Von LOTHAR LOCHMAIER
Noch hat die Technik beim Elektroauto ihre Tücken: Wenn der Strom zur Neige geht, sollte das „connected vehicle" wenigstens den Weg zur nächsten Ladestation weisen. Sonst gibt die Lithium-Ionen-Batterie mit beschränkter Reichweite ihren Geist schon während der Fahrt auf.
Will heißen: Für den Erfolg von umweltfreundlichen Mobilitätskonzepten ist eine gut funktionierende Infrastruktur zwingend erforderlich. Als Brückentechnologie kommt deshalb in kniffligen Detailfragen immer wieder die Informationstechnik ins Spiel. Und da ist noch viel zu überbrücken.
Das Stromnetz 2.0 spricht Infotext, misst und verbindet
Prädestiniert dafür wäre wohl die „Generation Facebook", ein zugegebenermaßen etwas unvollständiges Etikett. Eine denkbare Anlaufstelle für die künftigen Macher wäre zum Beispiel die nächste Cebit in Hannover.
Auf dem noch immer führenden Stelldichein der IT-Branche stehen im kommenden März nicht nur Bits und Bytes, Big Data und Cloud Computing oder das Thema Datensicherheit im Fokus.
Die Computermesse wird sich unter dem Leitmotiv „share economy" auch mit der Energiewende beschäftigen und dem Beitrag der Informationstechnologie dazu.
Die 50 besten IT-Lösungen zur Energiewende werden beim Wettbewerb Code_n unter dem Leitmotiv „Smart Solutions for Global Challenges" in den Messehallen gezeigt, einer von GFT Technologies, Ernst & Young sowie der Deutschen Messe AG getragenen Initiative.
Bereits im vergangenen Jahr war der erste Preis in dem Wettbewerb an ein Mobilitätsunternehmen gegangen, die App-Anwendung von mytaxi. Dort spricht der Kunde übrigens ohne Mittelsmann direkt mit dem Taxifahrer.
Gerade um das etwas in die Jahre gekommene Statussymbol des Autos entstehen derzeit spannende Konzepte – sie reichen vom Car-Sharing bis zur Mitfahrzentrale 2.0. Getreu dem Motto: Die Ökonomie des Teilens - share economy - boomt und verändert unsere Arbeitswelt.
Die Idee hinter der von Harvard-Professor Martin Weitzmann kreierten Wortschöpfung share economy besagt, dass der Wohlstand aller steigt, je mehr und je intensiver die Marktteilnehmer interagieren und ihre Ideen miteinander teilen. Das klappt mal mehr, mal weniger. Schließlich stehen Menschen und Unternehmen auch in Konkurrenz zueinander.
Ideen zur mobilen Stromversorgung
Zwar wird eine neue Ökonomie des Teilens kein universeller Türöffner für die elektromobile Energiewende auf der Straße sein können, trotzdem hat das Cebit-Leitmotiv „Leihen statt kaufen" doch seinen Sinn.
Nicht jeder hat schließlich das nötige Kleingeld wie ein Hollywood-Star. Ein wirklich vorzeigefähiges E-Fahrzeug wie das von Tesla Motors http://www.teslamotors.com/ wird zumindest der sparsame Teil der weltweiten Mittelschicht nur mieten können.
Gefragt bei der grünen Teilen-Ökonomie - nicht nur beim Wettbewerb Code_n - ist also ein Blick über den Tellerrand. Dazu braucht es Ingenieure und Entwickler, die sich überzeugenden Lösungen zur intelligenten Energieverteilung sowie zur besseren Effizienz widmen.
Gesucht sind auch versierte Spezialisten, die an neuartigen Steuerungskonzepten für die öffentliche Stromversorgung in Mega-Städten und Ballungszentren arbeiten - am besten per Minicomputer voll vernetzt und per Fernbedienung auch mobil steuerbar.
