Von GREGORY ZUCKERMAN und DAN FITZPATRICK
Der Franzose gibt sich gern geheimniskrämerisch. Und der Grieche ist bekannt dafür, mit seinen Kollegen Streitigkeiten anzuzetteln. Bruno Michel Iksil, der Händler von J.P. Morgan Chase & Co aus Frankreich, der wegen seiner überdimensionierten Positionen als Londoner „Walfisch" in die Schlagzeilen geriet, hielt des Öfteren Einzelheiten zu seinen Geschäften vor seinen Vorgesetzten zurück. Und der Grieche Achilles Macris war schon bei anderen Banken mit Mitarbeitern in Konflikt geraten, bevor er die Leitung des Londoner Chief Investment Office (CIO) von J.P. Morgan übernahm. Das erzählen frühere und jetzige Kollegen.
Beide Männer werden als Hauptschuldige für Handelsverluste über mindestens zwei Milliarden Dollar verantwortlich gemacht, die die nach Vermögenswerten größte amerikanische Bank erlitten hat. Bis jetzt hat keiner von beiden seinen Arbeitsplatz beim CIO verlassen. Doch das könnte sich bald ändern, heißt es aus Kreisen der Bank.
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Früher galt das CIO als schläfriger Londoner Außenposten der US-Großbank. Bis die beiden Händler kamen. Sie scheuten sich nicht, enorme Risiken einzugehen, um die Gewinne des Geldhauses zu steigern und es gegen einen Abschwung zu wappnen. Gespräche mit Kollegen und früheren Mitarbeitern der Abteilung zeigen, wie die Männer mit der Zeit Glaubwürdigkeit und Macht gewannen – bis die Offenlegung des Milliardenlochs ihrer Karriere in diesem Frühjahr ein jähes Ende setzte.
Wegen der verpatzten Transaktionen hat J.P. Morgan bereits über 20 Milliarden Dollar an Marktwert eingebüßt. Der Ruf von Bankchef James Dimon als gewieftester Risikomanager der Wall Street ist dahin. Am Dienstag musste sich Dimon vor dem Finanzdienstleistungsausschuss des US-Repräsentantenhauses verantworten. Die Händler des CIO „hatten nicht das nötige Verständnis für die Risiken, die sie eingegangen sind", sagte er den Mitgliedern des Gremiums.
Die Anwälte von Iksil und Macris lehnten entweder eine Stellungnahme ab oder reagierten nicht auf Anfragen. Die Händler selbst konnten nicht erreicht werden.
Iksil zeigte früh Risikobereitschaft
Iksil hatte die hochrenommierte Ingenieursschmiede École Centrale Paris besucht und dort 1991 seinen Abschluss gemacht. Zu J.P. Morgan stieß er im Jahr 2005, Ende 2006 fing er beim CIO an. Seine Risikobereitschaft fiel zum ersten Mal im Jahr 2008 ins Auge. Damals war Iksil eine Riesenwette gegen einzelne Bereiche des ABX-Index eingegangen. Das Marktbarometer bildet die Entwicklung von Subprime-Hypotheken ab. Die Position war hochriskant, weil die Bestandteile, die er aufs Korn genommen hatte, kaum gehandelt wurden. Ein Ausstieg konnte demnach schwierig werden. Letztendlich verbuchte die Bank aber Gewinne von etwa einer Milliarde Dollar aus verschiedenen ABX-Positionen. Die gingen jedoch nicht alle auf Iksils Konto, sagen Bankmitarbeiter.
Zu etwa der gleichen Zeit hatte Iksil damit begonnen, eine komplizierte Baisse-Spekulation beim IG 9-Index aufzubauen, sagt eine mit den Geschäften vertraute Person. Der Index verfolgt die Verfassung einer Gruppe erstklassig bewerteter Unternehmen. Seine Wetten wurden immer größer. Er wechselte bei Unternehmenskrediten zu einer optimistischen und illiquiden Position über und verlor Geld.
Iksils direkter Vorgesetzter, Javier Martin-Artajo und CIO-Chef Macris wussten von den Geschäften Iksils und hatten sie abgesegnet, heißt es. Doch manchmal habe sich Iksil gewehrt, Details seiner Vorgehensweise preiszugeben, sagt ein Kollege. Wenn er vermeiden wolle, dass ihm Vorgesetzte Fragen zu seinen Transaktionen stellten, würde er sie manchmal in die Diskussion eines mathematischen Terms, einer Gleichung oder in andere technische Fachfragen verwickeln, um vom eigentlichen Thema wegzukommen und das Gespräch zu beenden, hatte Iksil diesem Kollegen einmal anvertraut. „Er wollte sich ihnen damit nicht entziehen. Manchmal hatte er nur einfach keine Geduld, wenn es seine Idee für das Geschäft war", sagt der Kollege.
