• The Wall Street Journal

Chinas Zocker bringen Kriminalität nach Vegas

Associated Press

Das Kartenspiel Bakkarat ist bei Chinesen besonders beliebt.

Es sieht aus, als wäre man plötzlich in China gelandet: Im 36. Stockwerk des Hotels und Kasinos „Venetian" in Las Vegas liegt der „Paiza", ein Glücksspielsalon für reiche Asiaten, der mit traditionellen chinesischen Gemälden dekoriert ist und einen eigenen Karaokeraum hat. Einige Spieltische sind nur für einen einzigen Kunden gemacht – für den Fall, dass jemand etwas mehr Privatsphäre möchte.

Der Bereich ist nach einer Art Pass benannt, der vor Jahrhunderten an wichtige chinesische Reisende vergeben wurde. Denn wichtig sind die Kunden hier allemal: Viele von ihnen spielen mit Einsätzen von 10.000 bis 400.000 US-Dollar – pro Runde.

Für Las Vegas Sands, den Besitzer des Venetian, ist diese Nische im Glücksspielgeschäft, das schon seit Jahren nicht mehr rund läuft, die Rettung. Auch Wettbewerber wie MGM Resorts International und Wynn Resorts rollen für diese Elitezocker den roten Teppich aus und verdienen daran riesige Summen.

In einer einzigen Nacht während des chinesischen Neujahrsfests nahm das Wynn Las Vegas Resort 16 Millionen Dollar an den Spieltischen ein. Bei einer Investorenkonferenz beschrieb Sheldon Adelson, CEO von Las Vegas Sands, das Glücksspiel als Dreh- und Angelpunkt der chinesischen Kultur. „In meinem nächsten Leben komme ich als Chinese zurück", sagte er.

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Das chinesisches Neujahrsfest ist besonders lukrativ für die Kasinobetreiber in Las Vegas.

Doch während dieses Geschäft mit den Asiaten eine wahre Goldmine ist, gehen damit oft umstrittene Geschäfte einher, die Strafverfolger aufhorchen lassen. China verbietet es seinen Einwohnern, mehr als 50.000 Dollar Bargeld pro Jahr mit ins Ausland zu nehmen. Wenn sie in ausländischen Kasinos also mit höheren Beträgen spielen wollen, verlassen sich Chinesen oft auf spezielle Veranstalter von Glücksspielreisen namens Junkets, die Zugang zu weit größeren Summen bieten. Diese sind im Glücksspielmekka Macao, einer chinesischen Sonderverwaltungszone, angesiedelt und werden von US-Strafverfolgern und Diplomaten oft der Geldwäsche und der organisierten Kriminalität verdächtigt.

Während immer mehr Chinesen auch in US-Kasinos ihr Geld verspielen, schauen die USA genauer darauf, ob die Glücksspielreiseveranstalter auch in Las Vegas ihre Geldwäsche betreiben, indem sie die Quelle der Gelder, die Transaktionswege und sogar die Identität der Spieler verschleiern. Die Abteilung für Finanzkriminalität des US-Finanzministeriums warnte Kasinos vergangenen Monat, solche Reiseveranstalter und ihre Kunden genau zu beobachten und „alle verfügbaren Informationen" über auffällige Aktivitäten an sie weiterzuleiten.

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Die Polizei befürchtet, dass Kasinos Gelder von solchen rechtswidrigen Organisationen für ihre Kunden über Staatsgrenzen schaffen. Ohne die Kontrolle der Banken sei das Risiko der Geldwäsche dabei höher.

Personen, die der Junket-Branche nahestehen, nannten dem Wall Street Journal die Namen von vier Veranstaltern, die im US-Bundesstaat Nevada Geschäfte betrieben, vergangenes Jahr von unabhängigen Ermittlern der Glücksspielaufsicht in Singapur jedoch als ungeeignet befunden wurden. Drei der vier sind immer noch in Nevada registriert, und einer davon soll über hunderte Millionen Dollar aus unbekannten Quellen verfügen.

Sprecher von Las Vegas Sands, MGM und Wynn wollten sich nicht zu ihren Kooperationen mit den Junket-Veranstaltern äußern, doch man schränke ihre Aktivitäten in Las Vegas ein, indem man direkt mit den chinesischen Kunden zusammenarbeite. Obwohl immer mehr Chinesen zum Zocken nach Las Vegas reisen, bilden sie nach wie vor eine relativ kleine Gruppe. Außerdem seien alle Aktivitäten der Kasinos rechtmäßig, und ihre Junket-Partner seien bisher keiner schweren Verbrechen bezichtigt worden. „Wir können nicht für etwas zur Verantwortung gezogen werden, das die Strafverfolgung erst noch klären muss", sagt Alan Feldman, Sprecher für MGM.

Las Vegas will schon seit einiger Zeit von den Massen an Kapital, die aus China herausfließen, profitieren. Das chinesische Neujahrsfest ist traditionell ein lukrativer Tag für Las Vegas, und viele Kasinohotels bieten kein Zimmer mit der Nummer 4 an, weil die Zahl nach dem Glauben vieler Chinesen Pech bringen soll.

