Von CHRISTIAN GRIMM
In ihren früheren Berliner Tagen waren die beiden Deutschen in der Europäischen Zentralbank ein eingespieltes Team, Freunde und Kompagnons. Gemeinsam hatten Jens Weidmann und Jörg Asmussen in den 90er Jahren schon in Bonn Volkswirtschaft studiert. In der Rastlosigkeit des Hauptstadtbetriebs nahmen die beiden geräuschlos großen Einfluss.
Doch inzwischen ist die Eintracht verflogen - Jens Weidmann und Jörg Asmussen arbeiten nicht mehr mit-, sondern notgedrungen gegeneinander. Die Verhältnisse zwingen sie dazu. Während Weidmann als Bundesbankchef den geldpolitischen Superfalken Europas gibt, will Asmussen als EZB-Direktoriumsmitglied die Notenpresse anwerfen. Während Weidmann häufiger gefragt wird, ob er den Bettel nicht lieber hinwerfen möchte, lädt Asmussen die EZB-Bazooka, bereitet den neuerlichen Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbank vor.
Es ist die Geschichte einer Entfremdung, bei der die Anforderungen der Institutionen, für die beide stehen, der Freundschaft wenig Raum lässt. Weidmann muss das mit sakralen Zügen versehene Erbe der Bundesbank verteidigen, wonach jegliche Finanzierung von Staaten durch die Zentralbank verboten ist. Asmussen ist von EZB-Präsident Mario Draghi darauf vergattert, Spanien und Italien vor dem Bankrott zu bewahren. Und Weidmann könnte an seiner Aufgabe scheitern, zerrieben an dem Widerspruch zwischen dem Geist der Bundesbank und seiner Machtlosigkeit im EZB-Rat.
In Berlin wächst deshalb die Sorge, Weidmann könnte früher oder später wie sein Vorgänger Professor Axel Weber zurücktreten. Zwar hat er sich, wie die Bundesbank nachdrücklich betont, entschieden zu bleiben und bei der nächsten EZB-Ratssitzung am Donnerstag gegen den geplanten Ankauf von Staatsanleihen zu Felde zu ziehen. Doch der Kampf ist aussichtslos.
Weidmann muss seine Rolle trotzdem spielen, angetrieben von den geldpolitischen Pharisäern an der Spitze der Bundesbank. Weidmann ist der Ritter von der traurigen Gestalt. Wenn er nicht gerade gegen Windmühlen anreitet, sitzt er isoliert in seiner grauen Bundesbank-Trutzburg im Frankfurter Norden und muss ohnmächtig Richtung Euro-Tower schauen, der nur knapp fünf Kilometer entfernt im Zentrum der Bankenstadt steht.
Die Bundesregierung sieht sich schon genötigt, Weidmann öffentlich den Rücken zu stärken. Wirtschaftsminister Philipp Rösler nannte ihn im Interview mit der Berliner Zeitung einen „hervorragenden Bundesbankpräsidenten“. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch warnte seine Fraktionskollegen davor, dass der aus der Hauptstadt entsandte Währungshüter immer stärker in Bedrängnis kommt.
“Weidmann wird auf Dauer nur durchhalten, wenn er sich der Unterstützung seines Heimatlandes sicher ist”, sagte Willsch dem Handelsblatt. “Mein Appell richtet sich an die Verantwortlichen in der deutschen Politik, daran keinen Zweifel zu lassen.” Sogar die Kanzlerin gab schon verbale Rückendeckung, indem sie sagte, ihr ehemaliger Wirtschaftsberater solle im EZB-Rat möglichst viel Einfluss haben.
Weidmann verteidigt, Asmussen attackiert Tradition
Die Schwäche des Bundesbankpräsidenten hat sich schon bis nach Spanien herumgesprochen. In der Zeitung El Mundo hieß es, Bundeskanzlerin Merkel wolle den spanischen Ministerpräsidenten bei dem lange geplanten Treffen am Donnerstag darum bitten, den Hilfsantrag an den Euro-Rettungsfonds zu verschieben, um Druck von ihrem ehemaligen Wirtschaftsberater zu nehmen. Denn stellt Spanien keinen Antrag auf Hilfe, wird Mario Draghi die Bazooka nicht abfeuern.
