Von PAUL MOZUR und TOM ORLIK
PEKING—Die Massenkrawalle beim chinesischen Apple-Zulieferer Foxconn Technology, bei denen mindestens 40 Arbeiter verletzt und Tausende von Polizisten im Einsatz waren, zeugen vom wachsenden Druck unter Chinas Auftragsfertigern.
Produktionsbetriebe wie Hon Hai Precision Industry tun sich zunehmend schwer damit, die schwächere Wirtschaft mit den steigenden Ansprüchen ihrer Fließbandarbeiter in Einklang zu bringen. Der Zulieferer mit seinem Arm Foxconn Technology beschäftigt in China mehr als eine Million Menschen in mehr als 20 Fabriken; manche Werke sind so groß wie Kleinstädte und ihre Steuerung wird für den Konzern zu einer immer komplexeren Aufgabe.
In der Nacht zum Montag war im Wohnheim einer Foxconn-Fabrik in der nordchinesischen Provinz Shanxi eine Massenschlägerei ausgebrochen, an der am Ende rund 2.000 Arbeiter beteiligt waren. Einige Arbeiter zündeten Motorräder an und zerschmetterten Schaufenster. Nach Angaben eines Sprechers von Hon Hai, dem weltgrößten Zulieferer für die Elektronikindustrie, wurden 40 Menschen krankenhausreif geprügelt. Eine Reihe von Arbeitern wurde festgenommen. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua mitteilte, waren rund 5.000 Polizisten im Einsatz, um die Krawalle zu schlichten. Der Grund für die Unruhen ist noch unbekannt.
Wegen der Ausschreitungen musste das betroffene Foxconn-Werk in Taiyuan mit insgesamt 79.000 Mitarbeitern am Montag den Betrieb einstellen. Am Dienstag lief die Produktion aber wieder normal weiter. Mitarbeitern zufolge werden in der Fabrik auch Teile für Apples iPhone und andere Unterhaltungsgeräte gebaut. Der Konzern bestätigte das nicht. Der Sprecher sagte lediglich, die Produktion sei nicht beeinträchtigt worden.
Arbeiter, die das Geschehen beobachtet hatten, berichten, dass Werksleiter die Angestellten über Lautsprecher zur Rückkehr in ihre Zimmer aufforderten. „Es gibt hier nichts zu filmen oder zu fotografieren. Packt Eure Mobiltelefone in die Taschen und geht wieder schlafen", hätten die Werksleiter gerufen, erinnert sich ein Arbeiter.
Möglicherweise hatten Arbeiter aus entfernteren Gebieten den Streit ausgelöst. Einige Angestellte berichten, dass Hon Hai jüngst Arbeiter aus anderen Werken in den Norden geholt hatte, um einen Großauftrag abzuwickeln. „Einige von denen waren unzufrieden, weil sie nicht in Taiyuan bleiben wollten", sagt eine Arbeiterin. „Sie wollten dorthin zurück, wo sie herkamen."
Hon Hais Konzernsprecher Louis Woo schließt nicht aus, dass ein Streit zwischen verschiedenen Arbeitergruppen eskaliert sein könnte. Die ursprüngliche Auseinandersetzung soll aber „nicht arbeitsbezogen" gewesen sein, heißt es. Das Unternehmen forsche noch nach den Ursachen.
Spannungen in Chinas Produktionsstätten gehören immer mehr zum Alltag. Einerseits schwächt sich das Wirtschaftswachstum im Land ab. Andererseits aber kennt vor allem die erste Generation der chinesischen Fabrikarbeiter ihre Rechte immer besser und ist auch bereit, diese zu verteidigen. Und die zweite Generation der Arbeiter ist gebildeter und stärker auf Zack. „Einige Leute sind einfach unzufrieden, dass Foxconn uns so wenig zahlt und wir so viele Stunden arbeiten müssen", sagt eine Arbeiterin.
Die Löhne im chinesischen Produktionssektor stiegen offiziellen Statistiken zufolge im vergangenen Jahr um fast 19 Prozent. Gleichzeitig aber lahmt Chinas Gesamtwirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 7,6 Prozent. Das ist zwar immer noch viel, aber dennoch so langsam wie seit Ausbruch der weltweiten Finanzkrise nicht mehr.
Das China Labour Bulletin, das die Streiks und Proteste im Land zählt, meldete jüngst einen Anstieg solcher Vorfälle. In den ersten acht Monaten dieses Jahres gab es im Schnitt 29 Arbeitsunruhen im Monat. Im vergangenen Jahr lag die Zahl im selben Zeitraum bei 11.
Hon Hai versucht, sich gegen steigende Kosten und Ansprüche abzusichern und hat bereits einige Fabriken von der teureren chinesischen Küstenregion ins Inland verlagert. Das Unternehmen versucht nach Auskunft von Analysten außerdem, die Anzahl der Wanderarbeiter aus anderen Regionen zu senken und mehr Menschen aus dem Produktionsort einzustellen. Häufig gibt es in den Fertigungshallen Reibereien, wenn Arbeiter aus verschiedenen Landstrichen zusammenarbeiten sollen, sagen Arbeitsschutzorganisationen.
„Die jüngeren Arbeiter kennen ihre Rechte definitiv besser und haben höhere Ansprüche", sagt Geoff Crothall, Sprecher des China Labour Bulletin. „Sie wollen mehr vom Leben als einfach nur den Mindestlohn."
Für Hon Hai bringt das neue Schwierigkeiten beim Management seiner Werke. Der Konzern steht längst unter genauer Beobachtung von Arbeitsschutzorganisationen, seitdem im Jahr 2009 mehrere seiner Arbeiter Selbstmord begingen. Im vergangenen Jahr versprach das Unternehmen, seine Standards anzuheben, nachdem externe Prüfer zahlreiche Verstöße gegen geltende Richtlinien fanden. Unter anderem arbeiteten viele Chinesen bei Foxconn 60 Stunden pro Woche und Arbeitsschutzbestimmungen wurden ignoriert.
Im zweiten Quartal sank Hon Hais Nettogewinnspanne auf 1,4 Prozent nach 1,5 Prozent im ersten Quartal – ein Abwärtstrend, der seit Ende der 90er-Jahre anhält, als die Gewinne noch zweistellig wuchsen. Der Profit lag im ersten Halbjahr 2012 nur noch 0,5 Prozent höher als im Vorjahr, vor allem, weil die Fertigung von Handybauteilen das Unternehmen Geld kostet, statt Gewinne abzuwerfen.
Die Arbeitskosten seien für Foxconn trotzdem nicht ausschlaggebend, sagt Unternehmenssprecher Woo. Entscheidender sei die Frage, wie der Konzern in Zukunft junge Chinesen für die harte Fließbandarbeit begeistern könne. „Wir können nicht behaupten, dass die Produktionsjobs spannend sind für die Arbeiter. Sie sind ziemlich langweilig und erfordern eine Menge harten Einsatz", sagt der Sprecher. „Wir müssen das ändern, anstatt zu hoffen, dass sich die Arbeiter ändern werden." Das Unternehmen setze bereits zunehmend Maschinen ein, mit denen sich die Fertigung automatisieren lasse.
Analysten aber prophezeien bereits, dass die Schwierigkeiten weitergehen werden. „Das ist wie bei der Industriellen Revolution", sagt Alberto Moel, Analyst bei der Investmentberatung Sanford Bernstein. „Die Menschen sind unglücklich über die Kombination aus niedrigen Löhnen und der Tatsache, dass sie niedere Dienste verrichten." Der Konflikt werde anhalten, sagt Moel.
Mitarbeit: Yan Jie und Ian Sherr





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