• The Wall Street Journal

Griechen warten wegen Krise länger auf Bezahlung

Associated Press

Auch Behinderte in Griechenland sind von der Krise betroffen. Demonstranten fordern Ende Mai vor dem Innenministerium die Zahlung der seit zwei Monaten ausstehenden Hilfsleistungen.

ATHEN – Das Henry Dunant Hospital in der griechischen Hauptstadt Athen ist eine schimmernde hochmoderne Einrichtung. Es ist eines der besten Krankenhäuser des Landes, aber die medizinische Qualität seiner Leistungen schützt es in der schweren Wirtschaftskrise nicht vor einem äußerst unangenehmen Trend: Zahlungsverzug. Das Phänomen breitet sich aus wie eine Seuche und bringt Griechenland dem wirtschaftlichen Abgrund immer näher.

Von den 1.150 Beschäftigten – Ärzte einschließlich – hat für dieses Jahr noch keiner sein Gehalt bekommen, nicht einmal für einen einzigen Monat. Ende Mai erhielten die Mitarbeiter die Schlusszahlung für das vergangene Jahr. Das Krankenhaus gehört dem griechischen Roten Kreuz und steht auch bei seinen Banken und Lieferanten in der Kreide – mit mehr als zehn Millionen Euro. Doch das Krankenhaus ist selbst nur ein Opfer: Die griechische Regierung schuldet der Einrichtung mindestens 20 Millionen Euro.

Zahlungsstopp ist ein alltägliches Phänomen geworden

Henry Dunant ist nur ein Fall von vielen. Immer mehr Institutionen und Unternehmen in Griechenland können nicht zahlen, weil sie selbst auf Geld warten. Viele Beschäftigte bekommen keinen Lohn und kein Gehalt – zumindest nicht rechtzeitig und manchmal überhaupt nicht. Geschäftsleute begleichen untereinander ihre Rechnungen nicht mehr. Und der griechische Staat zahlt seine Lieferanten nicht und erstattet keine Steuerguthaben mehr.

„Der einzige Grund, warum das Krankenhaus noch geöffnet ist", sagt Anthony Rapp, „das sind die Mitarbeiter, die den Betrieb am Laufen halten." Rapp ist ehemaliger Manager von Krankenhäusern der US-Luftwaffe und arbeitet jetzt in der Verwaltung des Henry Dunant Hospital, um die Einrichtung zu erhalten. „Was hier im Krankenhaus geschieht, ist nur ein Mikrokosmos dessen, was überall in Griechenland geschieht", sagt er.

Das Phänomen des Zahlungsverzugs hat sich ausgebreitet, als die Krise im Jahr 2010 begann. In den vergangenen sechs Monaten ist es selbstverständlich geworden. Zwischen 400.000 und 500.000 der insgesamt zwei Millionen Festangestellten von privaten Unternehmen haben nach Angaben der griechischen Arbeitsmarktaufsicht seit drei und mehr Monaten keine Löhne bekommen.

„Drastische Verschlechterung" seit zwei, drei Monaten

Erst kürzlich hat die Behörde damit begonnen, diese Daten zu sammeln – als für jedermann sichtbar war, dass säumige Zahlungen zu einem echten Problem geworden sind. Vertreter der Behörde räumen aber ein, dass verspätete Lohnzahlungen im vergangenen Jahr massiv zugenommen haben.

Ein Drittel der kleinen und mittleren Unternehmen, die insgesamt die griechische Wirtschaft dominieren, zahlen ihre Lieferungen nur mit Verspätung, wie ihr Verband in einer Übersicht vom Januar ausweist.

Seitdem hat sich die Zahlungsmoral drastisch verschlechtert, sagte Dimitris Asimakopoulos, der Chef des Verbandes und Inhaber einer mehr als 100 Jahre alten Konditorei im Herzen von Athen. Die zunehmende Wahrscheinlichkeit eines Ausstritts aus der Eurozone habe dazu geführt, dass die Griechen noch vorsichtiger seien, ihre Rechnungen zu bezahlen und den Euro aus der Hand zu geben.

„Besonders in den vergangenen ein, zwei Monaten hat es sich verschärft: Niemand will mehr irgendjemandem Geld geben – Steuern, Löhne, Lieferungen, alles bleibt aus", beschreibt Asimakopoulos die Situation: „Griechen halten den Euro für eine sehr harte Währung. Deshalb horten sie ihn in ihren Taschen, auf ihren Konten oder zu Hause. Sie wollen ihn nicht mehr ausgeben; sie wollen niemanden mehr bezahlen."

