Von TOM ORLIK
PEKING—Immer mehr Investoren und Unternehmen ziehen ihr Geld aus China ab aus Angst vor einer Wachstumsflaute in dem riesigen Schwellenland. Das könnte es der Regierung in Peking noch schwerer machen, die Wirtschaft anzukurbeln.
Wie aktuelle Statistiken der chinesischen Zentralbank belegen, verkauften Chinas Banken im Juli Auslandsdevisen im Nettowert von rund 3,8 Milliarden Yuan (etwa 485 Millionen Euro) im Devisenhandel. Das legt nahe, dass chinesische Exporteure ihre Dollareinnahmen gar nicht erst in Yuan umtauschen und dass auch einige Anleger Geld außer Landes schaffen.
Eine ganze Weile geht das nun schon so. In den vergangenen zehn Monaten verkauften Chinas Banken heftig Dollar und nahmen im Gegenzug gerade einmal Auslandswährungen im Wert von 145 Milliarden Yuan auf. Das ist wesentlich weniger als die 905 Milliarden Yuan, die über den Außenhandelsüberschuss aus dem Ausland ins Land fließen.
In den vergangenen zehn Jahren war das meist anders: Anleger vertrauten auf Chinas Wachstumskraft und ihr Hunger nach Yuan war groß. Das führte dazu, dass die chinesischen Banken nicht nur den gesamten Außenhandelsüberschuss aufkauften sondern zusätzlich noch eine Masse an spekulativem Kapital – so genanntes heißes Geld. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2008 etwa zeigten sich Chinas Banken noch als Nettokäufer von Auslandsdevisen im Wert von 3,6 Billionen Yuan. Der massive Kapitalzufluss war einer der Hauptgründe dafür, dass Chinas Banken das Land mit schier unendlichen Krediten versorgen konnte, dass Wertpapierpreise in die Höhe gingen und der Yuan an Wert gewann.
Reiche Chinesen bieten jetzt um Häuser in London
Jetzt aber fließt das Geld ab und lässt überall die Preise sinken – im Immobiliensektor, an der Börse, auf dem Devisenmarkt. Der Kapitalschwund sorgt auch dafür, dass Luxuswohnungen in Hongkong noch teurer werden. Und er sorgt dafür, dass jetzt auch in Metropolen wie London, Singapur und San Francisco wohlhabende Chinesen mitmischen beim Bieterwettbewerb um Immobilien.
Es sind Leute wie Calvin Sheng, ein Berater in der IT-Industrie, der sich neulich im australischen Melbourne für umgerechnet knapp 320.000 Euro ein Apartment gekauft hat. „Ich bin einfach zur Bank gegangen, habe mir die australischen Dollar für die Anzahlung besorgt und das Geld nach Australien überwiesen", sagt er. „Ich werde dort studieren, und man könnte das Ganze als ausgewogene Geldanlage betrachten für den Fall, dass es in China das Risiko eines Abschwungs gibt."
Sheng sagt, dass er sich strikt an die chinesischen Kontrollen zum Devisenaustausch gehalten habe. Aber nicht jeder Chinese tut das. Das riesige Land beobachtet genau, wieviel Kapital in die Volkswirtschaft hinein und wieder hinausfließt. Allerdings entgehen kurzfristige, spekulative Geldanlagen häufig dem strengen Blick der Behörden. Insofern muss man sich Statistiken über die Devisenkäufe der Banken anschauen, um einen Eindruck zu bekommen von den Bewegungen auf dem Markt für „heißes Geld".
Der Kapitalabfluss verknappt die Kreditvergabe
Dass die Kapitalzuflüsse nach China abnehmen, verknappt den dortigen Geldmarkt und erschwert den chinesischen Banken die Kreditvergabe. Und es macht es der Regierung in Peking schwerer, Wachstumsanreize zu setzen. In diesem Jahr hat die chinesische Zentralbank schon mehr als 1,4 Billionen Yuan in das chinesische Finanzsystem gepumpt. Trotzdem bleibt die Kreditvergabe der Banken mau.
„Seit dem zweiten Halbjahr 2011 führen die sich verschlimmernde europäische Krise, die Schocks im globalen Finanzsystem und der Schuldenabbau zu einer Flucht in die Sicherheit", sagt der staatliche chinesische Experte Zhang Ming. „Kurzfristige Kapitalströme fließen aus den Schwellenländern in die USA. Diese Abflüsse haben der chinesischen Wirtschaft einen Schock versetzt."
