Von ELIZABETH HOLMES
Am Abend vor ihrer Reise in den Südwesten der USA schrieb Eva Chen, Beauty-Direktorin beim Magazin Teen Vogue, eine Twitter-Nachricht: „Hurrah! Ich bin offiziell im Urlaub!"
Während der nächsten fünf Tage, während sie durch Arizona fuhr, twitterte sie über 120 Mal, loggte sich über ein Dutzend Mal bei Foursquare ein und lud mit Instagram gut 30 Fotos ins Internet.
Als sie zum ersten Mal den Grand Canyon sah, schoss sie sofort ein Foto, um es ihren 32.600 Twitter-Followern zu zeigen. „Ich will die Reise mit ihnen teilen", sagt Chen über ihr Publikum.
Tweets und Bilder aus dem Urlaub
Im Internetzeitalter sind soziale Medien in jeder Lebensphase mit dabei – auch in den Ferien. Wer plötzlich aufhört zu twittern, Fotos hochzuladen und seinen Facebook-Status zu aktualisieren, gerät schnell in Vergessenheit. Bestenfalls fragen einige Twitter-Follower, wo man denn geblieben ist-.Schlimmstenfalls merkt niemand, dass man weg ist.
Wichtige Marken haben meist ein spezielles Team, das die sozialen Medien auf dem neusten Stand halten sollen. Wenn jemand in Urlaub ist, springt jemand anderes ein.
Doch am erfolgreichsten sind meist die sozialen Medienkanäle von einzelnen Personen, die einen eigenen Stil und Charakter haben. Ihre Follower wollen keine Urlaubsvertretung, und die Autoren, die viel Zeit darauf verwendet haben, ihre Basis aufzubauen, wollen diese Anstrengung nicht wieder zunichte machen.
„Für mich ist das unangenehm, weg zu sein"
Douglas Quint, Mitgründer von Big Gay Ice Cream, einem Eiswagen und Café in New York City hat bei seinem Twitter-Konto @biggayicecream 37.500 Follower. Viele von ihnen wollen auf dem Laufenden darüber sein, wo der Eiswagen gerade zu finden ist. Als Quint vor Kurzem nach Kalifornien reiste, schrieb er auf sein Twitter-Profil: „Der Eiswagen macht vom 16. bis 29. Juli Pause". Doch er twitterte auch im Urlaub weiter, um die Kunden daran zu erinnern, dass der Laden geöffnet hatte, und um Nachrichten an ihn zu beantworten. „Wir müssen aktiv erscheinen", sagt Quint. „Wir wollen ein- oder zweimal am Tag in den Twitter-Feeds der Kunden erscheinen."
Für die aktivsten Twitterer ist es keine Last, nicht mal eine Verpflichtung, „die Marke aufrecht zu erhalten". „Ich finde nicht, dass es meinen Urlaub beeinträchtigt", sagt Aliza Licht, Senior Vice President für globale Kommunikation bei Donna Karan Co., die unter dem Twitter-Namen @DKNY mehr als 413.600 Anhänger gesammelt hat. Sie liest im Urlaub auch ihre beruflichen E-Mails.
„Für mich ist das unangenehm, weg zu sein", sagt sie. Ihr Mann und ihre kleinen Kinder „akzeptieren" ihre Aktivitäten bei sozialen Medien, sagt sie. Manchmal schlägt ihr ihr Mann sogar Twitter-Nachrichten vor.
Sie nimmt Produkte von Donna Karan und DKNY mit auf ihre Reisen und twittert, während sie packt, inklusive Fotos von ihren Outfits, alles im Stil eines Modemagazins. Für jeden Abend hat sie ein anderes Paar Schuhe und eine neue Handtasche dabei.
Auch am Strand geht der Blick aufs Telefon
Ihren Followern gefällt das. „Jeder kann zum Strand gehen, aber nicht jeder kann das so tun wie Aliza", sagt Claire Biggs, eine freie Autorin in New York, die die Twitter-Nachrichten von Aliza Licht mit Begeisterung verfolgt.
