• The Wall Street Journal

Shell im Wettlauf mit dem arktischen Eis

Royal Dutch Shell investiert momentan mehrere Milliarden US-Dollar in die erste Ölbohrung in der amerikanischen Arktis seit 20 Jahren. Doch das vielbeachtete Projekt läuft nicht ganz nach Plan: Das Eis in der Tschuktschen- und der Beaufortsee vor der Küste von Nordalaska ist dieses Jahr erst spät getaut, was den Zeitplan für die Bohrung stark verzögert hat. Und das ist nicht das einzige Problem von Shell.

Bei einer der beiden Bohrinseln löste sich der Anker, während sie in Dutch Harbor im US-Bundesstaat Alaska auf ihren Einsatz wartete. Die Bohrinsel wäre beinahe auf Grund gelaufen. Außerdem arbeitet Shell immer noch an einem Rettungsschiff für Ölkatastrophen, das nach neuen Regularien ab Bohrbeginn bereitstehen muss.

Die Verzögerungen haben Shell dazu gezwungen, die Bohrpläne von fünf auf zwei Bohrlöcher zurückzufahren. Doch auch mit den Einschränkungen steht das Projekt noch auf dem Spiel.

Capt. Kristjan B. Laxfoss/Associated Press

Eine Bohrplattform von Shell wartet im US-Bundesstaat Alaska auf ihren Einsatz.

Shell hat bereits über 4,5 Milliarden Dollar ausgegeben - für Maschinen und für die Rechte, in Gewässern bohren zu dürfen, die womöglich über 19 Milliarden Barrel förderbares Öl und Gas bereithalten. Das ist etwa dreimal so viel, wie im Arctic National Wildlife Refuge erwartet wird. Schon lange ist umstritten, ob in diesem Naturschutzgebiet überhaupt nach Öl gebohrt werden darf.

Wenn das Rettungsschiff fertig ist, hat es noch eine Reise von bis zu drei Wochen vor sich, bis es von seinem Ankerplatz in Bellingham im Bundesstaat Washington bis nach Nordalaska gefahren ist. Der Bohrstart dürfte daher frühestens im September stattfinden, wenn das Meer schon bald wieder zufriert.

Die Bohrgenehmigungen, die Shell derzeit hat, laufen für die Tschuktschensee am 24. September und für die Beaufortsee am 31. Oktober aus. Shell könnte zwar noch nach diesen Daten einige Zeit weiterarbeiten. Grundsätzlich kann die Arbeit danach aber erst im kommenden Sommer weitergehen.

Shell Alaska will noch in diesem Jahr bohren, sagte Bereichspräsident Pete Slaiby am Freitag. Doch Innenminister Ken Salazar klang weniger zuversichtlich. „Es bleibt nicht viel Zeit", sagte Salazar in der vergangenen Woche bei einer Konferenz in Anchorage.

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Wenn Shell in dieser Saison nicht mehr bohrt, wäre das eine große Enttäuschung, sagt Fadel Gheit, Analyst bei Oppenheimer & Co. „Shell setzt bei diesem Projekt Haus und Hof aufs Spiel. Wenn alles nach Plan geht, könnte das ein Meilenstein für das Unternehmen, die Branche und auch für unsere Energieunabhängigkeit sein."

Die Bohrung in der Arktis ist nur eines von mehreren milliardenschweren Projekten, an denen Shell derzeit arbeitet. Geht eines davon schief, ist also nicht gleich das ganze Unternehmen gefährdet. Doch die Probleme zeigen, dass Öl- und Gasfelder immer schwerer zu erreichen sind.

Auch die Regierung von US-Präsident Barack Obama hat einiges auf die Bohrung in Alaska gesetzt. Die Republikaner und viele Vertreter der Energiebranche hatten das Moratorium für Offshore-Bohrungen und die schärferen Auflagen nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko scharf kritisiert.

Associated Press

Arbeiter auf der Ölplattform Kulluk im Mai.

Die Einwilligung für die Bohrung in der Arktis sollte dieser Kritik entgegenwirken, sagt Amy Myers Jaffe, Leiterin des Baker Institute Energy Forum, einer politischen Denkfabrik der Rice University in Houston.

Doch die falsche Vorhersage über das Eis und die Unfähigkeit, die komplette Ausrüstung rechtzeitig bereitzustellen, bestätigt viele Umweltaktivisten in ihrer Sorge, dass die arktischen Bedingungen zu unvorhersehbar sind, um dort sicher nach Öl zu bohren. „Der Präsident hat einiges für dieses Projekt ausgegeben, doch er wird kaum etwas damit gewinnen", sagt Myers Jaffe.

Sicherheit und Umweltschutz wichtiger

Innenminister Salazar sagt, Shell stehe für die Verzögerungen weitgehend in der Verantwortung. Aber es sei wichtiger, die Fragen der Sicherheit und des Umweltschutzes zu lösen, als den Zeitplan des Projekts einzuhalten.

Als Unternehmen zum letzten Mal in den 1980er-Jahren in der amerikanischen Arktis nach Öl bohren wollten, gab es ebenfalls Probleme. Das zwei Milliarden Dollar teure Projekt namens Mukluk wurde von verschiedenen Firmen, darunter Shell und BP, finanziert. Diese wollten von einer künstlichen Schotterinsel in der Beaufortsee 14 Meilen vor der Küste aus bohren. Doch als es soweit war, merkten sie, dass sich das Ölfeld durch die natürliche Ölmigration verschoben hatte.

„Wir hatten am richtigen Ort gebohrt", sagte Richard Bray, Leiter des Projektpartners Sohio Productions, dem Buchautor Daniel Yergin. „Wir waren schlicht 30 Millionen Jahre zu spät."

Trotzdem bleibt die Arktis ein attraktives Ziel für die Energiebranche. Exxon Mobil plant in dieser Region in den kommenden Jahren Investitionen von mehreren Milliarden Dollar, um gemeinsam mit dem russischen Partner OAO Rosneft die arktischen Gewässer zu erforschen. Die Unternehmen haben diesen Monat seismische Studien begonnen, ein Jahr früher als geplant.

Auch ConocoPhillips und Statoil haben Rechte gekauft

ConocoPhillips hat sich die Rechte erkauft, im Sommer 2014 in der Tschuktschensee zu bohren. Die Firma Statoil, die ebenfalls Rechte gekauft hat, hat sich noch nicht entschieden, ob sie vor Alaska bohren will.

Die Geologen von Shell sagen, dass der Bereich, für den das Unternehmen die Bohrrechte hält, bis zu 400.000 Barrel Öl am Tag hergeben könnte. Die USA verbrauchen etwa 19 Millionen Barrel am Tag.

Der arktische Sommer ist bald vorbei. Eine der beiden Bohrinseln könnte noch diese Woche zur Bohrstelle gebracht werden. Shell hofft, dass die staatlichen Aufseher es dem Unternehmen erlauben, dann bereits vorzeitig mit der Arbeit zu beginnen.

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