Von HANS BENTZIEN
“Holt unser Gold heim!” - das ist der Name einer deutschen Bürgerinitiative. Sie fordert seit einigen Monaten, dass die Bundesbank die im Ausland lagernden Goldreserven nach Deutschland überführen soll. Mehr als 7.000 Gold-Fans haben die Petition bereits unterschrieben. Es geht um einen erheblichen Teil der deutschen Goldreserven, die insgesamt etwa 3.400 Tonnen im Marktwert von 176 Milliarden Dollar umfassen. Und es geht um zwei Fragen. Erstens: Ist das Gold überhaupt noch da? Und zweitens: Wozu haben wir dieses Gold eigentlich?
Die Bundesbank verwaltet die überwiegend in den 1950er und -60er Jahren angehäuften deutschen Goldreserven, immerhin die zweitgrößten der Welt. Wo das Edelmetall liegt, darüber gibt sie nur sehr sparsam Auskunft. Bundesbank-Sprecher Moritz Raasch verbreitet die offizielle Sprachregelung: “Die Deutsche Bundesbank hält einen Teil ihrer Goldbestände in eigenen Tresoren im Inland, weitere Bestände werden insbesondere an wichtigen Goldhandelsplätzen, in New York, London und Paris, bei den dort ansässigen Zentralbanken verwahrt.”
Die Bürgerinitiative vermutet aber, dass der größte Teil des Goldes nicht im Inland, sondern hauptsächlich in den Kellern der Federal Reserve Bank von New York verwahrt wird. Und dort, so kritisiert Initiator Peter Boehringer, wird es nicht richtig kontrolliert, vielleicht sogar ohne Kenntnis der Bundesbank verliehen. “Die Prüfprozedur, bei der sich ein Bundesbank-Vertreter alle zwei bis drei Jahre die Vorräte zeigen lässt, ist ein schlechter Witz”, sagt der Anlageberater, der sich auf Rohstoffe spezialisiert hat.
Fotogalerie: Die 20 größten Goldreserven der Welt
Misstrauisch ist auch der Bund der Steuerzahler, der bei der Bundesbank mehrfach wegen der Bestandsprüfungen angefragt hat. Inzwischen befasst sich zudem der Haushaltsausschuss des Bundestags mit der Angelegenheit. Er will Einsicht in einen Bericht, den der Bundesrechnungshof (BRH) zu der Frage verfasst hat, ob die Bundesbank die Goldreserven richtig bilanziert, also auch prüft.
Die Aufregung hat viel mit dem hohen Goldpreis zu tun, der seit mehr als einem Jahrzehnt kontinuierlich steigt – und viel mit der europäischen Schuldenkrise. Diese hat in Teilen der Bevölkerung das Vertrauen in den Euro stark beschädigt und Gold-Fans in ihrer Ablehnung von Papiergeld bestärkt. Seit jeher gibt Gold vielen Deutschen, die sich vor Inflation und Krisen sorgen, das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit. Vom Staat, der in der Euro-Krise Milliarden-Garantien für Not leidende Staaten ausgesprochen hat, wünschen sie sich das gleiche Sicherheitsdenken. Und nur in der Heimat sei der deutsche Goldschatz sicher.
Reicher Goldschatz dank Bretton Woods
Dieser Schatz ist inzwischen einige Jahrzehnte alt. Die deutschen Goldbestände stammen aus der Zeit des Währungsabkommens von Bretton Woods, dem sich von 1944 bis Anfang der 1970er-Jahre alle westlichen Industriestaaten unterwarfen. Dieses schrieb vor, dass alle beteiligten Währungen an den Dollar gebunden werden. Die USA verpflichteten sich im Gegenzug, Dollarreserven in Gold umzutauschen.
Die physische Übertragung des Goldes war jedoch nicht zwangsläufig mit einem Transport verbunden. Deutschlands Handelsbilanzüberschuss mit den USA führte lediglich dazu, dass amerikanisches Gold in den Kellern der Federal Reserve Bank vom Stapel der USA auf dem Stapel Deutschland umgeschichtet wurde.
