Von JACK HOUGH
Nachdem die Goldpreise im Mai um sechs Prozent gefallen waren, ging es am Freitag - dem ersten Tag im neuen Monat – um 3,7 Prozent nach oben. Zu Wochenbeginn ging es weiter aufwärts. Skeptiker sehen hierin eine kurze Erholung in einem längeren Abwärtstrend. Goldbullen dagegen hoffen auf den Startschuss zu einer neuen ruhmreichen Rally.
Sich auf eine der beiden Seiten zu stellen, ist mehr oder weniger nutzlos. Gold trotzt allen Versuchen, seinen Wert zu berechnen – oder auch nur zu beschreiben, wie es sich als Anlage verhält. Einen eindeutigen Grund, Gold zu kaufen, gibt es damit nicht.
Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie ohne Gold nicht gut schlafen können, sollten Sie einen Multivitamin-Ansatz wählen: Ein bisschen kann nicht schaden, eine Überdosis jedoch kann schnell giftig wirken.
Der Goldpreis neigt dazu, sich in langen Zyklen zu bewegen – sowohl im Boom als auch im Absturz. Vor dem jüngsten Rückschlag hat sich Gold in über einem Jahrzehnt mehr als verfünffacht. Über die Erträge von Aktien und anderen Anlagen konnten Goldbesitzer in dieser Zeit nur lachen. Zuvor allerdings hatten sie 20 Jahre lang Geld verloren.
Wirre Korrelationen zu anderen Anlagen
Einige Anleger betrachten Gold als sicheren Hafen. Das ist es auch – aber nur, wenn es will. Vor gut zwei Jahren, als Investoren sich langsam bewusst wurden, dass die griechischen Defizite viel höher waren als von offizieller Seite berichtet, folgte das Edelmetall US-Staatsanleihen nach oben, während griechische Bonds kollabierten.
Im vergangenen Monat, als sich die griechische Finanzkrise zuspitzte, taumelten griechische Anleihen erneut und US-Treasuries zogen entsprechend an. Diesmal jedoch knickte der Goldpreis ein.
Um das Verhalten des Goldpreises zu untersuchen, haben wir FactSet Research Systems gebeten, die kurzfristige Korrelation des Metalls mit zwei anderen Anlagen zu untersuchen: der zehnjährigen US-Staatsanleihe als Repräsentant für sichere Häfen und dem S&P-500-Index als Benchmark für Risikoanlagen.
Die Korrelation misst, wie sehr sich die Kursverläufe zweier Anlagen ähneln. Ein Wert von 1.0 bedeutet, dass sie im Gleichschritt auf und ab schwanken, ein Wert von Null dagegen zeigt eine völlig unabhängige Entwicklung an, während ein Wert von minus 1.0 besagt, dass sie komplett entgegengesetzt laufen.
Was FactSet herausgefunden hat, ist – Chaos. Die Korrelation zwischen Gold und zehnjährigen US-Anleihen hat in den vergangenen fünf Jahren mehrfach die Richtung gewechselt. Zu einigen Zeitpunkten ist sie über 0,6 Prozent gesprungen, zu anderen Zeiten fiel sie unter minus 0,8. Ähnlich wirr ist die Beziehung zwischen Gold und Aktien, wo die Korrelation im Hoch über 0,9 lag.
Gold hat eine multiple Persönlichkeitsstörung
In anderen Worten: Gold scheint unter einer multiplen Persönlichkeitsstörung zu leiden.
Gold-Fans begründen ihre Vorliebe für das Edelmetall immer wieder damit, dass dieses vor Inflation schütze. Das trifft auf alle Güter und Dienstleistungen zu, bei denen Konsumenten davon ausgehen können, dass sie auch in den kommenden Jahren gefragt sein werden – so wie Öl oder Geflügelfarmen. Die wilden Ausschläge des Goldpreises machen es aber schwer, einen Zusammenhang mit dem Verbraucherpreisindex als zentralem Inflationsmaß herzustellen.
Vielleicht liegt das daran, dass nur 12 Prozent der Goldnachfrage aus der Industrie kommen, wie das World Gold Council angibt. Der Rest kommt von Juwelieren und Anlegern – und die Trennung zwischen beiden ist nicht immer ganz klar.
Trotzdem wird Gold gerne als "echtes Geld" geschätzt – als Wertaufbewahrungsmittel, das seinen Wert auch in Zeiten behält, in denen Regierungen so viel Papiergeld drucken, dass ihre Währungen fast zwangsläufig entwerten werden müssen. Führt man diesen Gedanken logisch zu Ende, bedeutet das, dass die Regierungen eines Tages wieder dazu übergehen müssten, ihre Währungen an den Goldpreis zu binden, sagt James Swanson, Chef-Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft MFS.
Dies jedoch sei eine Fantasie, sagt er, da einige mächtige Staaten sehr wenig Gold besitzen, während einige goldreiche Nationen nur wenig Einfluss haben.
Gold wirft keine Erträge ab, sondern kostet Geld
Wo also liegt der wahre Wert des Goldes? Bei Aktien, Anleihen, Mietshäusern oder Waschsalons kann man diese Frage beantworten, indem man den Kaufpreis mit dem erwarteten Cashflow vergleicht. Gold jedoch generiert keinerlei Erträge. Im Gegenteil: Die Lagerung von Barren und Münzen kostet sogar.
Als Näherungswert für den künftigen Preiskanal ziehen manche Investoren die Kosten heran, die weltweit für die Produktion der nächsten Unze Gold fällig werden. Diese Kosten liegen im Moment – je nach Effizienz einer Mine – zwischen 1.200 und 1.400 Dollar, schätzt Michael Dudas, ein Analyst für Goldminenaktien bei der Investmentbank Sterne Agee. Am Montag lag der Goldpreis bei 1.625 Dollar je Unze.
Doch auch hier lauert eine Falle: Die Produktionskosten der Goldminen seien im Gleichschritt mit dem Goldpreis gestiegen, weil Minenfirmen die Preise ihrer Maschinen angehoben hätten. Staaten, unter deren Boden viel Gold schlummert, haben wiederum die Gebühren, die sie von den Minen erheben, ebenfalls erhöht, sagt Dudas. Insofern ist ein Preisband für Gold, das sich aus dessen Produktionskosten ergibt, wenig wert.
Natürlich beruht auch der Goldpreis letzten Endes auf Angebot und Nachfrage, und die Nachfrage ist im zurückliegenden Jahrzehnt kräftig gewachsen. Mit Hilfe von börsengehandelten Indexfonds wie dem SPDR Gold Shares oder dem iShares Gold Trust können Anleger so leicht wie nie zuvor Gold kaufen. Zudem haben Münzhändler die Angst und das Misstrauen der Anleger, das die globale Finanzkrise hinterlassen hat, für sich zu nutzen gewusst.
Um zu wissen, wie man mit Gold als Anlage umgeht, brauche man jedoch eher ein Handbuch für Psychologie als einen Taschenrechner, sagt Swanson. Will sagen: Wenn man Geld für einen bestimmten Zweck anspart, sollte man sich nicht auf das Metall verlassen.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

dapd



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