• The Wall Street Journal

„Ein Austritt aus dem Euro bietet keinerlei Chancen"

LONDON--Der bis vor kurzem amtierende griechische Ministerpräsident Lucas Papademos hat sein Land vor einem Verlassen des Sparkurses gewarnt. Sollten die von den internationalen Geldgebern gestellten Bedingungen nicht erfüllt werden, drohe der Austritt aus der Eurozone und mit ihm verheerende Auswirkungen auf die Wirtschaft des Landes wie eine Zunahme der Inflation und neue soziale Spannungen.

In seinem ersten Interview nach Übergabe der Amtsgeschäfte an die neue Übergangsregierung in der vergangenen Woche warnte Papademos, ein Verzicht auf die Gemeinschaftswährung hätte „katastrophale" Konsequenzen für Griechenland und tiefgreifende und weitreichende Folgen für die Eurozone als Ganze. Deshalb schmiedeten einige Euroländer und verschiedene Institutionen bereits Pläne für alle Eventualitäten, sagte er dem „Wall Street Journal".

Associated Press

Vor "katastrophalen" Folgen für Griechenland warnt dessen ehemaliger Ministerpräsident Lucas Papademos.

„Ein solches Szenario ist unwahrscheinlich und weder für Griechenland noch für die anderen Länder wünschenswert. Doch es ist nicht auszuschließen, dass Vorbereitung getroffen werden, um die Konsequenzen eines möglichen griechischen Austritts einzugrenzen", erklärte Papademos.

Der Politiker, der früher als Vizepräsident der Europäischen Zentralbank fungierte, berät die neue Übergangsregierung. Diese führt das Land seit einer Woche, weil sich die Parteien nach der Wahl am 6. Mai nicht auf eine Koalition einigen konnten. Die von starker Ablehnung der Sparpolitik bestimmte Abstimmung hatte ein zersplittertes Parlament ergeben.

"Alles hängt an der griechischen Bevölkerung"

Der nächste Urnengang soll am 17. Juni stattfinden und dürfte de facto auf eine Volksabstimmung darüber hinauslaufen, ob das Land in der Eurozone bleiben will oder nicht. Die dann zu bildende neue Regierung wird nur wenig Zeit bekommen, weitergehende Sparmaßnahmen umzusetzen, um die im Rettungspaket vereinbarten Hilfszahlungen zu erhalten.

Papademos sorgt sich nach eigener Aussage, dass viele seiner Landsleute die Ernsthaftigkeit der Situation verkennen. „Die politischen Führer Europas haben eine eindeutige Botschaft mit zwei Teilen ausgesandt: Griechenland soll in der Eurozone bleiben und das Land soll seine Zusagen einhalten. Das Risiko eines griechischen Austritts ist deshalb real und alles hängt im Grunde daran, ob die griechische Bevölkerung die weitere Umsetzung des wirtschaftlichen Programms unterstützt", sagte er.

„Ich teile die Ansicht, dass bei einer Pleite Griechenlands und einem Austritt aus dem Euro die Konsequenzen für die Eurozone, also ihr Finanzsystem und die Realwirtschaft, tiefgreifend und die Kosten signifikant und weitreichend sein werden. Auch Volkswirtschaften und Länder außerhalb der Eurozone werden davon betroffen sein", warnte Papademos.

Er verwies auf Schätzungen, wonach ein Verlassen der Eurozone 500 Milliarden bis eine Billion Euro kosten würde, was sich aus Annahmen zu Abschreibungen, Ansteckungseffekten und Schäden für die Realwirtschaft zusammensetzt. Es bleibe nicht mehr viel Zeit, erklärte Papademos. Ohne weitere Hilfe würde das Land schon bald unfähig sein, Renten und Gehälter im öffentlichen Dienst zu bezahlen.

Geht schon Anfang Juni das Geld aus?

Laut einer vor zehn Tagen erstellten Kalkulation des Athener Finanzministeriums hat das Land noch ausreichend Mittel bis zum 20. Juni. Seither jedoch haben die Steuereintreiber nachgelassen, sodass die Einnahmen nicht an die Prognosen heranreichen. Zahlungsprobleme könnten also bereits in der ersten Junihälfte auftreten.