Der EZB-Chef hat klar und deutlich gemacht, dass er nur dann Staatsanleihen auf seine Bilanz nimmt, wenn ein Krisenland auch unter den Rettungsschirm schlüpft. Damit will Draghi sicherstellen, dass die überschuldeten Euro-Mitglieder weiter an Reformen arbeiten.
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Das kann er ihnen formal zwar nicht vorschreiben, das können nur die Staats- und Regierungschefs der Eurozone, die über die Hilfen aus dem Rettungsfonds entscheiden. Aber er könnte sie de facto dazu zwingen, wenn sie ohne die EZB-Hilfe von ihrer Schuldenlast erdrückt zu werden drohen. Schließlich will Draghi nicht zum dauerhaften Geldgeber der Sorgenkinder im Süden werden, sondern so schnell wie möglich aus der Staatenfinanzierung aussteigen. Dazu passt, dass er nur Schatzwechsel mit einer Laufzeit von zwei, höchstens drei Jahren kaufen will, wie er am Montag vor dem EU-Parlament sagte.
Während sich sein Freund Jens in der Defensive befindet, bereitet Asmussen den endgültigen Bruch mit der Tradition der Bundesbank vor. Gemeinsam mit seinem Kollegen Benoit Cœuré aus dem Direktorium der EZB hat er Details ausbaldowert, wie der Kauf der Staatsanleihen genau über die Bühne gehen soll. Er vertritt die Position, dass der Euro nur stabil sein kann, wenn es keine Zweifel mehr an ihm gibt.
Der Deutsche im EZB-Direktorium betont zwar immer wieder, dass der EZB-Rat weiter in voller Unabhängigkeit entscheide, aber aus Sicht der Falken entschuldigt das den zweiten Sündenfall nicht. Schon zwischen Mai des vergangenen und Frühjahr dieses Jahres hatte die EZB griechische, portugiesische, irische, spanische und italienische Anleihen für weit über 200 Milliarden Euro gekauft. Doch das jetzt diskutierte Programm könnte ein viel größere Wucht entfalten, die Summen nach oben schnellen.
„Herr Weidmann und ich”
Asmussens Vorgänger im EZB-Direktorium, der knurrige Jürgen Stark, konnte schon den ersten Verstoß nicht mit seinem Gewissen vereinbaren und trat zurück. Seitdem rechnet er in Interviews mit der Politik Draghis ab.
Von seinem Nachfolger sind noch keine Gewissensbisse überliefert. Im Gegenteil: Auf einem Bankenkongress in Frankfurt verteidigte Asmussen die Pläne der EZB zum Kauf von Staatsanleihen. Das musste er tun, sah er sich doch einem Publikum gegenüber, das deutlich seine Sympathie für die Position Weidmanns zeigte.
Auch dieser ist durch den Rücktritt eines Anderen auf seine jetzige Position gerückt. Weidmann folgte auf Bundesbankpräsident Axel Weber, der sogar an die Spitze der EZB hätte kommen können. Ihm wurde aber bewusst, dass die Machtverhältnisse ihn dazu gezwungen hätten, eine Geldpolitik zu fahren, die er nicht mittragen wollte. Denn auch der Chef hat im 23-köpfigen EZB-Rat nur eine Stimme und die Länder, die eine lockere Geldpolitik bevorzugen, sind klar in der Überzahl.
Im Gegensatz zu Weber will sein Schüler Weidmann aber auf dem Posten ausharren. „Ich kann meiner Aufgabe am besten gerecht werden, wenn ich im Amt bleibe. Ich will dafür arbeiten, dass der Euro genauso hart bleibt, wie die Mark es war“, sagte er kürzlich in einem Interview. Er will weiter Einfluss nehmen, unabhängig von seiner aussichtslosen Lage.
Die Konfrontation mit seinem von Amts wegen professionellen Gegenspieler muss Weidmann dabei einkalkulieren. Asmussen wollte öffentlich nicht explizit sagen, ob er sich in der Frage der Anleihekäufe eher auf Seiten Draghis oder seines alten Freundes sieht. „Herr Weidmann und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir miteinander und nicht übereinander reden”, gab er kund.
So sind sie nun, die Umstände. Jens und Jörg müssen sich darein fügen. Denn die Umstände beherrschen die Menschen, nicht umgekehrt.
Kontakt zum Autor: christian.grimm@dowjones.com







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