• The Wall Street Journal

Das Schiff Nokia sinkt weiter - aber etwas langsamer

Der schwer angeschlagenen Handyhersteller Nokia schreibt weiter tiefrote Zahlen. Im dritten Quartal verbuchten die Finnen ihren sechsten Quartalsverlust in Folge. Zwar konnte der Apple-Rivale seinen operativen Verlust gegenüber dem Vorquartal leicht senken, dennoch nahmen die liquiden Mittel des angezählten Unternehmens in unvermindertem Tempo weiter ab. Und auch die Markteinführung des neuen Lumia-Smartphones im laufenden Quartal dürfte die Lage bei Nokia vorerst nicht verbessern. Im Gegenteil, die Einführung des Hoffnungsträgers dürfte bei den Finnen zunächst die Marketingkosten in die Höhe treiben.

Im dritten Quartal blieb die Profitabilität des finnischen "Patienten" tief im negativen Bereich, der Nettoverlust erreichte fast 1 Milliarde Euro. Damit liegen die Finnen aber immerhin etwas besser als im Vorquartal, als sie rote Zahlen von 1,4 Milliarden Euro geschrieben hatten. Grund für die kleine Verbesserung sind neben gesunkenen Kosten für Marketing und Vertrieb vor allem geringere Steuerzahlungen. Enttäuschung gab es dagegen beim Barmittelbestand. Den braucht Nokia zur Überwindung der Durststrecke dringend. Dieser schrumpfte vor allem aufgrund der hohen Restrukturierungskosten um 600 Millionen auf 3,6 Milliarden Euro.

Nokia präsentiert neue Smartphones

Analysten sehen die abnehmenden liquiden Mittel jedoch vergleichsweise entspannt. Das sei "erträglich", wenn man bedenkt, dass ein Großteil der Mittel für Restrukturierungskosten drauf geht, sagte Mikko Ervasti von der Evli Bank. Und auch Analyst Hakan Wranne von der Swedbank bezeichnete Befürchtungen, Nokia könne das Bargeld ausgehen als "übertrieben". Mit dem laufenden Sparprogramm dürften die Finnen ihre Verluste verringern, unabhängig davon, ob der Konzern auf dem Smartphonemarkt Erfolg hat oder nicht, so Wranne.

Operativ zeigte das Sparprogramm, das die Finnen allein zwischen Juli und September rund 500 Millionen Euro kostete, erste Wirkung. Die negative operative Marge verbesserte sich gegenüber dem Vorquartal um 3 Prozentpunkte auf minus 8 Prozent. Nokia selbst betonte sogar, ganz knapp eine positive Marge erreicht zu haben. Dies gelang aber nur unter Umgehung der Bilanzvorschriften und auf bereinigter Basis. Und ob der Trend anhält, ist fraglich. Allein die Einführung des Hoffnungsträgers Lumia dürfte die Marketing- und Vertriebskosten nach einem leichten Rückgang im dritten Quartal wieder in die Höhe treiben und die Marge belasten.

Umsatz unter Vorstandschef Elop halbiert

Der Umsatz in den zurückliegenden drei Monaten bis Ende September fiel auf 7,2 Milliarden Euro. Vor einem Jahr waren es noch 8,98 Milliarden gewesen. Die Erwartungen konnten zwar leicht übertroffen werden. Analysten hatten mit einem Rückgang auf 6,93 Milliarden Euro gerechnet. Insgesamt liegen die Erlöse von Nokia mittlerweile aber nur noch bei der Hälfte dessen, was Ende 2010 eingenommen werden konnte, als Elop den Richtungswechsel bei Nokia verkündet hatte.

Gut liefen bei den Finnen im dritten Quartal insbesondere die Verkäufe des neuen Billighandy Asha und auch in der Sparte Nokia Siemens Networks machte der Konzern Fortschritte. Das operative Ergebnis verbesserte sich hier deutlich. Nach einem Verlust von 227 Millionen Euro im zweiten Quartal erreichte die Sparte zwischen Juli und September ein Plus von 182 Millionen Euro.

