Von GERALD F. SEIB
Sie wollen mal eine wirklich überraschende Nachricht vom US-Wahlkampf hören? Bitte schön: Das Rennen um das Präsidentenamt ist noch nicht vorbei. Mitt Romney könnte noch gewinnen.
Diesen Fakt sollte man betonen, obwohl Romney derzeit einen wirklich schlechten Lauf hat. Höhepunkt war das berühmt-berüchtigte Internetvideo, in dem er die 47 Prozent der Amerikaner verhöhnte, die keine Einkommenssteuer zahlen. Das brachte ihm viel Kritik auch aus den eigenen Reihen ein.
Doch noch liegen sechs Wochen Wahlkampf vor den beiden Kandidaten – eine Ewigkeit im heutigen Politikbetrieb. Daher wissen auch die Kampagnenteams sowohl von Romney als auch von Barack Obama, dass noch alles möglich ist. Jeder Kandidat hat irgendwann einmal einen Tiefpunkt. Jetzt kommt es für Romney darauf an, die Trümpfe wiederzufinden, die er noch hält.
1. Eifrige Wähler
In der jüngsten Umfrage von Wall Street Journal und NBC News unter allen registrierten Wählern liegt Obama mit sechs Prozentpunkten vorn. Aber unter denjenigen, die sich persönlich am meisten für die Wahl interessieren und deshalb am 6. November auch am ehesten an die Urne gehen, liegt Romney mit drei Prozentpunkten vorn. Für einige dieser Leute geht es eher darum, gegen Obama zu stimmen als für Romney. Aber solange sie zur Wahl gehen, kann das den Republikanern egal sein.
Zwar nimmt auch die Unterstützung für Barack Obama zu. Aber ob er noch einmal eine solche Welle der öffentlichen Zustimmung wie 2008 für sich erzeugen kann, ist fraglich. „Sie haben nicht die Intensität von 2008, und wir haben mehr Intensität", sagt Rich Beeson, politischer Leiter der Romney-Kampagne. Er verweist darauf, dass die Republikaner in diesem Jahr mehr Wähler, die eigentlich nicht politisch interessiert sind, mobilisieren konnten. Bisher hätten die Freiwilligen des Teams bereits an zwei Millionen mehr Türen geklopft als noch 2008.
2. Rückhalt bei den Konservativen
Einer der größten Vorbehalte gegen Romney war in der republikanischen Führung die Frage, ob er nicht das rechtskonservative Lager verprellen würde. Schließlich war er früher Gouverneur des Ostküsten-Bundesstaats Massachusetts, unterstützte dort die Abtreibung und führte eine eigene Version eines staatlichen Gesundheitssystems ein. Doch nach den Ergebnissen der Umfrage von WSJ und NBC hat Romney bei Konservativen die gleichen Zustimmungswerte wie vor vier Jahren John McCain.
Dass Romney Mormone ist, schreckt auch die Evangelikalen nicht ab. Bei ihnen ist er fast genauso beliebt wie 2004 George W. Bush.
3. Unentschlossene Wähler
Wie bei amerikanischen Wahlen üblich hat sich ein großer Teil der Wähler schon auf die Seite eines Kandidaten geschlagen. Die Zahl der Unentschlossenen ist nicht sehr groß. Doch diese unschlüssigen Wähler sind in der Mehrheit unzufrieden mit der Lage des Landes – und daher eher für die Botschaften Romneys empfänglich.
Video auf WSJ.com
In der Umfrage von WSJ und NBC geben diese Unentschlossenen überdurchschnittlich schlechte Noten für Barack Obamas Amtsführung. Auch Romney kommt bei ihnen nicht gut weg – was wohl der Grund ist, warum sie sich noch nicht festgelegt haben – aber immerhin ein bisschen besser als der Amtsinhaber.
Kurz gesagt: Es gibt noch viele Wähler in der Mitte, die abgeholt werden wollen. Romney bleiben dafür jetzt noch drei TV-Duelle.
Keiner dieser Gründe spricht dafür, dass Romneys Lage gut ist. Der Trend hat sich in den vergangenen Wochen eher gegen ihn gewendet. Die wachsende Zufriedenheit der Amerikaner mit der Wirtschaftslage ist für die Republikaner dabei ein größeres Problem als das berüchtigte Video.
Doch das Rennen ist alles andere als gelaufen. Es braucht nur einen kleinen Stimmungsumschwung in den nächsten sechs Wochen, und alles ist wieder offen.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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