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Finnlands Glück wird zum Bumerang

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Finnische Idylle: Die Wirtschaft im dünn besiedelten Nordland ist stark - auch wegen des Euro, mit dem das Land wichtigen Zugang zu den europäischen Märkten bekommen hat. Aber Finnland wirkt gegenüber seinen skandinavischen Nachbarn zunehmend geschwächt - und auch das liegt am Euro.

HELSINKI—Das hoch im Norden gelegene und dünn besiedelte Finnland hat sich in der Eurokrise als starker Partner für die angeschlagenen Mittelmeerstaaten etabliert, aber genau das wird dem Land jetzt zum Verhängnis. Im Vergleich zu seinen skandinavischen Nachbarn Schweden, Norwegen und Dänemark – die allesamt auf den Euro verzichtet haben – fällt Finnland zunehmend zurück. Das ärgert die Politiker und Bürger in dem Nordland.

Wunschlos glücklich - fast

Finnland hat alles, was sich ein Staat in der Eurozone zurzeit wünschen kann: die Schulden sind niedrig, die Arbeitslosigkeit moderat und der politische Einfluss wächst. Trotzdem zeichnet sich ab, dass es mit Finnlands Wirtschaft nach solidem Wachstum im vergangenen Jahr jetzt nur noch langsam vorangeht. Schwedens Wirtschaft etwa legte im zweiten Quartal um 1,4 Prozent zu und erstaunte damit die Analysten. Auch Dänemark und Norwegen wachsen. Einige der skandinavischen Währungen verbesserten sich gegenüber dem Euro so sehr wie seit 12 Jahren nicht mehr. Und die Finnen schauen zu.

Finnland, Gründungsmitglied der europäischen Währungsunion mit inzwischen 17 Mitgliedern, kann als eines der wenigen Länder in der Eurozone noch eine Top-Note für seine Kreditwürdigkeit vorzeigen. Auch Dänemark, Schweden und Norwegen können das. Aber sie müssen eben nicht auch noch Griechenland, Italien und Spanien finanziell aus der Patsche helfen.

Schon zanken sich in Finnland die Politiker darüber, dass sie jetzt der Notanker der Eurozone sind und deswegen möglicherweise an Wirtschaftskraft einbüßen. In Dänemark, Schweden oder Norwegen gibt es solche Debatten nicht. Das Verbrauchervertrauen der Finnen lag im Juli auf dem tiefsten Stand seit 2009.

„Niemand mag die Rettungsschirme", sagte Ministerpräsident Jyrki Katainen neulich in einem Interview und machte damit noch einmal deutlich, dass er die Finanzspritzen der Eurozone generell eher kritisch sieht. Die Finanzprobleme der anderen Staaten belasteten Finnland, sagte er. „Deshalb wollen wir aktiv daran teilhaben, die Probleme zu lösen."

Finnland ist heute so europäisch wie nie zuvor

Andererseits hat Finnland selbst vom Euro bisher ordentlich profitiert. Nachdem erst die Schweden, dann die Russen jahrhundertelang die Herrschaft über das Land hatten, sind die rund 5,4 Millionen Finnen heute enger als je zuvor mit dem Rest Europas integriert. Finnland genießt einen nie dagewesenen Zugang zu den riesigen Märkten der Eurozone und hat sich als attraktives Ziel für Investoren etabliert, die mit wenig Risiko in der Eurozone Geld anlegen wollen.

dapd

Am selben Tisch wie die Euro-Größen: Im August hofierte Italiens Premierminister Mario Monti (l) den finnischen Ministerpräsidenten Jyrki Katainen (r) bei einem Besuch in Helsinki.

Wegen seiner vergleichsweise starken Wirtschaftslage hat Finnland jüngst auch auf der politischen Bühne an Einfluss gewonnen. Helsinki war eine von drei Haupstädten der Eurozone, in denen Italiens Ministerpräsident Mario Monti machte, um Unterstützer für die finanziellen Anliegen seines Landes zu gewinnen.

