• The Wall Street Journal

USA kassieren bei ausländischen Banken ab

[image] Reuters

Der Deutschen Bank droht Ärger in den USA.

Geschäfte in den USA sind für Großbanken mit globalen Ambitionen ein Muss. Doch das Klima für Auslandsbanken ist rau geworden. Zahlreiche Institute sehen sich Angriffen amerikanischer Behörden wegen vermeintlichen Fehlverhaltens ausgesetzt: Die britische HSBC muss sich wegen Geldwäsche verantworten, Standard Chartered wurde wegen zweifelhafter Geschäfte mit dem Iran öffentlich gebrandmarkt. Auch die Deutsche Bank und die Commerzbank sind im Visier der Behörden.

Die Geldhäuser stehen der Angriffslust der Regulierer weitgehend hilflos gegenüber. Der wichtigste Finanzplatz der Welt ist für sie so bedeutsam, dass sie ohne größeren Widerstand schon bei Androhung einer Klage klein bei geben und lieber dicke Strafzahlungen akzeptieren. Denn noch relevanter als das Geld ist die eigene Reputation, die auf dem Spiel steht und noch nie so wichtig war wie heute. Die New Yorker Finanzaufsichtsbehörde DFS setzt dieses Druckmittel gnadenlos ein – und macht Kasse.

So wie bei Standard Chartered. Die britische Großbank wurde von US-amerikanischen Behörden verdächtigt, trotz bestehender Sanktionen gegen den Iran mit dem dortigen Regime heimlich Geschäfte gemacht zu haben. Anstatt einen langwierigen Prozess in Kauf zu nehmen, blätterte das Bankhaus 340 Millionen Dollar hin. Beschleunigt wurde die Reaktion durch die Androhung, dass die New Yorker Behörden der Bank die Lizenz entziehen würden.

Um Schuld oder Unschuld geht es bei den Duellen mit den Behörden allenfalls am Rande: „Banken sind zum Schutz der Reputation in der Verlegenheit, einen Vergleich zu schließen, selbst wenn die Chance besteht, dass man den Prozess am Ende gewinnen könnte", sagt Ingo Frommen, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) überzeugt. Niemand will riskieren, dass der eigene Vorstandsvorsitzende vor laufenden Kameras von einem Ausschuss befragt wird.

Für die US-Behörden ist diese Situation durchaus komfortabel, bietet sie doch die Möglichkeit, mit etwas medialem Wirbel schnell an Geld zu kommen. Knapp 1,5 Milliarden Dollar hat man den Banken auf diese Weise abgerungen und in die klammen öffentlichen Kassen gespült. Neben Standard Chartered zahlten auch ING, Credit Suisse und Barclays lieber zwischen 619 und 300 Millionen Dollar, um die Kuh vom Eis zu bekommen.

Dreistellige Millionenzahlungen für deutsche Banken

Auch Deutsche Bank und Commerzbank sind von den Ermittlungen betroffen und könnten sich zu einem Vergleich bereitfinden. Bereits 2010 wurde die Commerzbank von US- und New Yorker Behörden aufgefordert, Dollar-Transaktionen zu überprüfen, die in den USA durchgeführt wurden und in Zusammenhang mit Ländern wie dem Iran stehen. Auf Anfrage teilte ein Commerzbank-Sprecher mit, es lägen noch keine Ergebnisse vor und für Aussagen über mögliche Belastungen sei es zu früh. In Börsenprospekten für Anlageprodukte der Bank hieß es aber schon früh, dass die aus "anhängigen oder drohenden Verfahren resultierenden Verluste die dafür gebildeten Rückstellungen überschreiten" könnten, was sich "erheblich negativ auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns auswirken könnte".

Anleger sind hoch nervös

Der Deutschen Bank ergeht es nicht besser: Am Freitag hatte die "New York Times" unter Berufung auf Fahnder von Untersuchungen gegen die Deutsche Bank und weitere Geldinstitute berichtet, dass diese bis 2008 Milliarden für sanktionierte Regimes wie den Iran durch ihre US-Töchter geschleust haben sollen. Die Ermittlungen befänden sich allerdings in einer frühen Phase, einen Anfangsverdacht gebe es nicht.

Ein Sprecher der Deutschen Bank verwies auf Aussagen aus dem Ende März vorgelegten Jahresbericht, wonach die Bank 2007 das Neugeschäft mit dem Iran und anderen Staaten einstellte. Die Forderungen gegenüber iranischen Adressen beliefen sich per Ende 2011 demzufolge auf „deutlich weniger als" 0,1% der Bilanzsumme, was auf ein Volumen unter zwei Milliarden Euro schließen lässt.

Nach dem Bericht ging es für die Aktien der Deutschen Bank am Montag deutlich bergab. Am Mittwoch rutschte die Commerzbank-Aktie zeitweise kräftig ab, nachdem die "Zeit" die in den alten Prospekten genannten Rechtsrisiken neu aufgegriffen hatte.

