Von KIRSTEN BIËNK
Seit Jahren will Deutschlands größte Airline das Fliegen wieder teurer machen. Mit dem Ausbau ihres Billigsegmentes macht sie nun aber das genaue Gegenteil, ein Teil der Flüge auf der Kurz- und Mittelstrecke werden günstiger. Kunden mit schmalem Portemonnaie mag das freuen, die für Reisekosten zuständigen Abteilungen von Firmen ebenso.
Wer den Komfort der Lufthansa aber geschätzt hat, muss auf den Kranich verzichten. Von Düsseldorf nach London oder von Berlin nach Madrid gibt es in wenigen Monaten keine Non-Stop-Verbindungen der Lufthansa mehr. Abseits der Drehkreuze Frankfurt und München will der Konzern seine Fluggäste in Europa nur noch mit einem Billigflieger wie Germanwings befördern.
Kostenlose Zeitungen, die ruhige Lounge am Flughafen und das kostenlose Glas Wein nach einem anstrengenden Tag gehören damit der Vergangenheit an. Manchem Kunden dürfte die Lufthansa damit vor den Kopf stoßen. Geschäftlich könnte der Strategiewechsel von Premium zu billig aber Erfolg haben.
In Internetforen äußern Vielflieger schon ihren Unmut. Es gibt einige, die erwägen, künftig mit Lufthansa Passage lieber einmal umzusteigen statt mit dem Billigflieger direkt ans Ziel zu kommen. „Dann kapieren sie vielleicht einmal, dass Germanwings nicht als gleichwertiger Ersatz für Lufthansa in Betracht kommt", schreibt A300flyer, ein Vielflieger.
Die Jumbo-Deals der Flugzeugbauer
Aus Sicht von Experten sprechen derartige Unmutsäußerungen nicht gegen das Vorhaben. „Auf Kurzstrecken hat der Service und die Ausstattung nicht die Bedeutung wie auf Langstrecken", sagte Hans-Ingo Biehl, Hauptgeschäftsführer des deutschen GeschäftsreiseVerbands VDR.
Auch Branchenkenner Heinrich Großbongardt glaubt, dass der Verlust des echten Lufthansa-Fluges auf einem Teil des innereuropäischen Streckennetz für die Kunden zu verschmerzen ist, auch wenn im Billigsegment alle Kunden gleich sind und eine Business Class mit Drink, Platz und kostenloser Zeitung dort unbekannt sind.
Noch viele Fragen unbeantwortet
Für entscheidender hält es Großbongardt, dass der Lufthansa eine klare Unterscheidung zwischen Premium und Billig gelingt. „Der Vorstand muss die einzelnen Marken des Konzerns ganz klar voneinander abgrenzen", sagt er. „Ist der Kranich auf der Maschine, muss auch der entsprechende Service geboten werden." Auch der Name für die neue Gesellschaft sei deshalb wichtig. Er müsse klar machen, dass Deutschlands größte Airline hier „billig" und nicht „traditionell" unterwegs sei.
Gelinge Lufthansa das nicht, werde es viele enttäuschte Kunden geben, warnt der Experte. Im Konzern sieht er aber bereits gelungene Beispiele für eine sehr klare Markentrennung. So positioniere das Marketing die Tochter Swiss als sehr hochwertige Marke neben oder sogar oberhalb von Lufthansa Passage. Hier wisse der Kunde sofort, dass er für den höheren Preis auch mehr Leistung bekomme.
Bei dem neuen Billigflieger wird es wohl umgekehrt sein. Service von Lufthansa Passage wie SMS-Mitteilungen über Flugausfälle, Umbuchungen und Verspätungen wird es ebenso wenig geben wie kostenlose Getränke oder schnelle Gepäckbeförderung.
Analysten machen sich Gedanken um ganz praktische Fragen: Was wird aus den Flugmeilen, die Vielflieger gerne gesammelt haben? Wie flexibel können Geschäftsreisende Billigtickets umbuchen? Werden diese Fragen unbefriedigend für Kunden beantwortet, könnte die Lufthansa Fluggäste auf der Billigschiene an die Konkurrenz verlieren, sagte ein Analyst, der namentlich nicht genannt werden wollte.
Nicht der Konkurrenz das Feld überlassen
Die Lufthansa hat aber kaum eine andere Wahl, um den Abwärtstrend der vergangenen Monate umzukehren. Hohe Kosten und die harte Konkurrenz der Billiganbieter von Ryanair und Co setzen ihr zu. Christoph Franz, der oberste Lufthanseat, hätte die Ticketpreise gerne insgesamt angehoben. Dass dies notwendig sei, belegten schon die geringen Gewinnmargen, so erklärt er. Auf vielen Langstrecken kann die Airline höhere Preise durchsetzen, auf Verbindungen, die jetzt dem Billigsegment zugeschlagen werden, ist daran nicht einmal zu denken.
Lufthansa will den Konkurrenten das Feld aber nicht überlassen. Deshalb sollen die Streckennetze von Germanwings und Eurowings um die rund 30 Lufthansa-Flieger erweitert werden, die außerhalb der großen Drehkreuze Frankfurt und München unterwegs sind. Mehr als 18 Millionen Passagiere soll die neue Billigairline der Lufthansa im ersten Jahr befördern und - irgendwann – nicht mehr hohe Verluste einfliegen.
Ryanair, Easyjet und Air Berlin gehen mit mehr Fliegern an den Start, decken damit aber auch andere Strecken ab. Ein direkter Vergleich ist wegen der unterschiedlichen Geschäftsmodelle nicht möglich.
Analysten begrüßen die Pläne zum Ausbau des Billigsegmentes. Sie verweisen auf die hohen Verluste, die die Lufthansa im Europaverkehr seit Jahren einfliegt. Eine bessere Marge sei positiv für Management, Aktionäre und Mitarbeiter, heißt es bei der DZ Bank. Gerade die Mitarbeiter sehen das anders. Wer nicht mehr für die Lufthansa fliegt, sondern für die neue Billigairline, wird weniger verdienen. Auch darum ging es beim Streik der Stewardessen und Stewards.
Kontakt zum Autor: kirsten.bienk@dowjones.com



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