Von SAM HOLMES und CELINE FERNANDEZ
Für Myanmar könnten bald bessere Zeiten anbrechen. Die US-Regierung hat damit begonnen, ihre Einfuhrbeschränkungen gegen Produkte aus Myanmar zu lockern. Für Burma, wie das südostasiatische Land früher genannt wurde, könnte die Entscheidung Washingtons die Chance eröffnen, zum nächsten Billiglohnparadies der Welt zu avancieren. Und seine immer noch prekären politischen Reformen, die dort gerade eingeleitet wurden, auf ein solideres Fundament zu hieven.
Doch führende Vertreter der örtlichen Wirtschaft warnen vor zu hohen Erwartungen. Es könne noch lange dauern, bis T-Shirts und Kapuzenjacken aus Myanmar aus den Einkaufszentren rund um den Globus nicht mehr wegzudenken sind. Sie rechnen damit, dass die veraltete industrielle Infrastruktur und die unteren Einkommensschichten erst in Jahren spürbar von der Aufhebung der Ausfuhrsperre profitieren werden.
Am Mittwoch hat Washington fast alle Wirtschaftssanktionen aufgehoben, die Myanmar auferlegt worden waren. Die US-Regierung erkenne damit die Reformen des Landes in den vergangenen 18 Monaten an, betonte Außenministerin Hillary Clinton. Die jüngste Maßnahme sei der nächste Schritt zur Normalisierung der Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern, sagte sie. Einschränkungen bei Investitionen und Finanzdienstleistungen waren schon vorher fallen gelassen worden.
Eher Rinnsal als Fluss
„Durch die Aufhebung der Sanktionen werden wir jetzt wirkliche Veränderungen in Burma sehen können", sagte Nyan Win, der Sprecher der Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD), die von der Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi geleitet wird. „Davon wird das Land stark profitieren. Und wir werden die Regierung dabei unterstützen, diese Vorteile zum Wohl der Bevölkerung von Burma zu nutzen."
Myanmar ist reich an Rohstoffen. Das Land am Golf von Bengalen zählt 60 Millionen Einwohner. Lange Jahre wurde es diktatorisch von einer Militärjunta regiert und blieb isoliert. Doch nach einer Reihe von umfassenden Reformen, die im vergangenen Jahr angegangen worden waren, schöpfen viele internationale Anleger Hoffnung. In ihren Augen hat Burma Potenzial – einerseits als Rohstofflieferant, andererseits als ein ausgedehnter Konsumgütermarkt, den er zu erschließen gelte.
Doch Myanmar hat schwer unter den Handels- und Investitionssanktionen gelitten, die die USA und andere Länder seit dem Ende der 1990er Jahre gegen das Land verhängt hatten. Die Wirtschaft stagnierte. Und jetzt fehlt selbst die elementarste Infrastruktur, um Myanmar in die Lage zu versetzen, es in der Fertigung mit anderen Billiglohnnationen wie Kambodscha und Bangladesch aufzunehmen.
Bis Anfang oder Mitte des kommenden Jahres sei nicht mit einem greifbaren Exportvolumen in die USA zu rechnen, prognostiziert Maung Maung Lay, der Vizepräsident des burmesischen Verbands der Handelskammern. Und selbst dann dürfte der Fluss der Lieferungen eher einem Rinnsal gleichen, meint er. Myanmar fange mehr oder weniger wieder an einem Punkt an, an dem es schon vor mehr als einem Jahrzehnt angelangt war. Die Konkurrenten – von Kambodscha bis zu Teilen Chinas – seien mittlerweile jedoch vorgeprescht. „Wir haben viele Märkte verloren", sagt Maung Maung Lay nüchtern. „Wir müssen uns in der neuen Weltordnung durchsetzen. Da gibt es für uns mehr Herausforderungen als Chancen."
Prozess ist noch nicht abgeschlossen
Den größten Nutzen könnte der Textil- und Bekleidungssektor des Landes aus der Normalisierung der Handelsbeziehungen zu Amerika ziehen. Die Branche verzeichnete 2011 Ausfuhren über insgesamt 558 Millionen Dollar, teilt der Verband der Textilhersteller von Myanmar mit, der 200 Fabriken vertritt. Und auch der Holzwirtschaft werden Chancen eingeräumt.
Bis zu einem Jahr dürften die Textilhersteller voraussichtlich brauchen, bis sie wieder Kapazitäten aufgebaut hätten, schätzt Aung Win, der Vize-Vorsitzende des Branchenverbands. Die einheimischen Fabrikanten müssten allerdings erst Ausrüstung und Maschinen importieren. Und sich die nötigen Mittel für die Fertigung sichern.
„Im Moment kommen die Bestellungen größtenteils nur aus Japan und Korea. Das reicht nicht für alle in der Branche in Myanmar", berichtet Aung Win. „Die meisten Werke haben zu kämpfen. Wir hoffen, diese Hürde kann überwunden werden, wenn Aufträge aus Amerika eintreffen."
