Von HANS BENTZIEN
FRANKFURT - Als Hans-Werner Sinn an diesem sonnigen Vormittag im Gesellschaftshaus Palmengarten ans Rednerpult tritt, muss er sein Publikum nicht mehr erobern. Es ist bereits seins. Vor ihm sitzen Damen und Herren aus der Finanzwirtschaft, versammelt zur ersten Aktienfondskonferenz der Börsen-Zeitung. Deren Verlagsleiter Jens Zinke stellt Sinn vor und erinnert daran, dass der Chef des Münchener Ifo Instituts ja schon vor einiger Zeit gesagt habe, Griechenland sei nicht mehr zu retten.
Das muss Hans-Werner Sinn dann doch gerade rücken. „Ich meine schon, dass Griechenland gerettet werden sollte. Aber nicht mit untauglichen Mitteln“, sagt er lächelnd. Zu den tauglichen Mitteln zählt Sinn einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone, zu den untauglichen Mitteln die mit zunehmend minderwertigen Wertpapieren besicherten Refinanzierungskredite der EZB und den Euro-Rettungsfonds ESM. „Ich habe ja nichts gegen den ESM, aber bitte nicht zur Insolvenzverschleppung“, wird er später sagen.
Da hat er schon mit griffigen Beispielen geschildert, wie viel Geld „wir“ den Griechen ‘rübergeschoben haben - „32.000 für jeden Griechen, rund 100.000 Euro pro Familie“ - und was das Ferienland Türkei von Griechenland unterscheidet – „Das gleiche Wasser, die gleichen Tempel, bessere Dienstleistungen“. Sinn sagt: „Hier wird unter Berufung auf hehre Ziele wie ein größeres Europa argumentiert, aber eigentlich geht es um harten Zahlen.“ Aber zunächst widmet sich Deutschlands bekanntester Ökonom seinem Lieblingsthema, den Target-Salden und der EZB. Und da sind wir auch schon bei Real Madrid und der EZB.
Die EZB, das ist Sinns zentrale These, ersetzt mit ihrer Kreditvergabe zu 0,75 Prozent in Ländern wie Griechenland oder Spanien das ins Ausland geflohene Kapital. Die für Kredite einzureichenden Sicherheiten werden immer schlechter, neuerdings können die Banken sogar nicht handelbare, mit Aktiva hinterlegte Wertpapiere einreichen. Was da alles drin sei, wolle man lieber gar nicht wissen, unkt Sinn und erzählt: „Neulich wurde ein irischer Kredit mit Laufzeit bis ins Jahr 9999 und null Prozent Verzinsung gefunden.“
Was da aber auch drin liegt, sind verbriefte Kredite spanischer Fußballclubs, und das bedeutet nach Lesart von Sinn: „Die Clubs sind pleite, die Banken sind Pleite, die spanische Zentralbank macht Verluste, aber die gehen ja im großen EZB-Topf auf. So finanzieren wir die Spieler von Real Madrid. Wir sind überall dabei.“ Da hat er die Lacher auf seiner Seite.
Insgesamt haben sich die südeuropäischen Banken auf diese Weise schon EZB-Kredite im Volumen von 750 Milliarden Euro geholt. Das wissen wir deshalb, weil große Zahlungsströme im Euroraum über das Großbetragszahlungssystem Target2 abgewickelt werden. Das funktioniert so: Ein Grieche kauft einen VW Golf, seine griechische Bank weist die Bundesbank an, Volkswagen Geld zu überweisen. Die Bundesbank erhält eine Forderung gegen die EZB, der gegenüber die griechische Notenbank eine Verbindlichkeit hat. Was seit der Krise nicht mehr geschieht, ist ein Rückfluss deutschen Kapitals in griechische Staats- oder Unternehmensanleihen.
Sinn erzählt die Geschichte von Kapitalflucht, Target2 und EZB deshalb nochmal aus der Sicht des deutschen Sparers: Das Geld flieht aus Griechenland über VW in den Heimathafen Deutschland zurück. Dort löst es einerseits einen Bauboom aus. Andererseits bringen es die Sparer zu den Banken, die Banken bringen es zur Bundesbank - nach Griechenland oder Spanien trauen sie sich vorerst nicht – „und dann ist es weg“, sagt Sinn: „Im Süden wird das Geld geschöpft, im Norden wird es geschreddert“.
