• The Wall Street Journal

Es läuft auch ohne Chef

Ein Arbeitsplatz in einem paradiesischem Umfeld. Einen exzellenter Espresso, kostenlose Massagen, einen Wäscheservice und vieles mehr bietet der Spieleentwickler Valve Corperation seinen Mitarbeiter. Eines hat das Unternehmen für seine Mitarbeiter nicht im Angebot: einen Chef.

Damit wirbt das Unternehmen auf seiner Internetseite. Seit seiner Gründung 1996 kommt es ohne Boss und Manager aus. Vielmehr entscheiden die 300 Mitarbeiter, wer von den Kollegen an vielversprechenden Projekten mitarbeitet. Mobilität wird in dem Unternehmen groß geschrieben. Darum überrascht es nicht, dass die Schreibtische an den Beinen Rollen haben. Damit haben die Angestellten die Freiheit, dort zu arbeiten, wo sie wollen.

Und das soll funktionieren? "Zum Anfang ist die Struktur erst einmal nicht so effizient", sagt Terri Kelly, Geschäftsführerin bei W.L. Gore. In dem Unternehmen, das ebenfalls mit einer flachen Hierarchie arbeitet, trägt sie einen der seltenen Titel. "Wenn die Organisationsstruktur verinnerlicht ist, steigert sich die Effizienz sehr schnell", ergänzt sie.

Stuart Isett for The Wall Street Journal

Beim Videospiel-Hersteller Valve entscheiden die Mitarbeiter, wer in welchem Projekt mitarbeitet. Schreibtische stehen auf Rädern, um flexibel zu bleiben.

Viele Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren Hierarchie-Ebenen im mittleren Management eliminiert. Häufig werde gerade dort die Produktivität behindert. Die Handvoll an Unternehmen, die einen Schritt weiter gegangen seien und ganz ohne Vorturner auskämen, freuten sich über besonders motivierte und flexible Mitarbeiter. Auf der anderen Seite beanspruchten einige Aufgaben wie Entscheidungen zu treffen und neue Mitarbeiter einzustellen mehr Zeit.

Zurück zu Valve. Dort gibt es keine Karriere, nur neue Projekte. Um das Gehalt zu bestimmen, bewerten die Mitarbeiter den Wert der Arbeit ihrer Kollegen - nicht von sich selbst. Informationen über die Gehaltsstruktur abzugeben lehnt das Unternehmen ab. Jeder Mitarbeiter kann sich bei der Rekrutierung neuer Kollegen einbringen, die Einstellung wird letztlich in Teams entschieden. Entlassungen, die sehr selten vorkommen, durchlaufen den gleichen Prozess.

Oft wird einer zum De-facto-Manager

Bei Projekte entwickelt sich in der Regel einer zum de-facto-Manager, sagt Greg Coomer. Mit einer Betriebszugehörigkeit von 16 Jahren ist er ein Veteran bei Valve. Wenn niemand die Führung eines Projektes übernehme, sei dies normalerweise der Beleg dafür, dass sich der Einsatz nicht lohne, ergänzt er.

Hoch motivierte Arbeitnehmer bilden die Grundlage, dass ein Unternehmen ohne Chef auskommt. Für jeden sei das sicherlich nichts. Das System habe auch seine Nachteile, so Coomer. Ohne die Position des Managers falle es schwerer, die schwarzen Schafe in der Belegschaft zu finden. Bereits im Handbuch des Unternehmens, in dem die Philosophie und die Entscheidungsprozesse niedergeschrieben sind, wird besonders darauf eingegangen, dass Fehler beim Rekrutierungsprozess lange unentdeckt bleiben könnten.

Ohne vorgeschriebene Karriereleiter gestaltet sich ein Aufstieg schwierig. "Für viele Angestellte ist es aber einfacher, sich ohne Managementebenen zu entwickeln", sagt Chris Wanstrath, Geschäftsführer bei der Softwarfirma GitHub. Er besteht darauf, dass er nur den Titel des CEOs nur dem Namen nach trage. Die Softwareentwickler der Firma arbeiteten in Teams zusammen, häufig ohne Unterstützung des Managements. Dabei könnten die Mitarbeiter entscheiden, welches Projekt für sie die höchste Priorität hat. "Die Entscheidung liegt beim Einzelnen, wo er sich am Besten einbringt", so Chris Wanstrath

Jüngste Untersuchungen über den Wert von flachen Unternehmensstrukturen liefern kein einheitliches Bild. Einer Studie der Universität von Texas & Iowa arbeitete heraus, dass Teams von Fabrikarbeitern, die für sich selber die Verantwortung übernommen haben, bessere Leistungen erbrachten als ihre Kollegen mit hierarchischer Führungsstruktur – wenn sie gut miteinander auskamen. "Die Teams haben dabei die Management-Aufgaben selbst in die Hand genommen", so der Mitverfasser der Studie, Stephen Courtright. Andere Studien zeigen dagegen, dass eine stärkere Hierarchie die Effektivität einer Abteilung erhöhen kann, weil Menschen mit einer klar definierten Aufgabe effizienter arbeiteten.

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