Weil Deutschland, das dem Bretton-Woods-Abkommen 1949 beitrat, nach dem Krieg konstant mehr exportierte als einführte und so hohe Leistungsbilanzüberschüsse erzielte, schwoll das Goldvermögen der Bundesrepublik im System fester Wechselkurse schnell an. Verstärkt wurde dies dadurch, dass auch in der 1950 gegründeten Europäischen Zahlungsunion Leistungsbilanzsalden durch die Übertragung von Gold ausgeglichen wurden.
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Aus Sicht der Gold-Fangemeinde geht Deutschland seit Jahrzehnten viel zu fahrlässig mit seinem Goldschatz um. Vor allem an zwei Ereignissen in der deutschen Nachkriegsgeschichte erhitzen sich die Gemüter: 1967 schrieb der damalige Bundesbankpräsident Karl Blessing einen Brief an den Chef der US-Notenbank, William Martin. Darin versicherte er seinem Kollegen, dass Deutschland seine Dollar-Bestände künftig nicht mehr in Gold umtauschen werde. Auf diese Weise half Deutschland mit, das Leben von Bretton Woods noch einige Jahre zu verlängern. Allerdings verzichtete Deutschland dadurch auch auf etliche Tonnen Gold und verschenkte somit ein aus Sicht der Kritiker ein Milliardenvermögen.
Das andere Ereignis war eines, das nie stattfand: Die Heimholung des deutschen Goldes. Nach dem Ende von Bretton Woods ließ Deutschland sein Gold einfach in New York liegen. Frankreich dagegen schickte ein Kriegsschiff und überführte sein Gold nach Paris.
Um die Frage, warum Deutschland dies nicht tat, ranken sich zahlreiche Theorien. Eine weit verbreitete behauptet, dass das Land als Verlierer des Zweiten Weltkriegs und als Nutznießer eines von den Amerikanern durchgesetzten milden Schuldenabkommens und des von ihnen geförderten Wirtschaftswunders Wohlverhalten zeigen musste. Ein Abtransport der Goldreserven hätte als Misstrauensvotum gegen die Schutzmacht deutscher Interessen verstanden werden können.
Franzosen holt ihr Gold heim, Deutschland nicht
Der Berliner Wirtschaftshistoriker Johannes Bähr hält das jedoch für abwegig. Er sagt: “Man kann das Londoner Schuldenabkommen zwar als kulant bezeichnen, aber es folgte auch dem Gebot der Vernunft. Es gründete wie auch der Marshall-Plan auf der Absicht, einen Wiederaufbau zu ermöglichen. Man wollte der Sowjetunion im Kalten Krieg kein Terrain überlassen.” Mit anderen Worten: Aus lauter Dankbarkeit den Amerikanern gegenüber musste Deutschland sein Gold nicht jenseits des Atlantiks lassen.
Dass die Deutschen ihr Gold auch während der 1970er und -80er Jahre nicht zurückholten, lässt sich mit der vom Osten ausgehenden Kriegsgefahr erklären. Das Edelmetall hätte im Kriegsfall der Sowjetunion in die Hände fallen können. Das wollte niemand riskieren.
Aber warum schickte Deutschland nicht 1990 ein Kriegsschiff nach New York, als die Gefahr aus dem Osten gebannt war? Und warum nicht heute?
Nach Aussage von Wirtschaftshistoriker Bähr sprechen vor allem praktische Gründe dagegen: “Man muss sich vorstellen, was das für ein Aufwand wäre.“ Abgesehen davon, dass ein Transport so großer Goldmengen gewisse Sicherheitsprobleme mit sich bringt, müssten in Deutschland erst noch Lagerkapazitäten geschaffen werden. Die Keller unter der Bundesbank sind voll, ein Neubau wäre sehr aufwändig.
Und noch ein weiteres Argument spricht gegen eine groß angelegte Rückführungsaktion: „Gold wird vor allem in New York und London gehandelt. Deshalb liegt es dort richtig”, sagt Bähr.
Wo ist das Geld in Krisenzeiten besser aufgehoben?
