Von DAVID ENRICH
LONDON—Der Skandal um manipulierte Zinssätze hat bereits drei Schlüsselfiguren der britischen Finanzbranche den Job gekostet. Am Montag nun könnte es dem Vizegouverneur der Zentralbank Bank of England an den Kragen gehen. Er muss vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss aussagen und wird schwer darum kämpfen müssen, ein Desaster von seiner eigenen Karriere abzuwenden.
Paul Tucker, heiß gehandelter Kandidat für den nächsten Gouverneursposten bei der englischen Zentralbank, wird sich am Montagnachmittag erklären müssen. Abgeordnete werden ihn dazu befragen, wie die britische Bank Barclays und andere globale Finanzinstitute auf unlautere Weise die Zinsraten zu manipulieren versucht haben, darunter vor allem den Londoner Referenzzinssatz im Interbankengeschäft, Libor.
Der Libor, der weltweit als richtungsweisend für Anleihegeschäfte in Billionenhöhe gilt, wird von den wichtigsten internationalen Banken täglich neu festgelegt. Dabei gleichen die Banken ab, wie viel Geld sie zahlen müssen, um sich untereinander zu refinanzieren. Wie sich im Zuge des Skandals herausstellte, hatten die Banken diese Ausleihkosten während der Finanzkrise jahrelang als viel zu niedrig dargestellt, um von ihrer wachsenden Finanznot abzulenken.
In der vergangenen Woche aber war auch Tucker ins Scheinwerferlicht gerückt. Die britische Bank Barclays, die sich nach der Libor-Manipulation mit den britischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden auf einen Vergleich über 290 Millionen britische Pfund (rund 366 Millionen Euro) geeinigt hatte, hatte im Nachgang der Einigung eine Reihe von Notizen veröffentlicht. Diese bezogen sich auf ein Telefongespräch, das Tucker und der spätere Barclays-Vorstandschef Robert Diamond im Oktober 2008 geführt hatten. Diamond war wegen des Skandals in der vergangenen Woche zurückgetreten.
Seinen Notizen zufolge hatte Tucker damals die Bedenken „hochrangiger" britischer Regierungsvertreter mit Blick auf die überdurchschnittlich hohen Libor-Zinsangaben von Barclays wiedergegeben. „Herr Tucker bemerkte, dass – obwohl er sicher sei, dass wir keine Ratschläge bräuchten – wir nicht immer so hoch aussehen müssten, wie wir es jüngst getan haben", schrieb Diamond zwei Kollegen am Tag nach dem Telefonat.
Nach Angaben der Bank legte einer der beiden, der Investmentmanager Jerry del Missier, diese Bemerkung damals wie einen Freibrief aus, um Barclays Ausleihkosten als zu niedrig anzugeben. Auch del Missier hat in der vergangenen Woche gekündigt.
Die Enthüllung der Telefonnotizen legt nahe, dass nicht nur Banker, sondern auch Regierungsvertreter und Zentralbankobere in den Skandal verwickelt waren. In Großbritannien brach daraufhin ein Sturm der Entrüstung los, der besonders laut tobte, weil Paul Tucker so eine prominente Figur in England ist.
Wie am Montag veröffentlichte E-Mails zeigen, hatte Tucker im jahr 2008 mit Kabinettssekretär Jeremy Heywood darüber diskutiert, wie die Verschuldungskosten für Banken gesenkt werden könnten. Eine direkte Aufforderung an die Banken, den Referenzzinssatz Libor zu manipulieren, habe es aber nicht gegeben.
Die E-Mails aus dem Jahr 2008 wurden am Montag von der Bank of England veröffentlicht. Der Parlamentsabgeordnete John Mann hatte dies unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz beantragt. Der stellvertretende Gouverneur und der Kabinettssekretär, dessen Position etwa dem des deutschen Kanzleramtsminister entspricht, zeigten sich darin besorgt über die hohen Kosten für in Sterling denominierte Interbankenkredite im Vergleich zu ähnlichen Papieren in Dollar.
„Warum fallen die Renditen für Libor-Kredite nicht so schnell wie in den USA?", fragte Heywood Tucker am 21. Oktober 2008. Später fragte er Tucker, ob es politische Optionen für die Regierung gebe. Vorschläge, dass die Banken den Zinssatz manipulieren könnten, tauchen in dem elektronischen Postwechsel nirgendwo auf.
Tucker gilt als Zentralbank-Veteran, er arbeitet seit 32 Jahren bei der Bank of England und ist für die finanzielle Stabilität seines Landes verantwortlich. Tucker wird als wahrscheinlichster Nachfolger für Mervyn King gehandelt, der im nächsten Jahr als Gouverneur von der Spitze der Notenbank abtreten wird.
Jetzt aber steht er in einer Reihe mit Banken-Strippenziehern wie Robert Diamond, die zur politischen Giftfigur geworden sind.
Tucker und die Bank of England haben es bisher verweigert, sich zu der Affäre zu äußern – sie stellten lediglich den Antrag, sich vor dem Unterhaus erklären zu dürfen.
Infografik
Unterstützung erhielt Tucker schon vor seiner Aussage, denn Diamond sprang für ihn in die Bresche. Nach Veröffentlichung der Notizen erklärte er vergangene Woche, er glaube nicht, dass Tucker mit seiner Bemerkung eine Manipulation der Libor-Sätze nahelegen wollte. Vielmehr habe Investmentbanker del Missier die Notiz missverstanden.
Einige britische Abgeordnete sind dennoch skeptisch. „Hier steht doch im Grunde, dass Minister oder Regierungsvertreter Sie darum gebeten haben, bei ihren Angaben zu pfuschen", warf der konservative Abgeordnete Michael Fallon dem ehemaligen Barclays-Chef Diamond in der vergangenen Woche vor.
Auch beim berühmten Tennisturnier in Wimbledon am Wochenende tratschte die Finanzelite viel über Tucker und sein mögliches Schicksal im Zuge des Libor-Skandals. Einer, der sich selbst zu Tuckers Freundeskreis zählt, glaubt, die Hoffnungen des Vize-Gouverneurs, an die Spitze der Notenbank aufzusteigen, seien nun „tief verletzt".
Kontakt zum Autor: david.enrich@wsj.com








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