Von LAURA STEVENS
FRANKFURT—Der Libor-Skandal weitet sich auf Deutschland aus. Im Fadenkreuz der internationalen Ermittler stehen nun auch die Deutsche Bank und die inzwischen zerschlagene West LB. Beide Banken hatten in dem Gremium mitgewirkt, das den Londoner Zinssatz für den Interbankenhandel, Libor, festlegte. Für ausländische Banken war das damals eine Ehre.
Nun haben Fahnder die beiden Kreditinstitute und mindestens 13 weitere Banken weltweit aufgefordert, entsprechende Unterlagen zur Verfügung zu stellen. Die Aufsichtsbehörden prüfen, ob die Banken den Libor-Zinssatz in den vergangenen zehn Jahren bewusst manipuliert haben, um so ihre hohen Kosten für die Geldaufnahme zu verschleiern. Nach Ausbruch der Finanzkrise hatten sich die Finanzierungskosten für Banken stark erhöht.
Die britische Bank Barclays hatte nach Bekanntwerden der Trickserei bereits 290 Millionen Pfund (rund 370 Millionen Euro) Strafe zahlen und zahlreiche Spitzenmanager entlassen müssen. Weitere Kündigungen dürften folgen, denn in den USA, Europa und Asien finden weitere Anhörungen in dem Fall statt. In Deutschland sondiert die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) zurzeit, ob einheimische Banken angemessen aufgestellt sind, um eine Manipulation der Interbankenzinsen Libor und Euribor zu verhindern.
Kratzer im Ansehen von Co-Chef Anshu Jain
Vor allem für Anshu Jain, den neuen Co-Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank, könnten die laufenden Ermittlungen peinlich werden. Er hatte das Investmentgeschäft der Deutschen Bank in London geleitet. Zwar wird ihm weder ein Fehlverhalten angelastet noch vorgeworfen, von den Manipulationen gewusst zu haben. Aber vor allem in der deutschen Öffentlichkeit, die Investmentbanker meist eher misstrauisch beäugt, hat Jains Ansehen bereits leichte Kratzer erlitten.
Sollte sich die Sache ausgerechnet in dem Bankbereich zu einem handfesten Skandal hochschaukeln, aus dem Jain stammt, könnte das seine weiteren Karrierechancen schmälern. Fraglich ist dann, ob er jemals zum alleinigen Vorstandschef der Deutschen Bank aufsteigen könnte, wenn der Vertrag seines Kompagnons Jürgen Fitschen in drei Jahren ausläuft.
Die Lage sei „nicht angenehm", sagt Christopher Wheeler, ein Analyst der Bank Mediobanca in London. Er kann sich aber vorstellen, dass die deutschen Behörden im Gegensatz zu den britischen Aufsehern eher bereit sind, ein Auge zuzudrücken. Für Anshu Jain könnte es jedoch zum Verhängnis werden, dass er das Investmentbanking genau zu der Zeit leitete, als die strittige Libor-Festsetzung stattgefunden habe, sagt Wheeler.
Deutsche Bank hat in London bereits aufgeräumt
Die Deutsche Bank, Deutschlands größtes Finanzinstitut, hatte im Zuge der Ermittlungen im Libor-Skandal schon im vergangenen Jahr zwei Mitarbeiter in London entlassen. Einer davon soll zwischen 2005 und 2007 mit Händlern der britischen Barclays Bank und anderen Geldhäusern beim Zinspfusch zusammengearbeitet haben. Schweizer Behörden und die Europäische Kommission hätten der Deutschen Bank wegen möglicher Beteiligung an einer Libor-Manipulation bereits strafmildernde Umstände zuerkannt, heißt es aus dem Umfeld des Finanzinstituts.
Ein Deutsche-Bank-Sprecher verwies auf Anfrage auf den Anfangsquartalsbericht der Bank. Darin heißt es, der Konzern habe in den USA und Europa von „Aufsichtsbehörden und Regierungsstellen zahlreiche Vorladungen und Informationsgesuche erhalten" und kooperiere mit den Ermittlern.
West LB stand schon 2008 unter Verdacht
Ungewöhnlicher liegen die Dinge für die Düsseldorfer Landesbank West LB. Schon im April 2008 hatte das Wall Street Journal aufgedeckt, dass die West LB und zahlreiche andere Banken für die Libor-Zusammensetzung erheblich niedrigere Finanzierungszinsen meldeten, als sie möglicherweise sollten.
Als es im vergangenen Sommer mit ihren Dollar-Geschäften abwärts ging, hatte die Bank aus eigenen Stücken ihren Platz im Londoner Libor-Gremium aufgegeben. Seit Ende Juni aber ist das Geldinstitut zerschlagen und insofern als Landesbank nicht mehr existent.
Die West LB war mit Fehlspekulationen während der Finanzkrise schwer ins Schlingern geraten und hatte versucht, faule Kredite in Höhe von 77 Milliarden Euro in einer so genannten Bad Bank abzuladen. Das ging schief. Die EU-Kommission griff ein und monierte, dass die Bank geschätzte 16 Milliarden Euro an Steuergeld verbrannt habe. Sie verordnete schließlich das Aus. Die West LB wurde in zwei Teile aufgespalten – ein Teil ging in die Landesbank Helaba über, der andere an ein Unternehmen namens Portigon. Ein Sprecher von Portigon, das dem Land Nordrhein-Westfalen gehört, wollte zu den Libor-Ermittlungen keinen Kommentar abgeben.
—Mitarbeit: David Crawford und Eyk HenningKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de






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