Auch die Bundesbank argumentiert so. Ihr Sprecher Michael Best sagte kürzlich in einem RTL-Interview: “Im Fall einer Währungskrise, den wir uns alle nicht wünschen möchten, käm es darauf an, an Devisen zu kommen. Und die bekommt man nur, wenn man Gold als Sicherheit hinterlegen kann. Deshalb halten wir Gold bei befreundeten Notenbanken in demokratischen Rechtsstaaten.”
Die Befürworter einer Gold-Heimholung argumentieren genau umgekehrt: “Gerade im Krisenfall ist Gold die ultimative Währung – besser als jede Papiergeld-Devise. Genau darum muss die Bundesbank ihr Gold behalten und unter eigener Kontrolle halten”, sagt Boehringer. Er und seine Mitstreiter wollen das Gold deshalb nicht nur heimholen, sie fordern darüber hinaus einen bilanziellen Sonderstatus für das Gold. Dieser soll es davor schützen, bei der - von ihnen fest eingeplanten - Abschreibung auf deutsche Forderungen an andere Staaten “ausgebucht” zu werden.
Mit anderen Worten: Die Gold-Fans rechnen mit einem Zusammenbruch des Euro. Für sie ist Gold der Anker einer Währung, die nach dem Euro kommen wird. Sie wollen zurück in die Zukunft.
Thorsten Polleit, Chefvolkswirt des Goldhändlers Degussa, hat den Aufruf zu Heimholung des Goldes zwar nicht unterzeichnet. Die Faszination der Menschen für Gold und die Sorge um dieses sind für ihn aber gut begründet: “Was die Ökonomen der Mainstream-Lehre gar nicht mehr beachten, ist die Theorie darüber, wo unser Geld eigentlich herkommt. Das Geld entsteht durch einen Marktprozess”, sagt Polleit und verweist auf die österreichischen Ökonomen Karl Menger, Georg Friedrich Knapp und Ludwig von Mises. Von Mises habe nachgewiesen, dass Geld stets aus einem Sachgut entstehen müsse. “Und das sieht man in der Geschichte auch: Es waren Goldmünzen, Silbermünzen, ausnahmsweise auch mal Zigaretten, aber immer etwas, das auch einen intrinsischen Wert hatte”, sagt Polleit.
Einen derartigen „Wert für sich“ stellt das heutige Papiergeld nicht mehr dar. Es ist letztlich nur mit der wirtschaftlichen Leistungskraft der Europäer abgesichert.
Wie viel darf die Öffentlichkeit wissen?
Die Bundesbank hält als Emittentin des Papiergelds natürlich nichts von solchen Ideen. Aber als europäische Gralshüterin des Monetarismus ist sie wie kaum eine andere europäische Notenbank auf Geldwertstabilität bedacht. Außerdem verteidigt sie die deutschen Goldreserven seit Jahrzehnten erfolgreich gegen Begehrlichkeiten aus der Politik.
Derzeit allerdings sieht sie sich einer Überprüfung von Seiten der Politik ausgesetzt. Der Bundesrechnungshof prüft, ob die Bundesbank die Goldbestände korrekt prüft und bilanziert. Der Bericht ist schon lange fertig und liegt nun bei der Bundesbank. Sie soll entscheiden, welcher Teil des Berichts an die Öffentlichkeit darf. “Der Vorgang ist immer noch bei der Bundesbank. Erst wenn dieses Verfahren abgelaufen ist, können wir den Bericht an den Haushaltsausschuss geben”, erklärt Rechnungshof-Sprecher Martin Winter.
Durchgedrungen ist immerhin schon, dass der Rechnungshof der Bundesbank einige “Hinweise” in Bezug auf die Bilanzierungspraxis gegeben hat. Die Forderung, das Gold nun schleunigst nach Deutschland zu holen, dagegen dürfte in dem Bericht nicht zu finden sein.
Angesichts der unsicheren Zukunft des Euro ist das wohl auch gut so. Wirtschaftshistoriker Bähr ist sich sicher, dass ein solches Vorgehen, für dass es keine finanzielle oder technische Begründung gebe, im aktuellen Umfeld “zu den wildesten Spekulationen” führen würde: “Das würde seltsam wirken - so, als ob wir uns den Schatz der Nibelungen zurückholen wollen.”
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com



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