Von SIMON NIXON
Keine Frage, die europäischen Banken sind immer noch unbeliebt. Dass die 71 größten Institute laut der europäischen Bankenaufsicht EBA seit den letzten Stresstests 200 Milliarden Euro an Kapital aufgenommen haben, ändert daran auch nichts. Genauso wenig wie die Gewissheit, dass Spanien in seinem Finanzsektor gerade ordentlich aufräumt. Trotz des Anstiegs ihrer Aktienkurse um mehr als 50 Prozent seit Ende Juli werden Banken in ganz Europa weit unter ihrem Buchwert gehandelt und in Teilen des Kontinents herrscht Kreditknappheit.
Das frustriert die Geldpolitiker: Erst kürzlich hat EZB-Präsident Mario Draghi die Banken aufgerufen, ihre Bilanzen weiter zu stärken. Auch die Bank of England hat ähnliche Forderungen erhoben. Und das, obwohl die britischen Institute mit die stärksten Eigenkapitalquoten in Europa haben.
Viele glauben, dass die Probleme der Banken vor allem deshalb so hartnäckig bestehen bleiben, weil die Institute ihre faulen Kredite nicht konsequent genug abschreiben. Das ganze Finanzsystem, so die weit verbreitete Furcht, könnte es dem japanischen gleichtun und so viele unrealisierte Verluste in seinen Bilanzen behalten, dass es keine neuen Kredite vergeben kann.
Gesunde Kredite - aber nicht mehr profitabel
Doch diese Sichtweise ist nur teilweise richtig. Der Markt fürchtet zwar immer noch, dass spanische Banken auch nach dem jüngsten Stresstest noch beträchtliche Verluste vertuschen. Doch auf dem ganzen Kontinent sind das Problem weniger notleidende Kredite; es sind gesunde Kredite, die nicht mehr profitabel sind. Als Banken am Markt noch leicht Geld besorgen konnten, machten diese Kredite ökonomisch Sinn. Doch jetzt sind die Finanzierungskosten gestiegen und die Kapitalregeln strenger geworden.
In den Boomjahren haben Banken hunderte Milliarden von Euro an Krediten vergeben, wie die hohen Kredit-Einlagen-Verhältnisse von damals zeigen. Doch diese Zeiten sind vorbei – und kommen niemals wieder. Also was können die Banken noch tun? Die Bilanzierungsvorschriften erlauben es ihnen nicht, Kredite abzuschreiben, bevor alles auf einen nahen Zahlungsausfall hindeutet.
Theoretisch können Banken unprofitable Kredite in ihr Handelsbuch übertragen und sie als zum Verkauf stehende Papiere behandeln. In diesem Fall können sie den Wert an den Marktpreis anpassen. Doch oft gibt es keinen liquiden Markt für solche Papiere. Die Bank hat womöglich einen Kredit zu fast 100 Prozent des Nennwerts in ihrer Bilanz. Der wahre Wert liegt jedoch eher bei 90 Prozent. Eine Private-Equity-Firma oder ein Hedge Fonds mit einem Renditeziel von 20 Prozent auf das Eigenkapital zahlt für ein solches Papier jedoch vielleicht nur 50 Prozent des Nennwerts. Warum sollte eine Bank diesen Preis akzeptieren?
Anleihemärkte trauen Banken nicht
Natürlich hat es an Japan erinnernde Konsequenzen, an diesen Papieren festzuhalten. Banken, die unter unprofitablen Krediten leiden, können nicht genug Gewinn generieren, um die ständig steigenden Eigenkapitalvorgaben zu erreichen, und erst recht nicht genug, um neue Kredite zu vergeben. Banken, die keine gute Kapitalrendite generieren können und auch keine Aussicht auf Besserung geben, werden meist unterhalb ihres Buchwerts gehandelt. Das macht es schwieriger, Kapital einzusammeln.
Aus diesen Gründen trauen auch die Anleihemärkte den Banken nicht, wodurch diese immer abhängiger von Zentralbankmechanismen werden. Notenbanken verleihen jedoch ungern langfristig Geld, weshalb Banken noch stärker unter Druck stehen, ihr Kreditportfolio abzubauen. Das wiederum schadet der Wirtschaft und macht das verbleibende Darlehensportfolio anfälliger, was die Kapitalquoten zusätzlich in Gefahr bringt.
Dieser Teufelskreis gefährdet große Teile des europäischen Bankensystems – sowohl in Ländern wie Großbritannien, Spanien und Irland, die einen besonders großen Boom erlebt hatten, als auch dort, wo es keine Immobilienblase gab, die Kreditkosten jedoch als Konsequenz der Krise deutlich gestiegen sind; so wie in Italien.
Die Aufsichtsbehörden scheinen keine gute Antwort auf dieses Problem zu finden. Zuerst verlangten sie, dass Banken ihre problematischen Kredite abschreiben und ihre Eigenkapitalquoten erhöhen. Doch das hat den Wirtschaftsabschwung nur noch verstärkt.
Seitdem haben Zentralbanken versucht, den Banken längerfristige Kredite anzubieten. Doch selbst diese Mechanismen laufen nur über drei Jahre, während Hypothekenkredite Laufzeiten von über 20 Jahren haben können. Deshalb hatte Irland bei der Planung seiner Bankenrettung einen EZB-Kredit über zehn Jahre verlangt, der jedoch abgelehnt wurde. Die Notenbanken wissen, dass derart langfristige Kredite den Banken keinen Anreiz mehr geben, ihre mangelhaften Geschäftsmodelle zu reparieren.
So könnte Kreditproblem gelöst werden
Eine Möglichkeit ist, diese gesunden, aber unprofitablen Kredite komplett aus den Bilanzen herauszunehmen. Die verstaatlichte irische Bank Permanent TSB plant, ihre unprofitablen Hypotheken zu einer Bad Bank zu übertragen, um womöglich wieder privatisiert werden zu können. Nach diesem Muster könnte das irische Bankensystem komplett aufgeräumt werden, berichteten einige mit der Situation vertraute Personen.
Spanien könnte diesem Beispiel teilweise folgen. Die neue staatliche Asset Management Company könnte einige gesunde Papiere aufkaufen, um den Banken zu helfen, Anforderungen der EZB zu erfüllen, wie eine mit dem Prozess vertraute Person sagte.
Britische Behörden ziehen einen radikaleren Ansatz in Erwägung, bei dem sie Eigenkapitalquoten komplett außer Acht lassen und stattdessen von Banken verlangen, eine Mindestsumme an Kapital zu halten. Dadurch müssten Banken frisches Kapital besorgen, würden jedoch gleichzeitig durch Anreize gelockt, mit dem frischen Geld neue Kredite zu vergeben.
All diese Lösungen brauchen die aktive Unterstützung der Regierungen. Nur diese können die Banken dazu zwingen, den Wert ihrer gesunden Kredite anzupassen oder sie an staatliche Bad Banks abzugeben. Vielmehr noch: Beide Varianten zielen im Kern darauf, die Aktionäre zu entmündigen und gleichzeitig darauf zu setzen, dass sie trotzdem das Kapital lockermachen, um mögliche Löcher zu stopfen. Wenn das alles nicht funktioniert, müssen Regierungen bereit sein, am Ende die Rechnung zu begleichen.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Mario Vedder/ddp




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