In den vergangenen Jahren haben MGM, Wynn und Las Vegas Sands zusätzlich Kasinos in Macao eröffnet, das rasant zum größten Glücksspielzentrum der Welt geworden ist und 2011 allein mit dem Glücksspiel einen Umsatz von 34 Milliarden Dollar gemacht hat – mehr als fünfmal so viel wie der gesamte Las Vegas Strip. Wynn hat vergangenes Jahr 72 Prozent seines Umsatzes in Macao gemacht. Dieser Erfolg spornt die US-Kasinobetreiber dazu an, die Chinesen auch in Las Vegas zu umwerben. Las Vegas Sands hat 25 Millionen Dollar dafür ausgegeben, einen einzigen „Paiza" in Las Vegas mit dem nötigen Luxus auszustatten.

„Die Gäste können jederzeit haben, was sie wollen", sagt Greg Shulman, Marketing-Vizepräsident im Bellagio-Hotel von MGM. Das an den Glücksspielsalon angrenzende Dim-Sum- und Nudelrestaurant sei eines der wichtigsten Lokale des ganzen Gebäudes.

In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der Touristen aus China und Hongkong in Las Vegas um 80 Prozent auf 188.000 gestiegen. Am lukrativsten für die Kasinos sind die Tische, an denen Bakkarat gespielt wird - ein Kartenspiel, das die Chinesen besonders mögen. Bis Ende der ersten Jahreshälfte ist der Umsatz an diesen Tischen im Vergleich zum gleichen Zeitraum vor fünf Jahren um 49 Prozent gestiegen, obwohl der gesamte Glücksspielumsatz am Strip um zehn Prozent gefallen ist.

„Dass Bakkarat so lukrativ ist, liegt ganz allein an den Touristen aus China", sagt Ben Lee, ein Kasinoberater, der schon viel über den Junket-Markt geschrieben hat. „Eine kleine Gruppe von Menschen hat hier einen großen Einfluss."

Die Junket-Veranstalter gewähren den Spielern hohe Kredite und verlangen ihr Geld zurück, wenn sich die Verluste häufen. Einige Kunden müssen dafür nur Schuldscheine unterschreiben, bevor sie in die USA reisen. Doch der Weg des Geldes bleibt ein Geheimnis. „Ich habe noch nie jemanden getroffen, der mir erklären konnte, wie das Geld China verlässt und in Macao wieder auftaucht", sagt Mark Lipparelli, Vorsitzender der Glücksspielaufsicht von Nevada.

Analysten schätzen, dass bis zu 10.000 Menschen in irgendeiner Form für die Junket-Branche arbeiten. Viele der Firmen sind an sogenannte Super-Junkets gebunden – Konglomerate, die alle möglichen Geldgeschäfte betreiben und denen in manchen Fällen seltsame Vermögenswerte in die Hände fallen, wenn sie ihre Schulden eintreiben. Laut Steve Karoul, der früher in der Junket-Branche gearbeitet hat und heute Kasinoberater ist, sähen die Parkplätze einiger Junket-Betreiber wie ein Gebrauchtwagenhandel aus, und auch ein Hotel mit 400 Zimmern sei einmal gepfändet worden. „Das ist alles ein undurchsichtiger Markt", sagt er.

Ein Betreiber sagt, die Branche wolle ihr Image verbessern. Einige Firmen seien sogar an ausländischen Aktienbörsen gelistet. „Junkets werden professioneller", sagt Hoffman Ma, stellvertretender Vorsitzender der Success Universe Group, die seit den Neunzigern im Junket-Markt aktiv ist. Einige solcher Firmen in Macao hätten zwar Verbindungen zur organisierten Kriminalität, doch das nähme zusehends ab.

Lipparelli von der Glücksspielaufsicht in Nevada sagt, seine Behörde habe bisher noch keine Beweise dafür gefunden, dass die organisierte Kriminalität in Las Vegas angekommen sei. „Nichts deutet darauf hin", sagt er. Dennoch wissen zwei Personen, die mit Junkets in Asien vertraut sind, dass private Ermittler, die für die Kasino-Aufsichtsbehörde in Singapur arbeiten, den Antrag eines Junket-Betreibers in Nevada abgelehnt haben, weil er seine Verbindungen zu einem angeblichen Mitglied einer kriminellen Organisation nicht erklärte. Dieselben Ermittler hätten einen anderen Betreiber namens Chan Ting Lai, der in Nevada registriert ist, für ungeeignet empfunden, weil er die Quelle von 250 Millionen Dollar in Bargeld und Wertpapieren nicht nennen konnte.

