• The Wall Street Journal

Groupon-Geldgeber ziehen die Reißleine

Einige der frühen Förderer von Groupon, darunter Silicon-Valley-Veteran Marc Andreessen, kehren dem Unternehmen den Rücken zu. Damit tun sie es den Anlegern gleich, die das Vertrauen in die Social-Media-Unternehmen verloren haben, die noch vor kurzem als Protagonisten eines neuen Internet-Booms galten.

Mindestens vier Investoren, die bereits Groupon-Aktien hielten, ehe das Schnäppchenportal an die Börse ging, haben ihre Anteile in den vergangenen Monaten verkauft oder signifikant zurückgefahren. Seit dem Börsengang im November hat Groupon mehr als drei Viertel seines Börsenwerts und damit über zehn Milliarden US-Dollar eingebüßt.

Der Kurseinbruch bei Groupon und die ebenfalls taumelnden Aktien von Facebook und Zynga haben Erinnerung an das Dot.com-Desaster im Jahr 2000 wachgerufen. Anders als viele Unternehmen der Dot.com-Ära haben die Internet-Firmen der neuen Generation vernünftige Umsätze und einige schreiben sogar Gewinne. Allerdings hinken die Ergebnisse weit hinter den Erwartungen her.

Facebook-Aktien hatten ihre Talfahrt in der vergangenen Woche fortgesetzt, nachdem Haltefristen für einige Altaktionäre ausgelaufen waren. Die Papiere kosten jetzt weniger als die Hälfte ihres ursprünglichen Ausgabepreises von 38 Dollar. Noch schlechter sieht es bei Zynga aus: Weil Anleger daran zweifeln, dass das Unternehmen Geld mit den Leuten verdienen kann, die seine digitalen Spiele spielen, ist die Aktie seit dem Börsendebüt im Dezember um 70 Prozent abgesackt.

Ein Sprecher von Groupon wollte den Kursrutsch der Aktie nicht kommentieren, auch Facebook und Zynga lehnten eine Stellungnahme ab.

Marc Andreessen, der als Mitgründer von Netscape Communications zu den Ikonen des Dot.com-Hypes der 1990er Jahre zählt, gehörte auch bei Groupon zu den Investoren, die den rasanten Aufstieg des Unternehmens ermöglichten. Sein Unternehmen, Andreessen Horowitz, steuerte 40 Millionen Dollar zu den insgesamt 950 Millionen Dollar bei, die Investoren vor dem Börsengang in Groupon steckten. Andreessen Horowitz verkaufte seine 5,1 Millionen Groupon-Aktien jedoch kurz nach Ablauf der Haltefrist am 1. Juni, wie Personen, die mit der Transaktion vertraut sind, berichteten. Auf Basis des Aktienkurses am Tag des Verkaufs verdiente Andreessen Horowitz mit seiner Anlage fast 14 Millionen Dollar.

Die Aufregung um Groupon , die im Januar mit dem Einstieg großer Investoren im Januar 2011 endete, steht stellvertretend für einen neuen Trend im Silicon Valley, bei dem sich prominente Investoren kurz vor dem Börsengang an jungen Unternehmen beteiligen. Kritiker bemängeln, dass die durch dieses Phänomen der Wert der jungen Unternehmen auf nicht nachhaltige Niveaus getrieben wird.

Finanzierungsrunde vor IPO treibt Bewertung hoch

„Groupon wäre ohne das Geld in dieser späten Phase niemals so groß geworden", sagt Bill Gurley, Partner beim Wagniskapitalgeber Benchmark Capital. Seine Firma habe 2009 die Möglichkeit gehabt, bei Groupon einzusteigen, dieses aber abgelehnt, berichtet Gurley. Im Nachhinein sei diese Entscheidung ein Fehler gewesen: „Diejenigen, die früh bei Groupon an Bord waren, haben sehr viel Geld gemacht – selbst bei den aktuellen Kursen", sagt Gurley.

dapd

Silicon-Valley-Veteran Marc Andreessen warnte Groupon vor einem übereilten IPO.

Außer Andreessen ziehen sich auch andere der späten Geldgeber Groupons zurück. Der Hedgefonds Maverick Captial hat seinen Anteil an Groupon Ende Juni auf weniger als zwei Millionen Aktien zurückgefahren. Ende hatte der Fonds noch 6,33 Millionen Anteilsscheine besessen, zeigen Dokumente, die bei der Börsenaufsicht SEC eingereicht wurden. Auch der Investmentfonds-Riese Fidelity Management & Research verkaufte SEC-Unterlagen zufolge zwischen dem 1. April und Juni rund ein Drittel seiner Aktien. Maverick und Fidelity waren für einen Kommentar nicht zu erreichen.

Die schwedische Investmentfirma Kinnevik hatte im Juni bereits mitgeteilt, dass sie die 8,38 Millionen Aktien, die sie seit 2010 gehalten hatte, verkauft habe. Torun Litzén, bei Kinnevik für Investor Relations zuständig, begründete dies damit, dass das Unternehmen üblicherweise keine Minderheitsbeteiligungen halte.

Andreessen gehörte Insidern zufolge zu einer Gruppe von Groupon-Beratern, die das Unternehmen dazu drängten, seine Börsenpläne zu ändern. Auch Starbucks-Chef Howard Schultz, der im April als Aufsichtsrat bei Groupon zurücktrat, hatte Sorgen geäußert, dass der Börsengang zu früh komme. Auch John Doerr und Mary Meeker, Partner bei der Beteiligungsgesellschaft Kleiner Perkins Caufield & Byers, die in Groupon investiert hat, hätten vor einem zu schnellen IPO gewarnt, berichten die Firmenkenner weiter.