Die Bank glaube nicht, dass Iksil Positionen vor seinen Vorgesetzten bei J.P. Morgan geheim gehalten hat oder dass er Geschäfte eingegangen ist, die nicht genehmigt waren, sagt eine mit der Angelegenheit vertraute Person. Martin-Artajo konnte für eine Stellungnahme nicht erreicht werden.
Aber schon im vergangenen Jahr hatte Iksil dem besagten Kollegen erzählt, dass seine Positionen so groß geworden seien, dass es manchmal schwierig sei, sie zurückzufahren. Wenn er versuche, zu verkaufen, habe er das Gefühl, dass die Broker den Markt nach unten drückten, um ihm eins auszuwischen. Manchmal kaufe er dann zu diesen niedrigeren Preisen, um den Makler „zu bestrafen", gestand Iksil seinem Kollegen. Womit er natürlich seine Positionen weiter ausbaute.
Bei seinen Kollegen gilt Iksil als intelligent, wenn er auch keinen besonderen Wert auf sein persönliches Erscheinungsbild lege. Während Iksil an seiner Wette bastelte, besuchte er die New Yorker Zentrale von J.P.Morgan. Dort fiel er einem ehemaligen Mitarbeiter auf, weil er manchmal mehrere Tage in Folge immer dieselbe Kleidung trug. Als „liebenswürdig, höflich und clever" beschreibt ihn ein anderer Ex-Kollege.
Macris kam 2006 zu J.P. Morgan
Der zweite im Bunde - Achilles Macris - fing im Jahr 2006 bei J.P. Morgan an. Zuvor hatte er bei einer Reihe anderer Institute als Händler gearbeitet und sich des Öfteren in Auseinandersetzungen mit Kollegen verstrickt. Bei Bankers Trust war Macris mehrfach von seinem Chef und vom Leiter der Personalabteilung einbestellt worden, berichten ehemalige Kollegen. Er solle versuchen, besser mit den anderen Managern auszukommen, hatten sie ihm nahe gelegt.
Im Jahr 1998 bat man ihn, bei Bankers Trust zu kündigen, sagen mit der Situation Vertraute. Man hatte Bedenken, er werde nicht mit dem neuen Boss Duncan Hennes auskommen, nachdem die beiden Männer zuvor aneinander geraten waren. Eine andere Person, die in die Umstände seines Abgangs eingeweiht ist, sagt, er sei vor der Fusion mit der Deutschen Bank gegangen.
Auch später bei Dresdner Kleinwort Wasserstein hinterließ Macris erneut seine Spuren. „Er war aggressiv, schnell und ein bisschen brutal. Aber die Leute haben gern für ihn gearbeitet", sagt Fred Destin, ein Wagniskapitalgeber bei Atlas Venture, der mit Macris von 2001 bis 2004 bei der Bank zusammengearbeitet hat.
Macris legte Wert auf Stil
Als Macris bei J.P. Morgan die Karriereleiter hinaufzuklettern begann, setzten immer mehr Mitarbeiter ihre Hoffnungen in ihn. „Der bringt uns weiter", habe man gedacht, erzählt ein Kollege. Anders als Iksil legt Macris Wert auf Stil. Er wohnt in London in der obersten Etage eines viktorianischen Herrenhauses mit Blick auf die Westminster Cathedral.
Doch im vergangenen Jahr war zwischen Macris und Ina Drew, der Leiterin der CIO-Gruppe, ein Streit über Handelsangelegenheiten entbrannt. Die Reibereien gingen auf Kosten der Konzentration der Händler in der Abteilung – während Iksils Positionen wuchsen und wuchsen, sagt ein ehemaliges Mitglied der Gruppe.
Als Bankchef Dimon Anfang April Drew zu den Handelsgeschäften befragte, ließ sie sich per Videokonferenz mit dem Londoner Team verbinden. Nach Augenzeugenberichten versicherte Macris ihr, dass alles bestens laufe.
—Mitarbeit: Julie Steinberg und David Gauthier-VillarsKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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