• The Wall Street Journal

Raffinerieunglück erzürnt Bürger in Ölnation Venezuela

CARACAS—Nach der tödlichen Explosion in Venezuelas größter Erdölraffinerie steht Staatspräsident Hugo Chávez in der Kritik. Bürger werfen ihm vor, in seiner 13-jährigen Amtszeit die Infrastruktur der ölreichen Andennation chronisch vernachlässigt zu haben. Anfang Oktober tritt Chávez zur Wiederwahl an.

dapd

Feuerwehrleute löschen Flammen an einem Öltank in der Amuay-Raffinerie, in der sich am Samstag eine heftige Explosion ereignet hatte, bei der fast 50 Menschen ums Leben kamen.

Bei dem Unglück in der Amuay-Raffinerie im Nordwesten des Landes kamen am Samstag fast 50 Menschen ums Leben, mehrere Dutzend wurden verletzt. Drei Tage lang loderten die Flammen; der Vorfall gilt als schlimmstes Industrieunglück in Venezuela seit Jahrzehnten. Am Dienstag erklärte der Betreiber der Raffinerie, Venezuelas Energiemonopol Petróleos de Venezuela (PdVSA), dass die Produktion Anfang nächster Woche wieder aufgenommen werde.

Nur wenige Wochen vor der Explosion war bereits eine wichtige Brücke zusammengebrochen, welche die Hauptstadt Caracas mit Venezuelas Osten verbindet. Und viele Bürger halten die Unglücke inzwischen für symptomatisch für die marode Infrastruktur im ganzen Land. Sie beschweren sich über brüchige Straßen und Stromausfälle, Wasserknappheit und fehlende Lebensmittel zahlreichen Landesteilen. Dabei dürfte es im fruchtbaren und an Öl und Wasser reichen Venezuela eigentlich an nichts mangeln.

Abwassersystem hielt dem Regen nicht stand

Obendrein hätten die Abwassersysteme in mehreren Gegenden den heftigen Regenfällen in den vergangenen Wochen nicht standgehalten und zahlreiche Gemeinden überflutet, sagen Kritiker und zeigen mit dem Finger auf die Regierung.

„Die kümmern sich nicht um die Instandhaltung, deshalb ist die Brücke zusammengebrochen und deshalb ist auch das in Amuay passiert", sagt die 69-jährige Rentnerin Ofelia Pereyra. „Genauso ist es auch mit den Stromausfällen. Es ist hier überall dasselbe."

Für Staatspräsident Chávez kommt die Kritik denkbar ungünstig. Am 7. Oktober finden in Venezuela die nächsten Präsidentschaftswahlen statt, und die Entscheidung dürfte knapp ausfallen. Einige Wahlumfragen zeigen einen deutlichen Vorsprung für Chávez, aber andere legen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit seinem Herausforderer Henrique Capriles nahe.

Kritiker sagen, dass der Präsident mit seiner populistischen Politik und seiner weitreichenden Verstaatlichung von Schlüsselindustrien die Infrastruktur des Landes ausgeblutet habe. Die Staatskassen sind wegen der Rekordpreise für Öl voll. Aber Chávez gebe das meiste Geld nicht für Infrastruktur aus, sondern für Wohlfahrtsprogramme. Und er buhle um die Gunst der Wähler, indem er mit kostspieligen Zuschüssen die Benzinpreise und die Energieversorgung subventioniere.

„Mit Instandhaltung gewinnt man keine Wählerstimmen", sagt Leonardo Mata Rojas, Präsident der Venezolanischen Gesellschaft der Bauingenieure. „Die Regierung ist an politischen Vorteilen interessiert, nicht an vorbeugenden Maßnahmen."

Wartungsarbeiten wurden verzögert

In der Amuay-Raffinerie etwa haben sich einige Wartungsarbeiten verzögert, belegt der jährliche Bericht des Betreibers PdVSA an das venezolanische Parlament. Grund für die Verzögerungen sei „die geringe Verfügbarkeit von Material" gewesen, heißt es darin.

Die Regierung aber weist die Kritik von sich. Sie habe nicht zu wenig Geld in Wartung investiert und sagt, die Verstaatlichung fast aller wichtigen Industriezweige wegen ihrer „strategischen" Bedeutung hätte Millionen von bedürftigen Menschen im Land genützt. Chávez sagt, er sei nicht Schuld an der Raffinerieexplosion oder den Fluten in einigen Gegenden. „Jetzt wollen sie Chávez auch noch für das Wetter verantwortlich machen", sagte er im Fernsehen.

„Was hat die Brücke mit Amuay zu tun, was haben die Regenfälle mit Amuay zu tun? Nichts! Sie wollen alles auf die Revolution schieben", schimpfte der Politiker und Chávez-Anhänger Diosdado Cabello während einer Pressekonferenz am Montag.

Analysten aber sagen, dass Chávez bisher erfolgreich Wahlkampf gemacht habe, indem er Geld für Subventionen, nicht für Wartung ausgegeben hätte. Jetzt aber sei ein Punkt erreicht, an dem die Risse in den Straßen auch einen Riss durch die Anhängerschaft des Präsidenten treiben werden.

Die politischen Kosten aus der Debatte um die marode Infrastruktur nähmen zu, sagt Luis Vicente Leon, Chef der Markt- und Wahlforschungsfirma Datanalisis. „Für Chávez wird es immer schwerer zu behaupten, dass er nicht verantwortlich ist."

—Mitarbeit: Kejal Vyas

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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