• The Wall Street Journal

Energiewende: Wie teuer darf es sein?

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Nach der Nuklearkatastrophe in Fukushima vor gut einem Jahr hat die Bundesregierung den verbindlichen Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 beschlossen. Das Ganze läuft unter dem Oberbegriff Energiewende. Gemeint ist damit eine nachhaltige Energieversorgung auf Basis von erneuerbaren Energien. Nach und nach sollen fossile Energieträger wie Öl, Kohle und Erdgas durch Windenergie, Biomasse, Sonnenenergie, Geothermie und andere regenerative Quellen abgelöst werden.

Die mit diesem Beitrag gestartete neue Kolumne auf wallstreetjournal.de begleitet die damit einher gehenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. "Der Stromzähler" befasst sich dabei insbesondere mit neuen Finanzierungskonzepten, die sich in nationaler wie globaler Perspektive aus der Energiewende ergeben9.

Im Prinzip scheint alles klar: Atomkraft nein danke, Kohlezechen ade, Gaskraftwerke zu teuer, also Erneuerbare Energien vorwärts! Doch Deutschland hat ein Problem: Man will Innovation über staatliche Strukturen gestalten. Also gibt es 16 Energieminister in Deutschland. Und die verteilen großzügig Geld. Es ist wie beim Betreuungsgeld. Wer zuhause bleibt, kriegt am meisten Geld nach geschmissen.

Kommt her, Ihr Heuschrecken!

Doch das wird nicht annähernd reichen. Die Energiewende benötigt zwingend die Unterstützung privater Investoren, um erfolgreich zu sein, sagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Nur mit ihnen seien die Kosten, die das Institut auf 200 Mrd. Euro taxiert, zu stemmen. Wie wäre es dann mit einer kleinen Zwangsabgabe, am besten als Crowdfunding-Aktion verpackt, bei immerhin 80 Mio. Bundesbürgern? Kleinkinder natürlich ausgenommen. Und wenn auch das noch nicht reicht, dann drehen wir eben das ganz große Finanzrad.

So schlagen die Auguren vom DIW vor, Private Equity ins Spiel zu bringen. Kommt her, ihr lieben Heuschrecken von der Waterkant bis zur Wall Street - und kümmert Euch endlich um das Kleingedruckte in der Umwelttechnologie, das wirtschaftliche Investitionsrenditen so unberechenbar aber auch so zukunftsträchtig macht.

Das Motiv dahinter darf man wohl etwas überspitzt so formulieren: Da die Energiewende von oben nicht mehr funktioniert, darf jetzt der Bürger ran, um die Kohlen aus dem Atomfeuer zu holen – und sie von unten unter stetiger Co-Moderation der wirklichen Macher einzuleiten. Oder zumindest daran zu glauben. Denn sonst akzeptiert das Stimmvolk höhere Strompreise nie, so das politische Kalkül (von oben).

So nutzt man in den Chefetagen geschickt die Euphorie, um das Stimmvolk freundlich zu umarmen. Schließlich tut sich jede Menge. Bürgerbeteiligung ist plötzlich en vogue. Bürger- und Solarwindparks, genossenschaftliche Beteiligungsmodelle und vieles mehr liegen im Trend. Der Bundesverband Windenergie e.V. (BWE) sieht darin immerhin eine demokratische Alternative zur konventionellen Energieerzeugung. Warten wir ab, ob der Slogan „gemeinsam in der Energiewende stärker", gerade dort greifen wird.

Euphorische Aufbruchstimmung, sogar bei Banken

Wie die einzelnen dezentralen Beteiligungsvarianten konkret gestrickt sind, kann man dem ausführlichen Papier „Windenergie in Bürgerhand" entnehmen.

Mit dem eingängigen Slogan "Energie aus der Region für die Region" ist es allerdings so eine Sache. Um den richtigen Weg vor Ort gibt es scharfe Auseinandersetzungen: Biogasanlagen auf anrüchiger industrieller Basis, ungeliebte Offshore-Windanlagen direkt vor der Küste, Konflikte um den Naturschutz, Streit um die Raumplanung oder Gefechte um den Königsweg zwischen einzelnen erneuerbaren Ressourcen – dies sind nur einige schwelende Konfliktfelder.

Trotzdem herrscht derzeit eine euphorische Aufbruchstimmung, fast wie vor der Wende in der DDR. Sogar die Banken sind jetzt voll bei der Sache. So diktierte Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer vom Bankenverband in der Börsenzeitung die nachhaltige Botschaft zu Protokoll, für dezentrale Energieprojekte seien finanzielle Bürgerbeteiligungen ideal, etwa Energiesparbriefe oder Genussrechte. Sei doch klar, zwei Fliegen mit einer Klappe, nicht nur die Finanzierung werde gewährleistet, sondern auch die Akzeptanz von Bauprojekten erhöht. Das klingt fast so salomonisch wie das Wort zum Sonntag oder der immer noch ausstehende Richterspruch vom Bundesverfassungsgericht zur Griechenland-Hilfe.

Was aber, wenn die Hälfte von 16 deutschen Bundesländern eine autarke Energieversorgung auf Basis von Erneuerbaren Energien anpeilt und überschüssigen Ökostrom meistbietend an den Rest der Republik verkaufen will? So ist längst die Rede von einem energieautarken Freistaat Bayern. Auch innerhalb der Erneuerbaren Energien fällt der Interessenausgleich zwischen den Ländern schwer: So plädiert etwa Niedersachsen aufgrund seiner Windindustrie nicht ganz uneigennützig für eine Reduzierung der Solarförderung. Demgegenüber sprechen sich östliche Bundesländer wie Sachsen oder Thüringen vor dem Hintergrund sinkender Preise bei Solarmodulen und der harten Konkurrenz aus Asien.vehement für deren Aufrechterhaltung aus.

Der Ruf nach dem starken Staat bringt es nicht

Statt waghalsiger Schlussfolgerungen möchte ich daher an dieser Stelle nur eine vorsichtige Zwischenbilanz ziehen: Der Ruf nach einem starken Staat, etwa in Form eines Nationalen Energieministeriums wird es ebenso wenig richten wie der „freie Markt".

Deshalb haben sowohl die Wirtschaft als auch die politische Staatsräson eingesehen, dass „runde Tische" und der aktive Bürgerdialog für mehr Transparenz und Durchschlagskraft bei der Energiewende sorgen können, ja sogar müssen. Gelingt dies nicht, könnte sich der hochgesteckte europäische Anspruch, bis 2020 rund 30 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen zu produzieren, in politischen Ankündigungsfloskeln auflösen.

Zum Abschluss aber die gute Nachricht: Laut Angaben des politisch nicht unbedingt der Basisdemokratie zuzurechnenden Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) verfügt Deutschland heute schon über wahnsinnig viel Ökostrom. Im ersten Halbjahr 2012 haben wir ein Viertel unseres Strombedarfs aus regenerativen Energiequellen bezogen. Vor allem aus der Wind-, Bioenergie und der Photovoltaik. Schlusswort.

Die Energiewende in der ersten Jahreshälfte startet also mit einem Guthaben von 67,9 Milliarden Kilowattstunden, also keineswegs auf der Nullachse. Trotz aller Lobbyinteressen, die die Umsetzung erschweren, ist der Wandel längst im Gange.

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Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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