Analysten zeigten sich von den Quartalszahlen insgesamt positiv überrascht. Zwar sei die Lage im Smartephone-Geschäft "katastrophal", im herkömmlichen Handy-Geschäft und bei Nokia Siemens Networks (NSN) habe der Konzern aber "ziemlich gut" abgeschnitten, sagte Analyst Hakan Wranne. "Das Schiff Nokia sinkt langsamer als zuvor, das gibt dem Konzern Zeit im Smartphone-Geschäft den Turnaround zu schaffen", fügte er hinzu.

Das Weihnachtsgeschäft dürfte den Finnen noch nicht aus den roten Zahlen verhelfen. Nokia erwartet ein herausforderndes Schlussquartal im Smartphone-Geschäft. Der hohe Wettbewerbsdruck erhöhe die Kosten für die Produkteinführungen. Außerdem würde man weniger vom Saison-Geschäft profitieren als üblich. Deshalb erwarten die Finnen auch in diesem Segment im laufenden Quartal eine negative Marge von rund 6 Prozent, nach 7,4 Prozent im dritten Quartal.

Nokia kämpft ums Überleben

Für die Nokia-Anleger sind negative Nachrichten nichts Neues. Alleine in diesem Jahr hat Nokia die Erwartungen der Aktionäre mit drei Gewinnwarnungen auf den Nullpunkt gebracht. Zuletzt waren die Erwartungen an die Durchhaltefähigkeit der Finnen so niedrig, dass schon kleine Erfolgsmeldungen oder Übernahmespekulationen ausreichten, um den Aktienkurs wieder kräftig nach oben zu treiben. Seit Juli haben kurzfristige Spekulanten den Kurs vom Jahrestief bei 1,33 Euro schon wieder fast verdoppelt. So ließ auch jetzt der leichte Fortschritt im Vergleich zum Vorquartal den Aktienkurs um 7 Prozent in die Höhe schießen.

Nokia kämpft derzeit ums nackte Überleben. Im lukrativen Smartphone-Markt haben die Finnen den Anschluss verpasst und sind gegenüber Apple und Samsung immer weiter ins Hintertreffen geraten.

Im zurückliegenden Quartal konnte der Konzern lediglich 6,3 Millionen Smartphones an den Mann und die Frau bringen. Zum Vergleich: Apple verkaufte alleine am Startwochenende 5 Millionen seiner neuen iPhone 5. Die Verkaufszahlen bei Nokias Hoffnungsträger, der Lumia-Reihe, gingen auf 2,9 Millionen Geräte zurück. Insgesamt musste bei mobilen Geräten ein Rückgang von 22 Prozent auf 82,9 Millionen verkauften Produkten im Vergleich zum Vorjahr vermeldet werden. Was die Asha-Telefone angeht, so konnten hier 6,5 Millionen Stück abgesetzt werden.

Wie Nokia weiter mitteilte, sank der durchschnittliche Verkaufspreis bei Mobiltelefonen von 32 auf 31 Euro. Die Smartphonepreise konnten hingegen von 131 auf 155 Euro gesteigert werden.

Die meistverkauften Nokia-Handys

Um nicht vollständig abgehängt zu werden und Zeit zu sparen hatte Vorstandschef Stephen Elop kurz nach Amtsantritt 2010 einen radikalen Schnitt gewagt. Er stoppte die eigenen Entwicklungsprogramme zu Smartphone-Betriebssystemen und fädelte stattdessen eine Allianz mit Microsoft ein. Tatsächlich konnte er nach weniger als einem Jahr eine neue Smartphone-Serie präsentieren.

Allerdings zündet die Allianz mit Microsoft nicht so richtig. Das Ergebnis der Zusammenarbeit, das mit dem Betriebssystem des US-Partners laufende Smartphone Lumia, blieb trotz guter Kritiken der Experten deutlich hinter den Erwartungen zurück. Die Markteinführung eines neuen Modells Lumia 920 im November soll nun den lange erhofften Erfolg bringen.

Ob das neue Smartphone den Durchbruch bringt, wird sich erst noch zeigen müssen. Nokia-Manager loben das Gerät zwar stets in den höchsten Tönen. Bei Vorstellung des Lumia 920 vor einem Monat hatten viele Investoren aber enttäuscht reagiert und die Aktie einmal mehr auf Talfahrt geschickt.

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