• The Wall Street Journal

Ikeas gepixelte Wohnträume

IKEA

So entsteht eine Ikea-Küche am Computer.

ALMHULT – Die tolle Couch aus dem kommenden Ikea-Katalog könnte gar keine echte Couch sein. Die Chancen stehen gut, dass das gesamte Wohnzimmer von einem Grafiker designt wurde. Große Teile des 324-seitigen Wälzers sind nämlich in Wirklichkeit eine Ansammlung von Polygonen und Pixeln, die am Computer zusammengeschubst wurden.

Seit Jahrzenten gibt der schwedische Möbelriese zwei Drittel seines Marketingbudgets dafür aus, Wohnräume zu bauen und auszustaffieren. Sie werden akribisch arrangiert und perfekt ausgeleuchtet. Aber auch Ikea will Kosten sparen und und Geld produktiver einsetzen. Und so gehört die Welt der echten Möbel im Ikea-Katalog immer mehr der Vergangenheit an. Stattdessen füllen jetzt 3D-Grafiken die Seiten. In diesem Jahr wurden bereits 12 Prozent der Ikea-Fotos virtuell erstellt, im kommenden Jahr sollen es 25 Prozent sein.

Mit 208 Millionen Exemplaren werden in diesem Jahr mehr Ikea-Kataloge gedruckt als Bibeln. 62 verschiedene Versionen gibt es in 43 Ländern.

Im Katalog stecken zehn Monate Arbeit

„Es ist eine schlaue Art, Geld zu sparen“, sagt Cheffotografin Annelie Sjögren beim Interview in den Ikea-Studios der verschlafenen südschwedischen Kleinstadt Almhult. „Wir müssen nach dem Shooting die Küche nicht auf den Müll werfen.“ Stattdessen werden ganze Räume – von der Küche über das Bad bis hin zur Veranda – per Mausklick entworfen und gestaltet. Nicht ein einziges Mal kommt eine Kamera zum Einsatz. Auf diese Weise kann Ikea auch ganz einfach Details verändern: Wenn ein Raum etwa in dunklem Holz arrangiert wurde, kann der Designer den Farbton für einen anderen Markt einfach aufhellen oder verändern.

Quiz: Foto oder Fake - Erkennen Sie den Unterschied?

Ikea gibt nicht an, wie viel Geld mit dieser Strategie gespart werden soll. Das Unternehmen verfolgt aber einen aggressiven Sparkurs. In den vergangenen zehn Jahren senkte es seine Kosten im Schnitt jeweils um 2 bis 3 Prozent. Trotzdem expandierte der Konzern weiter und steigerte so seine Gewinnmargen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete Ikea beispielsweise rund 188.000 Euro Umsatz je Mitarbeiter – 10 Prozent mehr als 2009.

Mit Möbeln zum Selbstzusammenbauen machte sich Ikea weltweit einen Namen. Weniger bekannt ist, dass das Unternehmen immer schon auch ein Verlagshaus war. Tatsächlich erweiterte Ikea-Gründer Ingvar Kamprad erst im Jahr 1951 sein Bestellsortiment und fügte Möbel zum Angebot an Christbaumschmuck, Kugelschreibern und Vogelfutter hinzu.

Eine Menge Arbeit steckt in der Produktion des jährlichen Katalogs. Vom Konzept zum fertigen Produkt dauert es zehn Monate. Bis vor wenigen Jahren entstanden die Illustrationen dafür komplett im Studio in Almhult. Es ist eines der größten in Europa und erstreckt sich über 8.700 Quadratmeter, was in etwa einem Drittel der Verkaufsfläche einer Ikea-Filiale entspricht. Dort arbeiten 285 Fotografen, Schreiner und Innenarchitekten.

Nicht ganz fehlerfrei

Das 3D-Team sitzt im selben Gebäude. Da nur wenige Leute das nötige Handwerkszeug für die virtuelle Möbelfotografie mitbringen, arbeitet Ikea mit Fotografieschulen zusammen. Sie bringen Mitarbeitern neue Kenntnisse im Computerdesign bei. Nach Konzernangaben wird gerade die gesamte Belegschaft des Studios in den neuen Methoden geschult.

Sie lernen auch, wie vorteilhaft die Zukunftstechnik sein kann. „Bei echten Fotos ist man an die vier Wände gebunden“, sagt Fotografin Sjögren. „Eine Küche muss in einer oder zwei Wochen gebaut werden und dann sofort wieder abgerissen werden, um Platz für ein Schlafzimmer zu machen. Alles muss wie ein Uhrwerk funktionieren.“ Im Computer dagegen können Dateien beliebig verändert werden. Beispiel USA: Dort könnte eine Küche in dunkleren Farben gestaltet sein, was aber auf dem japanischen Markt gar nicht so gut ankäme. „Japaner mögen genau wie Skandinavier hellere Holztöne“, sagt Sjögren. Ein Mausklick später stimmt die Farbpalette. Und Pflanzen brauchen das Team jetzt auch nicht mehr ständig neu zu kaufen. „In 3D verwelkt Basilikum nie“, sagt Sjögren.

Noch ist der Computerprozess nicht ganz fehlerfrei. Wenn die Designer virtuelle Menschen erschaffen, sehen sie oft noch geisterhaft aus. Auch Lebensmittel und Textilien sind schwierig abzubilden. Und es besteht die Gefahr, dass ein Zimmer am Ende zu perfekt wirkt. Deswegen beraten die Schreiner die Designer, um kleine Macken an einem Möbelstück oder Fingerabdrücke auf einer Oberfläche hinzuzufügen. Oder um eine Tür so aussehen zu lassen als sei sie alt, aber frisch gestrichen. „Die Schreiner wissen genau, wo sich Oberflächen abnutzen. Sie haben ein feines Auge für Details und helfen dem 3D-Spezialsiten, das richtige Aussehen hinzubekommen“, sagt Sjögren.

Aufregung um einen kleinen Stuhl

2005 begann Ikea erstmals, mit den 3D-Modellen zu experimentieren. Davor nutzte der Konzern Computer nur, um Fotos zu retuschieren. Dann aber kamen drei Praktikanten vorbei, die ihre Abschlussarbeit im Bereich Computergrafik schreiben wollten. Sie bekamen schließlich die Aufgabe, ein Ikea-Produkt ohne eine Kamera abzubilden. Das Trio wählte einen Holzstuhl aus, und tüftelte ein ganzes Jahr daran herum. Am Ende lösten sie die Aufgabe und präsentierten ihr virtuell erstelltes Foto.

„Die Aufregung um diesen kleinen Stuhl war groß“, erinnert sich Fotografin Sjögren. Sie ließ das Computerbild 2006 mit in den Katalog aufnehmen. Ein Test. Und er ging auf: Kein Kunde bemerkte den Unterschied.

Berichtigung
Ikea macht pro Jahr etwa 188.000 Euro Umsatz je Mitarbeiter. In einer früheren Version dieses Artikels war ein falscher Pro-Kopf-Umsatz genannt.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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