Athen ist mitverantwortlich

Übeltäter ist auch die griechische Regierung. Sie war Ende 2011 mit Zahlungen von 5,7 Milliarden Euro bei Lieferanten und Dienstleistern säumig. Die Entscheidung von Eurozone und Internationalem Währungsfonds, die vereinbarten Hilfszahlungen zu verzögern, um ihre Forderungen durchzusetzen, hat das Problem der staatlichen Stellen anscheinend vergrößert. Die Verschiebung einer Hilfstranche von September auf Dezember zum Beispiel hatte zur Folge, dass ein Plan der Regierung gegen den sich ausbreitenden Zahlungsverzug scheiterte. Das zumindest geht aus dem jüngsten Report der EU-Kommission zu Griechenland hervor.

Der Zahlungsverzug der öffentlichen Hand in Griechenland hat selbst klassische Exportfirmen getroffen und damit jene Unternehmen, auf die das Land setzen muss, wenn wie zu erwarten die Inlandsnachfrage massiv einbricht. Hellenic Fabrics, einer der größten Jeanshersteller Europas, wartet auf eine Mehrwertsteuererstattung im Volumen von sieben Millionen Euro.

"Der Staat verzögert die Rückerstattung der Umsatzsteuer mit einem sehr komplizierten und langwierigen Verfahren", sagte John Accas, der den Verwaltungsrat des Unternehmens führt. Hellenic Fabrics hat die Zahl seiner Beschäftigten auf 400 reduziert. 2008 waren es noch mehr als 500. Das Unternehmen hat wegen der verzögerten Steuerrückzahlungen inzwischen Liquiditätsprobleme. Die stark verknappten Kredite griechischer Banken tun ein Übriges.

Im Schnitt werden die Löhne mit einem Monat Verzögerung ausbezahlt, räumt auch Accas ein. Zwar hat sein Unternehmen noch intakte Kreditlinien bei den Banken, doch könne niemand sicher sein, was „in naher Zukunft in Griechenland passiert", sagte er.

Importierte Medikamente nur noch gegen Vorkasse

Für griechische Importeure gab es in der vergangenen Woche schlechte Nachrichten: Zwei der größten Anbieter von Exportversicherungen, Euler Hermes, eine Tochter des deutschen Versicherers Allianz, sowie Coface, kündigten an, sie würden wegen der stark steigenden Ausfallrisiken keine Lieferungen nach Griechenland mehr versichern.

Im Krankenhaus Henri Dunant stehen die Mitarbeiter nach Monaten ohne reguläres Gehalt inzwischen unter erheblichem Stress. Einige Mitarbeiter konnten ihren Hypothekenverpflichtungen deshalb nicht mehr nachkommen, andere ihre Miete nicht mehr bezahlen. Letztere sind zurück in die Wohnungen ihrer Eltern gezogen. „Das vergangene Jahr war für uns die Hölle", sagt Internistin Anastasia Koutsouri.

Es ist zunehmend heikel geworden, die unverzichtbaren Medikamente und medizinische Geräte aus dem Ausland zu bekommen. Lieferanten des Hospitals verlangen inzwischen Vorkasse, eine Entwicklung, die viele griechische Unternehmen mittlerweile trifft. Das Krankenhaus hat vor allem Schwierigkeite, die wirklich teuren Medikamente und Verbrauchsmaterialien noch zu bekommen.

„Wir haben riesige Probleme mit unseren Lieferanten, die uns sehr, sehr lange unterstützt haben", sagt Krankenhausverwalter Anthony Rapp. „Aber das kann ja nicht immer so bleiben."

Rapp ist vor einigen Jahrzehnten mit der US Air Force nach Griechenland gekommen, hat eine griechische Frau geheiratet und hat inzwischen die griechische Staatsbürgerschaft. Er habe schon mehrere Krisen in dem Land durchlebt, sagte er. Doch dieses Mal fürchte er wirklich um die Zukunft. „Es ist ungeheuer belastend", sagte Rapp. „Ich bin eigentlich ein unbeschwerter Mensch. Aber jetzt wache ich nachts häufiger auf und kann nicht mehr schlafen."

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