Falls nötig, könnte die Regierung auf Mittel zurückgreifen, die in einem Fonds für die Bankenrekapitalisierung lagern. Ende dieser Woche soll das Stabilisierungsvehikel den Banken des Landes 18 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, um deren Liquidität zu sichern. Danach wäre noch ein Polster von drei Milliarden Euro vorhanden.

In einem griechischen Austritt liegen Papademos zufolge keinerlei Chancen. Die Auswirkungen einer drastischen Abwertung einer neuen Landeswährung würde jeglichen Wettbewerbsvorteil im Außenhandel zunichte machen, prophezeit er.

In seinem Szenario würde sich die Inflation beschleunigen, die Realeinkommen würden sinken, das Bankensystem unter extremen Druck geraten und der Zugang zum Kapitalmarkt für das Land in weite Ferne rücken. Die Staatsverschuldung, dann in der Landeswährung angegeben, würde sich weiter erhöhen. Die Realzinsen müssten erhöht werden, um den Wechselkurs zu stabilisieren und die Inflation unter Kontrolle zu bringen.

„Ich habe Kalkulationen gesehen, wonach die Inflationsrate auf 30 oder sogar 50 Prozent zunehmen könnte - abhängig vom Einfluss der Entwicklungen auf die Inflationserwartungen und der Stärke der Zweitrundeneffekte von Preiserhöhungen auf die Löhne", sagte er. Eine solche Teuerungsspirale würde den kurzfristigen Vorteil einer abgewerteten Landeswährung für die internationale Wettbewerbsfähigkeit effektiv aufzehren, erklärte er.

„Alles in allem wären die wirtschaftlichen Auswirkungen katastrophal. Die dazukommenden politischen und sozialen Folgen eines Euroaustritts wären ebenso tiefgreifend und langanhaltend", warnte Papademos und verwies auf die zunehmende Unzufriedenheit, die schon jetzt angesichts einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent herrscht.

Inflationsrate könnte auf 50 Prozent zunehmen

Sollte Griechenland am Ende doch das Sparprogramm ablehnen und den Euro verlassen, wäre das auch eine persönliche Niederlage für Papademos, der im Dezember nur deshalb ins Amt gekommen war, weil er die Konditionen des 130 Milliarden Euro großen Rettungspakets und des Schuldenschnitts für die privaten Gläubiger aushandeln sollte.

Papademos betonte, dass es für einen Erfolg des Hilfsprogramms „wesentlich ist, dass die Konsolidierungsmaßnahmen und die Strukturreformen ergänzt werden um zusätzliche Maßnahmen, die einen unmittelbaren und deutlich positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Aktivität und Beschäftigung haben".

Die Versprechen der griechischen Parteiführer, die Sparzusagen neu zu verhandeln, bezeichnete Papademos als Fehler. Gleichermaßen irrig sei die Annahme der linken Syriza-Partei, die Partner in der Eurozone würden das Land nicht aus dem Euro drängen, selbst wenn der Sparkurs aufgegeben und die Schuldenrückzahlung eingestellt würde. Syriza hatte bei den Wahlen enorm an Zustimmung gewonnen und liegt vor der nächsten Abstimmung derzeit Kopf an Kopf mit der konservativen Nea Dimokratia.

„Diese Länder hatten große Schwierigkeiten, ihre Parlamente zu einer Zustimmung zum Rettungspaket zu bewegen. Andere Mitgliedstaaten wie Spanien oder Italien mit ihren ernsthaften haushaltspolitischen Herausforderungen würden dann gebeten werden, noch mehr zur Finanzierung Griechenlands beizutragen", beschrieb Papademos die Gemengelage in der Eurozone. „Ein Nachlassen bei der Anpassung von Ländern in Hilfsprogrammen wurde immer begleitet von einem Nachlassen der Hilfsbereitschaft der Gläubigerstaaten. Wir sollten das nicht vergessen."

—Mitarbeit: Geoffrey T. Smith und Alkman Granitsas.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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