• The Wall Street Journal

Wie Merkels Vize-Sprecher bei Twitter verstummte

Screenshot/Twitter/GeorgStreiter

Seit dem 27. Juni 2012 kein neuer Eintrag mehr: Georg Streiters "privater" Twitter-Account.

Sein Flugzeug war kaum in Rio gelandet, da twitterte Umweltminister Peter Altmaier (CDU, @peteraltmaier) schon wieder drauflos, was das Zeug hielt. Er stecke im Verkehr fest, erfuhren die 18.632 Abonnenten seiner Mitteilungen ("Follower"). Und kurz darauf vom Verhandlungstisch: "Brasilianer haben Verhandlungsführung übernommen und Papier vorgelegt, kann aber nicht so bleiben."

Keine Frage, dass Altmaier Stunden später die Geburtstagsglückwünsche seiner Follower via Twitter in Empfang nahm und auch beantwortete.

Altmaier ist einer der einflussreichsten Nutzer jenes Internet-Nachrichtendienstes. Regierungssprecher Georg Streiter begann gerade erst mit Twitter. Doch schon musste er sich mit der "Netzgemeinde" auseinandersetzen. Er verschickte einen Link zu einem Artikel und zitierte Merkel mit den Worten: "Keine gemeinschaftliche Haftung für Schulden europäischer Staaten, solange ich lebe!"

Einen Tag später stellte er klar: "Leute, Leute! Wenn ich einen Link twittere, finde ich zwar den Inhalt interessant, mache mir ihn aber nicht zueigen. Zu schwer zu verstehen?"

Das Resultat: Seit dem 27. Juni ist Funk- oder besser Twitter-Stille. Dennoch, der Trend ist deutlich. Spätestens mit dem Aufstieg der Piratenpartei hat sich Twitter zu einem wichtigen Instrument der politischen Kommunikation entwickelt. Das hat die Agentur Burson-Marsteller ermittelt, die ihn in ihrer Twitter-Studie in einer Reihe mit Ministerin Kristina Schröder (CDU), Regierungssprecher Steffen Seibert und dem Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning (SPD), nennt.

Mehr als 200 Abgeordnete haben einen Account

Überhaupt scheint der Dienst alle, die sich dort anmelden, "in eine Mischung aus Zeitung und Fernsehsender" ("Stern") zu verwandeln, was Volksvertreter verlockend finden.

Von den insgesamt 620 Mitgliedern des Deutschen Bundestags haben inzwischen mehr als 200 einen Twitter-Account. Unter den Neuzugängen sind auch Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin und der Parlamentsgeschäftsführer der Unionsfraktion, Michael Große-Brömer (CDU).

"Der Reiz, den Twitter für politische Akteure hat, liegt in der schnellen Verbreitung eigener Ansichten. Die Tweets landen innerhalb von Sekunden auf den Smartphones der Abonnenten, ohne dass die Politiker auf klassische Medien als Übermittler angewiesen sind", sagte der Berliner Medienwissenschaftler Jo Groebel.

So ließen sich durchaus auch Stimmungen beeinflussen. "Twitter ist – auch wenn die Mitteilungen auf 140 Zeichen beschränkt sein müssen – ein Instrument, mit dem sich Themen setzen lassen." Außerdem könnten Politiker damit demonstrieren, dass sie habituell auf der Höhe der Zeit sind: "Dieses Motiv ist nicht zu unterschätzen", sagt Groebel.

Altmaier kam sich offensichtlich altmodisch vor

Auch bei Altmaier war das ein Motiv. Er kam sich offensichtlich altmodisch vor, als Christopher Lauer von den Piraten ihm in einer Talkshow vorführte, was sich mit Twitter alles anstellen lässt. Kurz darauf twitterte er selber. Und Altmaier erweckt – siehe Rio – auch nicht den Anschein, als wolle er in seinem neuen Job als Minister das Smartphone häufiger zur Seite legen wollen.

"Man kann sagen, dass Peter Altmaier durch Twitter überhaupt erst zu einem populären Politiker wurde", bestätigt Groebel. Der Dienst sei ein hervorragendes Instrument, um Informationen aus einem inneren Zirkel an die Öffentlichkeit zu bringen oder zumindest so zu tun, als ob.

Beispiel Sigmar Gabriel: Der SPD-Bundesvorsitzende setzte, nachdem er sich ein Twitter-Konto zugelegt hatte (@sigmargabriel), zunächst derart viele Mitteilungen ab, dass im Berliner Regierungsviertel Zweifel daran aufkamen, ob der SPD-Bundesvorsitzende da überhaupt selber am Drücker ist. Als ihm die Debatte zu schaden drohte, twitterte Gabriel prompt die Telefonnummer seines Abgeordnetenbüros und ging an den Apparat, als es klingelte.

Die negativen Seiten von Twitter bekam Altmaier zu spüren, als sein Twitter-Zugang von Hunderten Nachrichten überschwemmt wurde, die ihm dort Anti-Atom-Aktivisten geschrieben hatten.

"Lieber @peteraltmaier, warum wollen Sie mich 10 weitere Jahre dem Risiko eines Super-GAU aussetzen?", fragten sie ihn unisono. Anlass: der erste Jahrestag der Kabinettsentscheidung, der den Weiterbetrieb von neun Atomkraftwerken vorsah.

Altmaier antwortete, dass er seinen Zugang ungern filtern und blockieren wolle. Doch die "Super-GAU-Tweets" bewirkten, "dass Tweets von anderen nicht von mir gelesen werden". Der Appell des Umweltministers: "Sagt, wie viele Ihr seid, aber spamt bitte nicht." So viel Direktheit beeindruckte selbst die Aktivisten.

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