Hohe Marketingkosten als Risikofaktor

Zu den Sorgen der Skeptiker habe gezählt, dass Groupons hohe Marketingkosten und andere Aspekte der IPO-Pläne einer strengen Prüfung unterzogen würden, berichten Personen aus dem Umfeld des Verwaltungsrats. Als Beisitzer in dem Gremium hatten jedoch weder Andreessen noch Doeer und Meeker ein Stimmrecht bei der Entscheidung für das IPO.

„Unser Verwaltungsrat hat einstimmig genehmigt, dass wir Investmentbanker beauftragen, die Chancen für ein IPO auszuloten", schrieb Groupon-Chef Andrew Mason in einer E-Mail. Monate später habe das Gremium einstimmig beschlossen, den Prospekt bei der Börsenaufsicht einzureichen und „weitere Monate später haben sie einstimmig zugestimmt, dass wir an die Börse gehen".

Meeker erklärte vergangene Woche, seit Kleiner im Januar 2011 Groupon-Aktien gekauft habe, habe das Unternehmen „unsere Erwartungen in nahezu allen Bereichen – darunter Umsatz, Kundenzahl und verkaufte Groupons – deutlich übertroffen". Beim Cash-Flow habe Groupon die Erwartungen erfüllt.

Der Absturz von Groupon an der Börse hatte sich in der vergangenen Woche beschleunigt, nachdem der Quartalsbericht des Unternehmens neben einem langsameren Umsatz- und Kundenwachstum auch die Möglichkeit einer geringeren Gewinnmarge im laufenden Quartal angezeigt hatte. Am Freitag war die Aktie an der New Yorker Nasdaq um fünf Prozent gefallen und hatte bei 4,75 Dollar auf einem neuen Allzeittief geschlossen.

Morgan Stanley kauft weiter zu

Einige der Investoren, die kurz vor dem Börsengang bei Groupon eingestiegen waren, haben ihre Anteile bis heute gehalten oder diese sogar ausgebaut. Woody Marshall, Partner beim Wagniskapitalgeber Technology Crossover Ventures, erklärte, sein Unternehmen habe keine Aktien verkauft. Auch Meeker sagte, Kleiner Perkins habe seinen Anteil gehalten.

Investmentfonds von Morgan Stanley und T. Rowe Price, die schon vor dem IPO Groupon-Aktien gekauft hatten, haben seither weiter zugekauft. T. Rowe Price besaß am 31. Juli SEC-Unterlagen zufolge 75 Millionen Aktien, fast drei Mal so viele wie Ende März. Die Fonds von Morgan Stanley haben ihren Anteil zwischen April und Juni mehr als verdoppelt. Eine Sprecherin von Morgan Stanley wollte dies nicht kommentieren, T. Rowe Price beantwortete eine Anfrage nicht.

Der Reiz, der viele Investoren bei Groupon zuschlagen ließ, waren die Wachstumsraten des Unternehmens. Im Jahr 2010, dem zweiten vollen Geschäftsjahr des Konzerns, erzielte Groupon 313 Millionen Dollar an Umsätzen – 22-mal so viel wie ein Jahr zuvor. Zum Vergleich: Der Umsatz von Google vervierfachte sich in seinem zweiten Geschäftsjahr.

Groupon verdient sein Geld, indem es Kunden Rabatte auf lokale Produkte und Dienstleistungen anbietet – beispielsweise einen Gutschein für ein 50-Dollar-Essen in einem Restaurant für 25 Dollar – und die Einnahmen anschließend mit den teilnehmenden Händlern teilt. In einer Ausschreibung an potenzielle Investoren erklärte Vorstandschef Mason im Oktober 2011, das Unternehmen verspreche sich enormes Gewinnpotenzial, weil man den Weg verändere, wie örtliche Geschäfte ihre Kunden ködern. „In einem Markt, der nicht Milliarden, sondern Billionen Dollar umfasst, sind wir gerade erst am Anfang", sagte Mason.

Erste Fragen über das Geschäftsmodell von Groupon tauchten jedoch bereits auf, als das Unternehmen im Juni 2011 seine Finanzen offenlegte. Einige Investoren waren überrascht darüber, wie viel Groupon ausgab, um neue Kunden zu gewinnen.

Einnahmen sinken im zweiten Quartal

Angesichts der wachsenden Skepsis habe Andreessen Mason angerufen und ihm geraten, den Börsengang lieber zu verschieben, statt schon im Vorfeld eine intensive Debatte über das Geschäftsmodell führen zu müssen, berichten Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind. Andere, insbesondere Groupon-Chairman und Co-Gründer Eric hätten Mason jedoch gedrängt, an die Börse zu gehen.

Groupon hatte vergangene Woche mitgeteilt, dass der Umsatz im zweiten Quartal um 45 Prozent auf 568,3 Millionen Euro gestiegen. Die Gebühreneinnahmen – also die Erlöse aus Kupon-Verkäufen vor Auszahlung der Anteile von Händlern – stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 38 Prozent auf 1,29 Milliarden Dollar. Im Vergleich zum ersten Quartal sanken sie jedoch um fünf Prozent, was die Anleger verschreckte.

Vor mehr als einem Jahrzehnt führte der Vertrauensverlust in Tech-Firmen zu einem massiven Crash am Aktienmarkt. Am Tiefpunkt im Oktober 2002 hatte der Index im Vergleich zum Hoch im März 2000 einen Verlust von 78 Prozent angehäuft. Im laufenden Jahr hat der Nasdaq 18 Prozent zugelegt – trotz der miserable Bilanz von Facebook, Groupon und anderer IPOs aus dem Internet-Sektor.

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