• The Wall Street Journal

Nokia läuft bei Smartphones die Zeit davon

NEW YORK - Der Abstiegskampf des einstigen Weltmarktführers Nokia nimmt dramatische Züge an. In Helsinki hätte sich wohl vor Kurzem keiner der erfolgsverwöhnten Manager träumen lassen, einmal um den dritten Rang bei der Beliebtheit von Smartphones kämpfen zu müssen. Aber genau dieser Wettkampf läuft seit einiger Zeit: Im Ring steht Nokia mit dem BlackBerry-Hersteller Research in Motion . Der Abstand zu den Wettbewerbern Apple mit seinem iPhone und den auf dem Android-Betriebssystem von Google basierenden Smartphones ist beträchtlich.

dapd

Das Bild täuscht: Für Nokia und Vorstandschef Stephen Elop ist die Lage als andere als rosig.

Beobachter befürchten, dass Nokia und RIM von der Bildfläche verschwinden könnten, noch ehe ihre neuen Smartphones überhaupt Zugkraft entwickeln. Beide Unternehmen haben im Hochpreissegment bei Smartphones deutlich an Boden verloren. Sie haben zwar ehrgeizige Pläne, den Abstand auf Google und Apple zu verringern, aber das wird einiges an Zeit kosten. Und die Uhr tickt schneller, als die Konzerne dachten.

Das liegt daran, dass Nokia und RIM in atemberaubender Geschwindigkeit auch im Billigsegment die Felle davonschwimmen. In den USA ist der Blackberry wegen seines guten Mail-Systems zwar noch stark bei Geschäftsleuten verbreitet. Privatkunden haben aber schnell wieder die Lust auf Blackberrys verloren. Die einzigartigen Fähigkeiten von RIM bei der Nachrichtenübermittlung verlieren hier an Zugkraft.

Handys, die mit Nokias veraltetem Symbian-Betriebssystem liefen, haben lange Zeit Smartphone-Erstkäufer angesprochen. Allerdings traf diese Aussage hauptsächlich für Schwellenländer zu. Die starke Position von Nokia dort ist aber gefährdet: Kleinere Anbieter vor Ort wachsen rasant, indem sie billige Smartphones mit Android-Technologie auf den Markt werfen. Nokia wird zugleich aus einer anderen Richtung in die Zange genommen. Nicht nur die Smartphones der Finnen verkaufen sich schlecht, auch die gewöhnlichen Handys finden immer weniger Anhänger.

Nokias neue Smartphone-Produktlinie "Lumia", die mit dem Betriebssystem Windows Phone läuft, sollte Nokia eigentlich retten. Aber mit gerade einmal zwei Millionen verkauften Geräten im ersten Quartal blieb der Absatz im Vergleich zum Gesamtmarkt gering. Nokia verkaufte in diesem saisonal schwächeren Quartal insgesamt nur 80 Millionen Handys. Das sind 30 Millionen weniger als im verkaufsstarken Vorquartal.

Missglückte Lumia-Einführung in den USA

Das finnische Unternehmen tat sich selbst keinen Gefallen mit der missglückten US-Markteinführung des neuen Lumia 900, das über den Telekomkonzern AT&T verkauft wird. Ein Software-Defekt in einigen Geräten zwang Nokia, Käufern eine 100-US-Dollar-Gutschrift einzuräumen. Das wird zwar den Absatz befeuern, da das Gerät in Verbindung mit einem Zweijahresvertrag bei AT&T für die Kunden nun praktisch umsonst angeboten wird. Aber diese unfreiwillige Verkaufsoffensive dürfte auf Kosten der Margen gehen. Zum allgemeinen Befremden kam das Gerät zudem am Ostersonntag auf den Markt, als viele Läden geschlossen hatten.

In ihrer Not setzen RIM und Nokia nun wieder stärker auf das Billigpreissegment. Hier wollen sie ihre noch immer relativ starke Position festigen, während gleichzeitig der Markt für hochpreisige Geräte angegangen werden soll. Nokia hat zumindest den Start gewonnen: Die Lumia-Geräte des Konzerns stehen bereits in den Verkaufsregalen. Die neuen "BlackBerry 10"-Geräte von RIM werden erst im Laufe des Jahres in den Läden erwartet. Wie auch immer: Es wird ein harter Kampf gegen die vorhandenen Billiganbieter.

Nokia-Aktionäre plagt aber nicht nur der ausbleibende Geschäftserfolg, auch der Blick auf die zu erwartende Dividende macht ihnen Sorge. Einen freien Cash-Flow von weniger als 300 Millionen Dollar sehen Analysten für dieses Jahr. Und diese Prognose stammt aus der Zeit vor der Gewinnwarnung für das erste Quartal am Mittwoch. Selbst wenn die Dividendenausschüttung von 1,5 Milliarden Dollar aus dem vergangenen Jahr halbiert würde - die finanzielle Lage von Nokia würde mit einer solchen Auszahlung schwer belastet.

Für einen Abgesang auf Nokia ist es aber noch zu früh. Noch ist der finnische Vorzeigekonzern die Nummer eins beim weltweiten Handyabsatz, verfügt über stattliche Barreserven und ein starkes Patentportfolio. Wenn das Unternehmen bei den Smartphones mit ihren höheren Margen keinen Durchbruch erzielt, könnten die Finnen jedoch wie RIM endgültig in eine Abwärtsspirale geraten. Nokia wäre dann wahrscheinlich gezwungen, seine strategischen Optionen zu überprüfen. Die Blackberry-Hersteller aus Kanada sind bereits dabei.

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