Was er damit meint: Die deutschen Banken schwimmen derzeit so in Geld, dass sie es für Nullzinsen in der EZB-Einlagenfazilität, also bei der Bundesbank anlegen. Damit ist das in Griechenland von der Zentralbank geschöpfte Geld in Deutschland zumindest vorläufig wieder eingezogen worden. Sinn spricht von „kompensatorischer Geldvernichtung“.
Dass Deutschland im Ergebnis seines Gewerbefleißes nicht mehr wie früher Gold, sondern nur noch Target-Forderungen erhält, ist aus Sinns Sicht ein unhaltbarer Zustand. Der Ökonom hütet sich in der Veranstaltung wohl, ein Ende des Euro zu prognostizieren oder zu fordern. Stattdessen sagt er: „Es ist schlechterdings nicht möglich, dass die Gläubigerländer noch lange wertlose Forderungen als Ausgleich akzeptieren“ und fragt, an das Auditorium gewandt: „Wie lange geht das noch gut - ein Jahr? Zwei Jahre?“
Hans-Werner Sinn hat seinem Vortrag im Frankfurt Palmengarten den Titel „Wege aus der Krise“ gegeben, und er stellt zwei Wege vor, von denen er nur einen für den richtigen hält. Der falsche Weg wäre aus seiner Sicht die „Methode Hollande“ oder das, was er die „Platin-Kreditkarte“ nennt: „Wir gehen voll in die Sozialisierung, mit allem was dazu gehört, zum Beispiel Euro-Bonds.“ Sinn fände diese Methode unlogisch: „Wir haben die goldene Kreditkarte hingelegt. Wir ärgern uns, dass sich die Länder damit so viel Geld gezogen haben. Und dann legen wir die Platin-Kreditkarte hin.“
Richtig wäre aus seiner Sicht dagegen ein US-Modell: Die Selbsthaftung der Länder, das Akzeptieren von Zinsabständen bei Staatsanleihen, die Ablösung der Target-Forderungen durch marktfähige Wertpapiere. Besonders der letzte Punkt liegt Sinn am Herzen: „Den Target-Kanal müssen wir nach US-Vorbild schließen.“
Was er damit meint: Zwischen den regionalen Federal-Reserve-Banken in den USA bauen sich zwar auch Forderungen und Verbindlichkeiten auf, aber die werden quartalsweise durch die Übertragung von Gold-Wertpapieren ausgeglichen. Und dann outet sich Sinn auch noch als Gold-Fan: „Schon wäre es natürlich, wenn wir wieder Gold bekämen, wie im Währungssystem von Bretton Woods.“ Aber das, so fügt er hinzu, wird wohl nicht klappen.
Unter der Voraussetzung, dass es zu diesen Reformen kommt, hält Sinn den Euro für überlebensfähig. Er plädiert noch dafür, die Eurozone zumindest vorübergehend zu verkleinern, indem Länder in den Wechselkursmechanismus II zurückkehren, um dort wieder an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Griechenland schlägt Sinn vor, sich über Schatzwechsel auf sein staatliches Immobilienvermögen und seine „riesigen Gasreserven“ zu refinanzieren. Entsprechende Pläne lägen seit zwei Jahren in Athen in der Schublade.
Was Hans-Werner Sinn ebenfalls nicht vernachlässigt, ist die EZB-Dimension dieser Kredit-Geschichte: „Die EZB überschreitet ihr Mandat“, sagt er schlicht und gibt damit Bundesbankpräsident Jens Weidmann Rückendeckung im Streit um Staatsanleihekäufe und gelockerte Repo-Sicherheiten. Der Schlüssel zur Lösung des Target-Problems liegt bei der EZB, denn sie schöpft letztlich das Geld, das nach Süden fließt. Die Target-Salden werden laut Sinn deshalb nur dann zurückgehen, wenn die EZB aufhört, billigere Kredite als der Kapitalmarkt zu vergeben.
Aber Sinn ist pessimistisch, dass sich Weidmann mit seiner Position durchsetzen wird. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Schuldner aus Süden und ihren Hauptgläubiger Frankreich im EZB-Rat überstimmen kann“, sagt er.
Es ist an Börsen-Zeitung-Verlagsleiter Jens Zinke, Sinns Auftritt abzumoderieren. Der bedankt sich für den fesselnden Vortrag, bei dem es so still gewesen sei, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Und einen passenden Gag zum Abschluss hat er auch noch für das Fachpublikum parat: „Wir haben hier einen Goldautomaten, falls sie ihre Euros in Sicherheit bringen wollen.“






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