• The Wall Street Journal

Silicon Alley - Gründer-Boom im Wilden Westen Berlins

Associated Press

Berlin ist hip - auch bei Gründern.

Felix Petersen projiziert den Traum der Berliner Gründer auf die Leinwand im „Heinz". „How to raise capital", das ist sein Thema: Wie überzeugt man Investoren? „Heinz" heißt der Konferenzraum im Berliner Szene-Biotop Kater Holzig. Es ist Ende August und Tech Open Air an der Spree, ein Festival für Menschen, die eine Geschäftsidee haben, und für Menschen, die Geld in gute Ideen investieren wollen, damit daraus ein erfolgreiches Unternehmen wird.

„Ich bin Felix, und das ist mein iPhone." So stellt sich Petersen vor. Der Mann auf der Bühne - tintenblaue Chinos, Ben-Sherman-Hemd, schwarze Hornbrille, zarter Schnauzer - ist Publikum gewohnt. Gern teilt er seinen Erfahrungsschatz. Schon zweimal hat es der Berliner Gründer geschafft, Investoren von einer Idee zu überzeugen. Erst für Plazes, eine Handy-Software, die schon vor dem iPhone Freunde in der Nähe finden konnte, dann für Amen, eine App, über die Nutzer Superlative twittern können.

Martin Varsavsky CC2.0/flickr

Felix Petersen, Gründer von Plazes und Amen.

Plazes und Amen sind zwei von etwa 400 Start-ups, die seit 2005 in Berlin gegründet worden sind, 250 davon entstanden in den vergangenen zwei Jahren, schätzt das Webmagazin deutsche-startups.de. Die IHK Berlin zählt sogar 1300 neue Web-, Software- und IT-Unternehmen seit 2008. Je nachdem, ob man IT-Firmen und Biotech-Unternehmen mitzählt, sind in der Hauptstadt zwischen 10.000 und 50.000 neue Jobs entstanden.

Plötzlich gilt Berlin neben London als Europas Gründerhauptstadt. Die New York Times adelte die Stadt zur „Silicon Alley". Gründen im Netz war noch nie so einfach wie heute. Und ist dabei so hipp geworden, dass inzwischen sogar McKinsey-Berater dafür ihren Job aufgeben.

Powerpoint-Karaoke an der Spree

Berlin scheint als Kulisse für den Boom wie gemalt, auch an diesem Nachmittag im Kater Holzig. Zum Pitch finden sich hier Gründer und Investoren auf einem Floß zusammen, eine ganze Stunde lang auf der Spree. Auf dem „Rummel", der Außenbühne an Land, legt Daddy Hemmingway derweil eine seiner Soulnummern hin. Bevor sich am Abend alle zur Powerpoint-Karaoke einfinden, wird er noch vom Wilden Westen erzählen. So sei Berlin nämlich gewesen, damals, Anfang der neunziger Jahre, als die Stadt noch so anders war als heute.

Die meisten im Publikum waren damals entweder noch nicht auf der Welt oder spielten noch mit Lego. Aber auch für sie verkörpert Berlin ihre Vision vom Wilden Westen. Unangepasster und wilder soll es hier zugehen als anderswo, jeder könne hier sein Ding machen – ein Traum, den man besser nicht verpassen sollte.

Steven Ritzer CC2.0/flickr

Im Berliner Szene-Biotop Kater Holzig trafen sich aufstrebende Start-ups zum Tech Open Air.

Aber ist die Berliner Szene nur einer von vielen Teilen einer neuen popkulturellen Bewegung, die auch in Städten wie Istanbul, Warschau oder Tel Aviv digitale Wurzeln geschlagen hat? Eine von vielen Karaoke-Versionen auf das Silicon Valley? Oder wächst ausgerechnet in der industriefreien deutschen Hauptstadt der Mittelstand von morgen?

Gründer wie Investoren eint die Hoffnung auf ein neues Instagram, jene Foto-App, die Facebook kurz vor dem eigenen Börsengang für ein Milliarde Dollar erstanden hat. Diesen Traum träumen viele in Berlin, auch wenn ihn hier anders als im richtigen Silicon Valley nur eine Handvoll Leute vorleben. In etwas kleinerem Maßstab, versteht sich.