Das zeigt, wie nervös die Anleger die Entwicklung in den USA verfolgen. Einige fürchteten offenbar eine ähnliche Entwicklung wie bei Standard Chartered: Die britische Bank büßte am Tag nach Bekanntwerden der Vorwürfe von illegal durchgeführten Transaktionen mit iranischen Kunden beinahe 20 Prozent und damit 15 Milliarden Dollar ihres Marktwerts ein. Inzwischen hat die Aktie den Großteil der Verluste wieder aufgeholt.

Dreistellige Millionenzahlungen für deutsche Banken

Ein Vergleich könnte trotzdem teuer werden, hat Analyst Frommen errechnet. „Wenn man die Zahlungen anderer Banken als Vergleich heranzieht, könnte es bei der Commerzbank ein kleiner dreistelliger Millionenbetrag sein und bei der Deutschen Bank zwischen 300 und 400 Millionen US-Dollar", schätzt er. Er orientiert sich bei seinen Schätzungen daran, dass die Höhe der Vergleichszahlungen in früheren Fällen bei rund fünf Prozent des regional erwirtschafteten Nettogewinns gelegen hätten.

Auch Analyst Christian Muschick von Sylvia Quandt Research mutmaßt, „dass die Deutsche Bank eine Strafe im niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich zahlen wird." Der deutsche Branchenprimus könnte sogar eine rasche Einigung mit den US-Behörden anstreben und vor dem Investorentag am 11. und 12. September Klarheit schaffen, tippt Muschick.

Bei Standard Chartered trägt das US-Geschäft rund 40 Prozent zum Gewinn bei. Die Deutsche Bank weist den Beitrag ihrer US-Aktivitäten zwar nicht gesondert aus. Klar ist aber, dass die Lizenz an der Wall Street für die Bank überlebenswichtig ist. Das Investmentbanking der Deutschen Bank steuert in guten Zeiten schonmal deutlich mehr als zwei Drittel zum Vorsteuergewinn der Bank bei, ohne Banklizenz in New York wäre dies wohl nicht möglich. "Jegliches Dollar-Geschäft würde erheblich erschwert, das träfe auch den Bereich Global Transaction Banking bei der Deutschen," sagt Muschick.

„Jede Bank, die im Bereich Fixed Income und im Aktienhandel aktiv ist, muss in den USA vor Ort sein", stimmt Frommen zu. Wichtig ist das allein deshalb, damit die Banken Zugang zu Finanzierungen mit Dollar bekommen. Die klagefreudigen Behörden werden die Banken dabei auch in Zukunft einkalkulieren müssen, erwartet der Analyst: „Vergleichszahlungen in Rechtsstreitigkeiten gehören in den USA zum Geschäftsmodell."

Kontakt zum Autor: Alexandra.Edinger@dowjones.com und eyk.henning@dowjones.com

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 18. Juni

    Beim berühmten Pferderennen im britischen Ascot trinkt man trotz äußerer Eleganz den Sekt gern aus der Flasche, in Indien huldigen Hindus dem heiligen Fluss Ganges und in Madrid rücken die Abrissbagger in ein Elendsviertel ein. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Obama in Europa: Tanzen mit Angie, Boxen mit Wowi

    US-Präsident Barack Obama kommt viel herum - nicht nur, aber öfter in Deutschland, auch in Frankreich, Tschechien oder Großbritannien jubelt ihm die Menge zu. Wir zeigen schöne, nachdenkliche und sportliche Momente mit Obama in Europa.

  • [image]

    Spektakuläre Formen - Autos wie Skulpturen

    "Sinnlicher Stahl: Autos des Art Deco", unter diesem Titel zeigt das Frist Center for Visual Arts in Nashville, Tennessee, 19 Autos und zwei Motorräder. Die Ausstellung ist gewissermaßen eine Hommage an das im Art Déco gehaltene Gebäude: Sie zeigt Fahrzeuge in sinnlicher Strenge.

  • [image]

    Vom Holzmotorrad zum Schuhauto - die kuriosesten Fahrzeuge

    Mit Kristallen besetzte Autos oder ein Motorrad aus recycelten Fahrradteilen: Wer mit diesen Fahrzeugen unterwegs ist, zieht mit Sicherheit die Blicke auf sich. Wir zeigen, wie Menschen auf der ganzen Welt ihre fahrbaren Untersätze verschönern.

  • [image]

    Hochhauspreise schießen in den Himmel

    Investoren haben zuletzt zunehmend sehr große Summen für Hochhäuser in New Yorks Stadtteil Manhatten bezahlt. Einige der Gebäude in unserer Bildergalerie.

  • [image]

    Was 3D-Drucker können

    Immer mehr Unternehmen setzen 3D-Drucker im alltäglichen Geschäft ein. Ford nutzt sie bisher nur zur Herstellung von Prototypen. Der Autohersteller träumt aber von einer Zukunft, in der Kunden ihre eigenen Ersatzteile drucken können.

  • [image]

    Steiniges Heim in Kalifornien

    Sonne, Strand, spanisch-mexikanische Straßenzüge und entspannte Menschen: Santa Barbara an der Westküste der USA lockt Hollywood-Stars und Musiker an, die keine Lust auf Trubel haben. Unser Haus der Woche in den Hügeln über der Stadt bietet Ruhe - und atemberaubende Ausblicke.