Die Aufsichtsbehörden in Nevada und Singapur teilen meist ihre Informationen, doch ein Sprecher aus Nevada wollte sich nicht dazu äußern, ob man mit den Berichten der singapurischen Ermittler vertraut sei. Man beobachte hunderte von Kasinopartnerschaften, weshalb man selten die Anträge kleiner Betreiber genauer untersuche. Die Registrierungsgebühr ist vor kurzem von 750 auf 2000 Dollar erhöht worden, um bessere Kontrollen finanzieren zu können, doch Kritiker sagen, die Aufsicht in Nevada müsse trotzdem noch genauer auf die Betreiber aus Macao achten. „Macao kann die Aufseher in Nevada wirklich in Verlegenheit und in Schwierigkeiten bringen", sagt Bill Eadington, Professor an der University of Nevada in Reno, der sich eingehend mit den Junkets in Macao beschäftigt hat.

Die Transaktionen zwischen Macao und Las Vegas, die die Kasinos für die Junkets durchführen, haben auch die Aufmerksamkeit des US-Finanzministeriums auf sich gezogen. Chip Poncy vom Finanzministerium sagt, solche Transaktionen seien „ein Problem, das wir schon seit einiger Zeit im Blick haben" und die man gemeinsam mit den Kasinos und Aufsichtsbehörden verhindern wolle.

Vertreter von Las Vegas Sands, MGM und Wynn sagen, man achte die Landesgesetze und habe Mechanismen, die Geldwäsche verhindern sollen. Glücksspieler dürften keine ausländischen Gelder in Las Vegas einlösen, sondern nur die Gewinne, die sie damit erzielen. „Unser Unternehmen hat ein detailliertes Compliance-Programm, das wir den Aufsichtsbehörden vorlegen", sagt Ron Reese, Sprecher von Las Vegas Sands.

Details über die Bewegungen von Geldern zwischen Macao und Las Vegas und über die umstrittenen Personen, die daran beteiligt sind, wurden vor allem durch einen viel beachteten Gerichtsstreit bekannt. 2010 klagte Steve Jacobs, ehemals Leiter des Macao-Geschäfts von Las Vegas Sands, gegen seine Entlassung und legte dabei Kopien von Kontoauszügen des Unternehmens vor, die Transaktionen zwischen den beiden Glücksspielhochburgen zeigten. Zwei Personen, die angeblich Verbindungen zur organisierten Kriminalität haben, werden entweder in den Dokumenten genannt oder sind Partner der darin erwähnten Junkets.

Die zwei Männer, Cheung Chi Tai und Charles Heung, sind 1992 in einem US-Bericht über asiatische Kriminalität als wichtige Figuren krimineller Organisationen identifiziert worden. Vor Gericht wurde Cheung 2011 vorgeworfen, er habe die Ermordung eines Kasinodealers angeordnet. Angeklagt wurde er nicht.

Verurteilt wurde bisher keiner von beiden, und Heung hat öffentlich abgestritten, mit der organisierten Kriminalität in Verbindung zu stehen. Laut Personen, die mit dem Unternehmen vertraut sind, seien die beiden Männer auch Mitglieder im „Chairman's Club" von Las Vegas Sands gewesen. Der Club besteht aus den finanzstärksten Glücksspielern und erteilt ihnen Zugang zu den exklusivsten Suiten. Außerdem gewährt er ihnen monatlich sechsstellige Spesenkonten und hohe Kredite, heißt es in den Gerichtsdokumenten von Jacobs.

Das Finanzministerium und andere Strafverfolgungsbehörden, die die Dokumente über die Transaktionen von Las Vegas Sands gesehen haben, sagen, dass sie von der Höhe einiger Beträge überrascht seien. Ein Junket-Betreiber habe 2009 innerhalb von zwei Tagen 3,6 Millionen Dollar überwiesen, ein anderer 2,4 Millionen Dollar an einem Tag, heißt es in den Dokumenten.

Las-Vegas-Sands-Sprecher Ron Reese wollte sich zu den Transaktionen, der Arbeit mit den Junkets und den Personen, die in den Dokumenten erwähnt werden, nicht äußern. „Wir glauben, dass das Unternehmen sich richtig verhalten hat und wir werden weiterhin mit den Aufsichtsbehörden kooperieren", sagt er. „Aber wir werden das Recht auf Privatsphäre unserer Kunden nicht verletzen."

Beobachter des Junket-Markts in Las Vegas wundern sich vor allem über die Größe der Branche. In Macao machten die Junkets vergangenes Jahr etwa drei Viertel der Glücksspielumsätze aus, berichten örtliche Aufseher. In Las Vegas sei die Junket-Branche viel kleiner, sagen Kasinovertreter, und mache höchstens 20 Prozent der Umsätze mit den mit den Elitezockern aus China aus. Doch einige Berater sagen, die Ziffer sei weit höher.

Es ist jedoch schwer, die Umsätze der Junkets nachzuverfolgen, da einige keine formalen Verträte nutzen. Das nennt der Kasinoberater Ben Lee den „Schattenmarkt". „Geld nach Amerika zu schaffen ist noch schwerer, als es nach Macao zu bringen", sagt er. „Deshalb spielen die Junkets in Vegas eine so große Rolle."

—Mitarbeit: Daniel Lippman, Chester Yung und Chun Han Wong

Kontakt zu den Autoren: redaktion@wallstreetjournal.de

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