Auch Lichts Chefin ist begeistert. „Ihr Sinn für Spaß und Originalität fallen auch auf unsere Marke zurück und machen unsere Aktivitäten bei den sozialen Medien unwiderstehlich", sagt Patti Cohen, Geschäftsführerin für globales Marketing und Kommunikation bei Donna Karan.
Abstimmung
Melanie Notkin, Gründerin von SavvyAuntie.com, einer Seite für Frauen mit Nichten und Neffen, fühlt sich verpflichtet, bei den sozialen Medien aktiv zu sein. Wer sich Zeit dafür nimmt, ein Foto oder eine Geschichte zu teilen, verdient eine Antwort. „Ich kann sie nicht ignorieren", sagt Notkin über ihre 19.800 Twitter-Follower.
Als Besitzerin eines eigenen kleinen Unternehmens macht Notkin nie lange Urlaub. Doch selbst an einem Wochenende am Strand schaut sie oft auf ihr Telefon.
Nicht all ihre Twitter-Nachrichten drehen sich um das Dasein als Tante. Sie malen ein Gesamtbild ihres Lebens als alleinstehende Frau in Manhattan. „Viele Menschen mögen die persönlichen Details über mein Leben", sagt Notkin. Doch es gibt auch Momente, da sie ihre Telefon beiseite legt. „Ich twittere nicht, wenn ich trinke", sagt sie.
„Digitaler Entzug" fällt schwer
Bei einer beruflichen Reise nach Abu Dhabi lernte die Fotografin und Mode-Bloggerin Jamie Beck, dass sie bis zum Morgen in der New Yorker Zeitzone warten muss, um Fotos auf Instagram zu laden. Dann bekommen sie mehr Aufmerksamkeit.
Bei ihrer Hochzeitsweltreise – einer Safari in Südafrika, einer Nacht in Sydney, einem Inseltrip nach Fiji und einer Weintour im kalifornischen Napa – speicherte sie ihre Fotos und teilte sie später auf den sozialen Plattformen.
Video auf WSJ.com
Im Londolozi Game Reserve schoss sie mit ihrer Profikamera eine Fotoserie mit Löwen, die sich gerade paarten, und lud einige davon gleich mit ihrem iPhone ins Internet. Abends wählte sie im Hotel ihre Lieblingsbilder aus, um sie auf Instagram zu laden, wo sie 50.000 Follower hat. „Ich musste das teilen", sagt Beck. Wenn man nicht da ist, sei es schön, wenn die Leute sehen, dass man trotzdem weiter kreiert, sagt sie. 4.000 Anhänger lobten das Bild bei Instagram.
Mark Schaefer, Autor von „Return of Influence", einem Buch über Marketing und soziale Medien, ging letztes Jahr während einer Reise nach Europa zwei Wochen lang auf „digitalen Entzug". Doch das war nicht einfach. „Ich hatte beinahe Zuckungen", sagt Schaefer. "Ich griff dauernd in meine Hosentasche." Ein paar Mal hat er doch getwittert.
Twitter ist Teil der öffentlichen Persönlichkeit
Bei seiner Rückkehr sah er, dass seine Punktzahl bei Klout gefallen war, einer Seite, die Menschen nach ihrem Einfluss bei sozialen Medien ordnet. „Wenn man keine Inhalte kreiert, bekommt man keine Punkte", sagt Schaefer.
Trotzdem findet er solche Pausen gut. Er plant Reisen an Orte, wo Internetverbindungen selten oder gar nicht zu finden sind. Bevor er abreist, schreibt er für seine 44.100 Follower in sein Twitter-Profil, dass er eine zeitlang weg sein wird.
Peter Sagal, Moderator der beliebten Radio-Quizshow „Wait Wait… Don't Tell Me!" sagt, Twitter sei ein Teil seiner öffentlichen Persönlichkeit. In den Nachrichten an seine mehr als 60.300 Follower muss er entweder Witziges oder Interessantes schreiben. „Meine Familie beschwert sich oft genug, dass meine Gedanken woanders sind", sagt er. „Wenn ich also etwas Amüsantes zu sagen habe, das in 140 Zeichen passt, sage ich es eben meinen Twitter-Followern."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de




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