Ashton Kutcher finanziert Superlativ-App Amen

Felix Petersen ist einer von ihnen. Seine erste Firma hat er 2005 gegründet und nur drei Jahre später an Nokia verkauft. Für Amen, sein neues Unternehmen, hat er auch schon wieder zwei Millionen Euro eingesammelt. Nicht schlecht für einen Dienst, über den Nutzer Sätze versenden wie: „Das KaDeWe ist das beste Kaufhaus zum Fahrstuhlfahren". Oder: „Facebook ist die beste Zeitverschwendung der Welt."

Für Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher, bekannt für sein Faible für Twitter, scheint Amen mehr als eine Zeitverschwendung zu sein. Auch er hat Petersen Geld gegeben, damit er noch mehr starke Meinungen in die Welt setzen kann. Ein Grund mehr für den Amen-Gründer, im „Heinz" darüber zu reden, wie man am besten Geld von Investoren sammelt.

Geld für die Expansion ihrer Firma fehlt den meisten hier auf dem Tech Open Air. Zwar wimmelt es in Berlin von Business Angels, also Investoren wie Kutcher, die sich in eine Idee verlieben, die frische Saat mit Cash düngen und dann hoffen, das etwas draus wird. Doch die Finanzierungsrunden werden nur allmählich größer. Gerade hat die australische Investmentbank Macquarie 15 Millionen Euro in den Berliner Essensbestellservice Lieferando investiert. Und eine Umfrage der Facebook-Gruppe Berlin Start-ups hat kürzlich ergeben, dass in den vergangenen zwölf Monaten 20 Firmen jeweils mehr als eine Million Startkapital erhalten haben.

Zalando

Der Online-Versandhändler Zalando der Samwer-Brüder gehört zu den Hoffnungsträgern Berlins.

Zwar landen jetzt immer häufiger Venture-Kapitalisten aus New York und London in Berlin. Um es aber mit dem richtigen Valley aufzunehmen, fehlen in der Alley noch die großen Investoren, die in den späteren Finanzierungsrunden ins Risiko gehen, „Es sind insgesamt erst 450 Millionen Euro nach Berlin geflossen", sagt Kolja Hebenstreit von Team Europe, dem Brutkasten von Spreadshirt- und Studi-VZ-Gründer Lukasz Gadowski. Viel ist das nicht. Zur Einordnung: Google hat für den Rabattschlächter Groupon allein sechs Milliarden Dollar geboten – und kam damit nicht mal zum Zug.

Die 100 weltgrößten Start-ups kommen aus den USA

„Keines der Berliner Start-ups hat sich bislang in den USA durchsetzen können", sagt Joel Kaczmarek vom Berliner Webmagazin Gründerszene. Die 100 größten Start-ups der Welt kommen aus den Staaten.

„Amerika spielt Champions League, Asien Bundesliga, Europa Kreisliga", verwandelt Lars Hinrichs trocken, der nach dem Börsengang seines Business-Netzwerks Xing mit der Hamburger Firma Hackfwd weltweit Starthilfe für junge IT-Firmen anbietet, nicht nur in Berlin. „In der Hauptstadt wird zu früh verkauft. Vielen, die jetzt anfangen, ist der schnelle Exit wichtiger als ein nachhaltiges Geschäftsmodell", sagt Hinrichs. „Bisweilen haben die jungen Leute Bewertungsvorstellungen, die sind utopisch."

Die Gier ist da – und wird von erfolgreichen Gründern wie Petersen genährt. Im Heinz der von einem jungen Polen aus Warschau gefragt, welches der größte Fehler sei, den man beim Gründen so machen könne. Vorfreudig – dankbar für die Steilvorlage – federt Petersen in die Höhe und antwortet: „Einen Businessplan." Es ist nicht ganz klar, ob er das ironisch meint.

Die Luft im brechend vollen „Heinz" ist inzwischen schweißgeschwängert. Vor einer halben Stunde war das anders. Da erkärte Florian Heinemann, Chef des Inkubators Projekt A Ventures, in einem halbleeren Raum, anhand welcher Daten Gründer ihren Erfolg im Netz am besten messen, erkennen, kontrollieren können. Sein wichtigster Tipp: Um die Erfolgsmessung sollte sich unbedingt der klügste Kopf der Firma kümmern.