„Als abgelegene, völlig offene Volkswirtschaft hat uns die Euro-Mitgliedschaft Wettbewerbskraft und Stabilität gebracht", sagte Katainen und glaubt, dass vielleicht auch der politische Einfluss Finnlands größer geworden sei: „Ich will uns nicht gewichtiger nennen als wir sind, aber wenn man am selben Tisch sitzt, ist die Chance, gehört zu werden, größer."

Trotzdem sorgten sich immer mehr Finnen um das Wohl ihres Landes, sagt Markku Kotilainen, Direktor des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts ETLA. Wie eine aktuelle Umfrage des staatlichen Senders Yle zeigt, wünschen sich zwei Drittel der Bürger, dass ihr Land sich weniger finanzielle Verpflichtungen aufhalst – auch wenn diese dazu dienen, den Euro zu retten.

Die Regierung, die gerade für das nächste Jahr Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Höhe von 2 Milliarden Euro oder fast 4 Prozent des Staatshaushalts angekündigt hat, steht unter Druck. Sie muss auch im eigenen Land ein wachsendes Defizit bekämpfen.

„Ich mag die Rettungsschirme nicht, weil wir in Finnland selbst Leute haben, die Hilfe brauchen", sagt Sara Lehtinen, eine 21 Jahre alte Studentin aus Helsinki. „Wir sollten lieber denen helfen."

Der Aufstieg der Euroskeptiker

In den Nordländern ist die Euroskepsis ohnehin tief verwurzelt. In Norwegen sind die Bürger strikt gegen eine Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Und in den EU-Mitgliedern Dänemark und Schweden gibt es keine dringlichen Pläne, der Gemeinschaftswährung beizutreten.

Seit dem vergangenen Jahr sieht sich auch die rechtspopulistische und europaskeptische Oppositionspartei der Basisfinnen wieder im Aufwind. Sie hat sich laut einer Yle-Umfrage wieder von ihrem steilen Popularitätsverlust erholt. Ihr Parteivorsitzender Timo Soini hat schon mehrfach gefordert, dass Finnland eine Alternative zum Euro brauche, und dabei auch auf die stabile Wirtschaftslage in den anderen nordischen Staaten verwiesen, die ohne den Euro auskommen.

Die konservative Regierungspartei unter Ministerpräsident Katainen aber bekennt sich weiterhin zum Euro, trotz der wachsenden Kritik an den Rettungspaketen der Eurozone. Ihn stützt eine Umfrage des finnischen Fernsehsenders MTV3, nach der zwar die Hälfte der Finnen eine teilweise Verwässerung der Euros gutheißen würden – etwa durch den Ausstieg Griechenlands. Aber nur 17 Prozent wollen, dass Finnland selbst aus der Gemeinschaft ausschert.

„Es fühlt sich nicht gut an", sagt Mari Berglund, Investmentbankerin aus den Vororten von Helsinki. Trotzdem hält sie es für wichtig, dass ihr Land den schwachen Mitgliedern der Eurozone hilft und sie nicht „fallenlässt".

Und obwohl die Mitgliedschaft in der Währungsunion Finnland finanziell zu schaffen macht, bekommt das Land durch den Zugang zu den wesentlich größeren Euro-Märkten auch einen gewissen Schub. Davon haben etwa Betriebe profitiert, die bisher stets im Schatten des nationalen Konzerngiganten Nokia standen, der jetzt Stellen streicht und Fabriken schließt, um Verluste und sinkende Marktanteile auszugleichen.

So kaufte der schwedische Papierproduzent Billerud vor Kurzem eine Sparte des führenden finnischen Forst- und Papierkonzerns UPM-Kymmene für knapp 130 Millionen Euro. Billeruds Umsätze werden zu bis zu 40 Prozent über Exporte aus Schweden in die Eurozone befeuert – ein zunehmend teures Unterfangen angesichts der starken schwedischen Krone. Mit dem Zukauf in Finnland kann Billerud nun einen Teil seiner Kosten in Euro abrechnen.

„Wir bekommen so eine natürliche Währungsabsicherung", sagte Billerud-Chef Per Lindberg über das Geschäft. „Der Vorteil bei Finnland ist, dass es sich um ein stabiles Land handelt, das weiß, was es tut."

—Mitarbeit: Niclas Rolander

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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