Zum Teil ziehen private Anleger ihr Geld ins Ausland ab, aber es ist schwer zu bestimmen, wie groß das Ausmaß dieser Kapitalströme tatsächlich ist. In einer Umfrage der China Merchants Bank und der Managementberatung Bain & Co unter 2.600 wohlhabenden Einzelpersonen gaben im vergangenen Jahr fast 60 Prozent der Befragten an, dass sie schon Geld aus China abgezogen hätten oder es noch tun wollten.
Ann Li, die in Hongkong in der Medienbranche arbeitet, etwa hat sich gerade ein eigenes Apartment auf der Insel gekauft. Hongkong operiert, obwohl es zu China gehört, unter eigenen Gesetzen und außerhalb der chinesischen Kapitalkontrollen. „Wir finden, dass das eine gute Geldanlage ist. Meine Eltern besitzen schon Häuser und andere Investments auf dem Festland, also kaufen wir jetzt dieses Haus in Hongkong", sagt Li. „Wir machen uns auch Sorgen über die Eigentumsrechte und die politische Zukunft in China", ergänzt sie.
Nach Angaben von Rupert Hoogewerf, der Statistiken zum Vermögen der Topverdiener in China erstellt, suchen reiche Chinesen zunehmend nach Möglichkeiten, ihren Wohlstand zu diversifizieren. „Chinas Unternehmer investieren ganz schlicht in gewerbliche Immobilien und in Aktien, und sie legen persönliches Geld in Immobilien an – vor allem in den USA und in Hongkong", sagt er. „Dieser Trend könnte noch die nächsten 10 Jahre andauern."
Yuan sinkt gegenüber dem US-Dollar
Weil der Hunger nach Dollar so groß ist, hat sich Chinas Wechselkurs bereits umgekehrt. Der Yuan erlebte seit Jahresbeginn eine Abwertung von 0,7 Prozent gegenüber dem US-Dollar. Jetzt ist die chinesische Zentralbank in der ungewöhnlichen Lage, dass sie den Märkten den Druck nehmen muss, den Yuan nicht noch weiter nach unten zu treiben. China hält seine Währung nach wie vor fest in der Hand. Das Land sorgt dafür, dass sich die täglichen Wechselkursausschläge innerhalb eines engen Rahmens bewegen. Aber innerhalb dieses Rahmens können Investoren die Währung immer noch nach oben oder unten drücken.
Analysten zufolge bevorzugen es viele inländische Unternehmen in China inzwischen, Dollar zu halten statt Yuan. Damit sinkt auch die Zahl der Devisen, die Chinas Banken kaufen können. „Unternehmen sind in Bezug auf den Ausblick für die chinesische Wirtschaft weniger zuversichtlich, also halten sie ihre Umsätze verstärkt in Dollar", sagt He Weisheng, Wechselkursstratege bei der Citibank.
Sinkende Aktien, fallende Häuserpreise
An den Börsen macht sich der Schwund an Auslandsdevisen ebenfalls bemerkbar. Der chinesische Leitindex Shanghai Composite liegt 17 Prozent unterhalb seines Vorjahresniveaus. Und die Hauspreise sind gefallen – auch wenn das zum Teil an der Politik der Regierung liegt, die eine Blase auf dem Immobilienmarkt verhindern will. Langfristig nutzt das der chinesischen Wirtschaft. Aber weil die Regierung gleichzeitig das Wachstum zu entfachen versucht, könnten sich die sinkenden Preise negativ auf Anlegervertrauen und frische Investitionen auswirken.
Im Vergleich zum Vorjahr haben chinesische Betriebe bis Juli 35 Prozent weniger Kapital aufgenommen, belegen Daten des Anbieters Capitalvue. Im selben Zeitraum wurde 13,4 Prozent weniger neue Wohnfläche geschaffen.
Über Chinas Handelsüberschuss und ausländische Direktinvestitionen gelangt nach wie vor ein konstanter Strom an Auslandsdevisen in die chinesische Wirtschaft. In der Vergangenheit wurden solche Devisen rasch in Yuan umgetauscht unter der Annahme, dass es mit dem Yuan aufwärts gehen werde. Das belegen die monatlichen Devisenkäufe der chinesischen Banken auch.
Wenn diese jetzt aber weniger ausländische Währungen kaufen, als monatlich über Handel und Investment ins Land fließen, dann kann das nur zweierlei bedeuten: Entweder es fließt „heißes Geld" ins Ausland. Oder Unternehmen haben beschlossen, an ihren ausländischen Dollars festzuhalten.
—Mitarbeit: Stefanie Qi und Kersten ZhangKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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