Doch der Prozess, mit dem die Sanktionen gelockert werden, ist noch nicht abgeschlossen. Der amerikanische Kongress muss erst über die verschiedenen Wirtschaftszweige und Produkte, für die die Einschränkungen erlassen wurden, beraten. Die Regierung hebe dann die jeweiligen Sanktionen auf, erklärten führende Vertreter des US-Außenministeriums das Prozedere. Beabsichtigt sei, zum Wirtschaftswachstum in Myanmar über den Abbau von Mineralien und Holz hinaus beizutragen und Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe zu schaffen, sagten die Regierungsvertreter.
Tägliche Anfragen
Die American Apparel & Footwear Association, die die US-Bekleidungshersteller vertritt, begrüßte in einer der ersten Stellungnahmen seitens der amerikanischen Textilbranche die Aufweichung der Einschränkungen angesichts der Reformen, die das Land in Angriff genommen hat. Man wolle mit den burmesischen Interessensvertretern zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Textilien unter angemessenen Arbeitsbedingungen produziert und die Arbeiter „fair und respektvoll" behandelt werden würden.
„Wir haben Industrienationen dazu gebracht, ihre Restriktionen gegenüber unserer Wirtschaft zu lockern", sagte Thein Sein, der Präsident von Myanmar, am Donnerstag bei einer Diskussionsrunde der Asia Society in New York. „Wir glauben, dass sich die Auslandsinvestitionen erhöhen werden. Und das wird unseren Bürgern die Möglichkeit geben, ihren Lebensstandard zu verbessern."
Die Aussicht, dass sich Myanmar tatsächlich zu einem Zentrum der Fertigung zu niedrigen Kosten mausern könnte, hat einige Produzenten und Branchenverbände bereits auf den Plan gerufen.
Täglich meldeten sich potenzielle Käufer aus dem Ausland beim burmesischen Textilverband, berichtet Verbands-Vize Aung Win. Die japanische Fast Retailing, die die Textilkette Uniqlo betreibt, will ihre Kapazitäten erweitern und hat Myanmar zusammen mit Bangladesch als mögliche Fertigungsbasis auserkoren.
H&M wartet noch ab
Was die Lohnkosten angeht, sollte Myanmar einen Wettbewerbsvorteil haben. Der durchschnittliche Monatslohn für einen Fabrikarbeiter im burmesischen Rangun liegt bei 61 Prozent dessen, was sein Kollege in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi verdient. Und bei 81 Prozents des Lohns, den ein Arbeiter im Schnitt im kambodschanischen Phnom Penh mit nach Hause bringt, wie aus einem Bericht der Japan External Trade Organization von diesem Jahr hervorgeht.
Eine Hand voll Multis wie Coca-Cola, PepsiCo und General Electric bereiten sich schon ernsthaft darauf vor, auf den Markt in Myanmar vorzudringen. Doch bei vielen anderen Unternehmen überwiegen noch die Vorsicht und ein gewisses Maß an Skepsis.
Bei Hennes & Mauritz beobachteten die Verantwortlichen, wie sich die Situation im Land entwickle, sagt eine Sprecherin der schwedischen Modekette. Wenn die Lage klarer werde, würden sie entscheiden, ob sie Waren aus Myanmar beziehen wollten. Gemäß den US-Gesetzen konnten H&M und andere ausländische Produzenten wegen den Sanktionen keine Produkte in die USA exportieren, die Materialien burmesischen Ursprungs enthielten.
Angst vor zu hohem Tempo
Viele US-Firmen prüften derzeit, wie Myanmar sich künftig in ihre geplante Versorgungskette einpassen ließe, berichtet Adam Sitkoff, der Geschäftsführer des Asiatisch-Pazifischen Rats der amerikanischen Handelskammern mit Sitz in Hanoi. „Kurzfristig werden die amerikanischen Verbraucher in ihren Lieblingsgeschäften aber wahrscheinlich nicht allzu viele „Made in Myanmar"-Etiketten zu Gesicht bekommen. Dazu fehlen dem Land „die maßgebliche Infrastruktur, die Rechtssicherheit und Facharbeiter", sagt er.
Außerdem sind sich die burmesischen Politiker uneins darüber, wie das Land mit Auslandinvestitionen umgehen soll. Die Diskussionen im Parlament ziehen sich dahin und trüben die Chancen, internationale Investoren anzuziehen, weiter ein.
Unternehmensfreundliche Politiker, zu denen auch Präsident Thein Sein zählt, fordern schnellere Wirtschaftsreformen. Ihre Widersacher im Parlament und einige führende Wirtschaftsvertreter des Landes sind dagegen besorgt, dass ein überzogen aggressives Tempo des Wandels ausländischen Unternehmen einen zu großen Anteil am Markt von Myanmar verschaffen könnte und die heimischen Firmen das Nachsehen hätten.
—Mitarbeit: Joe Lauria und Jens HansegardKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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