Was zählt, sind insgesamt aber Lösungen, die jenseits vom reinen Spaßfaktor einen konkreten Mehrwert für Wirtschaft und Gesellschaft erbringen, ganz im Sinne der share economy.
Politische Diskussion nervt, Zupacken gefragt
So nennt Ulrich Dietz, Gründer der Code_n-Initiative und zugleich Vorstandschef von GFT Technologies, die Energiewende in Deutschland ein „Überlebensthema" für uns alle.
Doch die tagespolitische Debatte drohe den großen Wurf im kleinkarierten Streit um Hürden, Regelungen und Kosten zu ersticken, beklagt der Firmenchef. Dietz mahnt bei der älteren Generation mehr Begeisterung an, die Jüngeren zu motivieren, neue Lösungen zu entwickeln und entschlossen zu vermarkten. Schließlich entstehen gerade hier die frischen Ideen, die es für das Gelingen der Energiewende braucht.
Diesem Befund stimmt man im Ursprungsland der professionellen Bedenkenträgerei nur gerne zu. Vielleicht können wir an dieser Stelle vom Branchenprimus Apple aus der IT-Branche lernen, immerhin das wertvollste Unternehmen der Welt.
Ließe sich das Geschäftsmodell von Apple auf die Elektromobilität übertragen? Vielleicht nicht das Geschäftsmodell von Steve Jobs & Co, aber der unternehmerische Charakter und die Einstellung, die hinter den Innovatoren von Apple steckt.
Wie das Apple-Modell für die Energiewende entsteht
Das wichtigste Element bleibt die Leidenschaft einer charismatischen Leitfigur namens Steve Jobs. Vom verstorbenen Präsentationsgenie können gerade junge Firmengründer und Start-ups viel lernen. Die zehn wichtigsten Regeln, wie man technische Innovationen clever verkaufen kann, lassen sich via CIO.de nachverfolgen.
Eine leicht abgewandelte Botschaft von Steve Jobs könnte wie folgt lauten: Verkaufe nicht nur irgendein Produkt, sondern eine gesellschaftliche Zukunftsvision, um die Nutzer - ganz im Sinne der Cebit-Agenda - zum Teilen und zur Weitergabe zu motivieren, ja zu begeistern.
So bilanziert der Stromzähler jenseits einer aktuell wieder einmal grassierenden App-Mania: Das Kleine wird beim interaktiven Energienetz im Automobil der Zukunft größer - man denke dabei nur an das Smartphone und seine Apps -, während das Große in seiner Bedeutung schrumpft. Zum Beispiel die Energiemonopole, die künftig nicht mehr jeden Stromzähler kontrollieren dürften.
Kurzum: Smarte IT-Technologien und rasche Interaktionsintervalle über das Netz verändern allmählich die Rolle der Technik. Sie wird auch in der Umwelt immer mehr zum Dienstleister. Die share economy kann also in Teilen durchaus ein Zukunftsmodell für die Energiewende sein.
Dezentrale Energieversorgungskonzepte gewinnen an Einfluss, bedarfsgerechte und flexible Nutzermodelle genießen Aufwind. All dies vor dem Hintergrund einer durch schrumpfende Fettpolster in Europa nicht ganz freiwillig eingeleiteten Wende zur „geteilten Wirtschaftsleistung".
Bis zum 18. November können sich digitale Pioniere übrigens beim Ideenwettbewerb Code_n für die Energiewende registrieren. Es winken Preisgelder von insgesamt 30.000 Euro. 50 von der Jury ausgewählte Start-ups dürfen sich und ihre Konzepte außerdem kostenfrei auf dem nicht ganz so konventionellen Gemeinschaftsstand der Initiative präsentieren.
Vielleicht haben Leser dieser Kolumne bereits einen konkreten Vorschlag in der Hinterhand, wie das nächste Puzzleteil der IT zur Energiewende und zur Elektromobilität im Sinne der share economy konkret aussehen kann. Die Welt wartet darauf.
Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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