen Verkauf aber nicht ausschließen. Ähnlich wie bei Evonik gilt hier die Devise: Es ist alles eine Frage des Preises.

dapd

Sachtleben-Werk in Duisburg-Ruhrort. Der Chemiekonzern soll an die Börse.

Das Marktumfeld für einen Börsengang ist derzeit alles andere als günstig. Die sich vertiefende europäische Schuldenkrise macht IPOs schwierig. Erst am Montag haben die Evonik-Eigentümer RAG-Stiftung und CVC Capital beim Börsengang des Chemiekonzerns die Notbremse gezogen, weil Investoren angesichts der Schuldenkrise zu wenig zahlen wollten. Mit einem Volumen von 5 Milliarden Euro sollte Evonik der größte deutsche Börsengang seit mehr als zehn Jahren und ein Eisbrecher für das darniederliegende Geschäft werden. Ein weiterer Hoffnungsträger war der Versicherungskonzern Talanx, doch auch der wagt sich wegen der zunehmenden Unsicherheit auf den Finanzmärkten vorerst nicht aus der Deckung.

Börsengänge muss man in Deutschland inzwischen mit der Lupe suchen. Die Emissionserlöse sind in diesem Jahr bislang um 98 Prozent auf die winzige Summe von 30 Millionen Dollar aus zwei Mini-IPOs geschrumpft, wie aus Daten von ThomsonReuters hervorgeht. Andererseits könnte sich die Lage auch schnell wieder aufhellen, wenn die Eurozone eine glaubwürdige Lösung für die Schuldenkrise findet, hoffen beteiligte Banken und Investoren.

Hoffnung auf politische Fortschritte in Europa

"Die Erwartungen sind hoch, dass (von den politischen Führern) ein Plan vorgelegt wird, der auch eine oder mehrere Institutionen wie eine Bankenunion, eine Fiskalunion oder eine engere politische Union umfasst", sagte Toby Nangle, Leiter des Multi-Asset-Managements bei Threadneedle.

Sollten die Märkte unsicher bleiben, kommt für Sachtleben als Plan B auch ein direkter Verkauf in Frage. Als mögliche Interessenten an Sachtleben kommen Finanzkreisen vor allem Finanzinvestoren mit Erfahrungen im Chemiebereich in Frage, also Unternehmen wie BC Partners, Bain Capital, Apollo Capital Management sowie CVC Capital Partners. McKenna und die genannten Private-Equity-Firmen lehnten eine Stellungnahme ab.

Sachtleben, einer von Deutschlands "hidden champions", stellt unter anderem den Farbstoff Titandioxid her, der in den meisten weißgefärbten Produkten verwendet wird - von Haushaltsfarben über Autolacke bis hin zu Kosmetika. Die Hersteller profitierten von der im vergangenen Jahr gestiegenen Nachfrage durch die Automobilindustrie. Rockwood und Kemira könnten Sachtleben daher auf dem Höhepunkt des Zyklus losschlagen.

In dem Ende März abgelaufenen Geschäftsjahr erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 929 Millionen Dollar und einen Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (EBITDA) von 278 Millionen Dollar.

Hohe EBITDA-Marge soll Investoren anlocken

Die hohe EBITDA-Marge von 29 Prozent sollte bei der Positionierung von Sachtleben als Spezialchemiekonzern helfen, zeigt sich McKenna zuversichtlich. Da europäische Spezialchemie-Unternehmen im Schnitt mit dem Achtfachen ihres EBITDA bewertet werden, könnte Sachtleben auf 2,2 Milliarden US-Dollar taxiert werden. Investoren dürften ihrerseits aber wegen der unsicheren Märkte auf einen Abschlag drängen - das könnte die Bewertung auf 1,4 Milliarden Dollar drücken.

McKenna wollte sich zu solchen Rechnungen nicht äußern, erklärte aber, Rockwood werde nicht zu jedem Preis verkaufen. Die Übernahme eines Werkes des Wettbewerbers Crenox, eines der führenden Produzenten von Titandioxid in Europa, werde dabei helfen, den Gewinn von Sachtleben in den kommenden Jahren um 20 Prozent zu steigern und die Bewertung weiter zu verbessern, betonte er.

Letztendlich hänge die Bewertung von Sachtleben aber an den Wachstumsaussichten, erklärt Anton Ticktin, Partner bei der auf den Chemiesektor fokussierten Investmentbank Valence Group. Zudem müsse Sachtleben die Investoren davon überzeugen, dass die hohen Margen in den nächsten Jahren beibehalten werden können. Ticktin zeigte sich mit Blick auf die nächsten drei bis vier Jahre hiervon überzeugt, da in dieser Zeit die Nachfrage nach Titandioxid hoch sein werde und sich Sachtleben mit der Übernahme der Produktionsanlagen von Crenox gut positioniert habe.

Kontakt zum Autor: eyk.henning@dowjones.com

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