Es geht im Gründerberlin eben noch nicht so sehr darum, Gewinne zu erwirtschaften. Es geht nicht um das Jetzt, sondern um ein Versprechen an die Zukunft, darum, eine Firma groß zu denken. Noch fehlen Berlin Ideen von internationaler Bedeutung. Noch warten alle auf „the next big thing".

Hoffnungsträger Zalando und Soundcloud

Genau genommen eigentlich nur auf den ersten großen Deal. Vielleicht wird es der Online-Versandhändler Zalando der Samwer-Brüder sein, der es bis an die Börse schafft. Vielleicht auch nicht, wenn weiter zu viele Nutzer ihre Bestellungen retour geben. Vielleicht wird es die Musiktauschbörse Soundcloud sein, die inzwischen mehr als zehn Millionen Menschen nutzen. Die Firma des Schweden Alexander Ljung hat es zumindest in die dritte Finanzierungsrunde geschafft und Anfang des Jahres 50 Millionen Euro vom US-Investor Kleiner Perkins Caufield & Byers eingesammelt.

Felix Petersen gehört auch ein Stückchen von Soundcloud. Er ist einer der Gründer der zweiten Generation, die mit ihrem Geld nun auch andern Firmen auf die Beine helfen. Angeführt wird die Generation von den Samwers, Lukasz Gadowski mit Team Europe gehört dazu oder der Schweizer Multigründer Christophe Maire. Verlage wie Dumont, Madsack oder Holtzbrinck hoffen, im Netz ihr Kerngeschäft kompensieren zu können. Handelskonzerne wie Otto oder Tengelmann sind angefixt von den Möglichkeiten des E-Commerce. AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und SAP-Mitgründer Hasso Plattner wetteifern um die heißesten Geschäftsideen.

Und so ist in Berlin in den vergangenen Jahren ein engmaschiges, stetig wachsendes Netzwerk entstanden, das sich allmählich aus sich selbst heraus nährt. Getragen von einer Melange aus Euphorie, Übertreibung, Unsicherheit und Zweifeln fühlt sich Berlin selbst ein wenig so an wie ein Start-up.

Vielleicht braucht die Stadt einfach noch ein paar Jahre, bis es eine große Company ausspuckt. Im Silicon Valley machen die das schließlich auch schon eine Weile.

Marcus Pfeil ist freier Journalist in Berlin. Für das Wall Street Journal Deutschland beobachtet er die Entwicklung der Start-up-Szene in der Hauptstadt. Darüber berichtet er ab kommender Woche in der neuen Kolumne "Gründerjahre".

Folgen Sie unserem Twitter-Account für Start-up-Themen!

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 20. Mai

    In China explodiert eine Straßenüberführung, in Indien wütet eine Hitzewelle und in Israel kommt eine Geisel frei. Das und mehr sehen Sie in unseren aktuellen Fotos des Tages.

  • [image]

    Die Krise erreicht die Stierkampf-Arena

    Die Jahrhunderte alte spanische Stierkampf-Tradition steht vor dem Aus. Regionaler Nationalismus und Tierschützer setzen ihr schon seit Jahren zu. Die Rezession droht dem blutigen Spektakel aber den Gnadenstoß zu versetzen.

  • [image]

    Otto – ein deutsches Einkaufsimperium

    Die Otto Gruppe besteht nicht nur aus dem gleichnamigen Versand. Gegründet 1946, ist Otto heute in mehr als 20 Ländern aktiv - mit 123 Konzerngesellschaften wie SportScheck, Manufactum, Mirapodo oder Hermes. Überrascht? Wir zeigen, was noch alles zum Imperium gehört.

  • [image]

    Die SPD und ihre Gesichter

    In diesem Jahr feiert die SPD ihr 150 jähriges Bestehen. In der Geschichte der Bundesrepublik und des vereinigten Deutschlands hat sie die Politik entscheidend mitgeprägt. Wir zeigen einige der wichtigsten Politiker der altehrwürdigen Partei.

  • [image]

    Argentiniens versunkene Stadt taucht wieder auf

    Eine kleine Stadt in der Nähe von Buenos Aires versank nach einem Dammbruch vor 27 Jahren im Meer. Mehr als ein Vierteljahrhundert später erblickt die argentinische Geisterstadt Epecuén wieder das Licht.

Erwähnte Unternehmen