• The Wall Street Journal

Tschechien verbannt nach Todesfällen den Schnaps

In der Tschechischen Republik ist hochprozentiger Alkohol seit Freitag verboten. Das ist eine Premiere nicht nur dort, sondern in ganz Europa. Mit dem Verbot von allen alkoholischen Getränken mit Ausnahme von Bier und Wein reagiert die Regierung auf eine Reihe von Todesfällen, die in jüngster Zeit auf das Konto von gepanschtem Alkohol gehen. Die Zahl der Opfer ist in den vergangenen Tagen weiter gestiegen – jetzt spricht das Gesundheitsministerium von 20 Toten und 36 Menschen, die in Lebensgefahr schweben.

„Zunächst steht ein Ende des Verbotes nicht zur Debatte", sagte Gesundheitsminister Leos Heger am Sonntag im tschechischen Fernsehen. „Aber wir hoffen, er wird nicht monatelang dauern." Die Ausfälle bei der Alkoholsteuer werden die Regierung treffen, räumte Heger ein, „aber die Gesundheitsgefahren sind jetzt das drängendere Problem."

Nicht nur Tschechien verbietet Schnaps aus heimischer Produktion: Polen hat die Spirituosen des Nachbarn mit einer 30-tägigen Importsperre belegt, wie das Gesundheitsministerium in Warschau mitteilte. In dieser Zeit will die Regierung den tschechischen Alkohol testen, um dessen Unbedenklichkeit zu überprüfen.

Reuters

Verschleiert: Ein Verkäufer vor Schnäpsen in Prag.

Der gepanschte Alkohol, nach dessen Genuss mindestens 20 Personen gestorben sind, enthält das für den menschlichen Körper giftige Methanol. Er ist in Flaschen mit den Etiketten von Markenherstellern in Spirituosenläden in verschiedenen Regionen Tschechiens aufgetaucht, auch in der Hauptstadt Prag. Anfangs war bekannt geworden, dass ungenießbarer Alkohol auf Märkten und in Kiosken im Nordwesten aufgetaucht war, wo einige Menschen daran starben. In der Region war der Spirituosenverkauf schon verboten worden.

In Tschechien werden pro Jahr 72 Millionen Liter hochprozentiger Alkohol legal produziert. Die monatlichen Steuereinnahmen des Finanzministeriums darauf belaufen sich auf 750 Millionen tschechische Kronen oder 30,7 Millionen Euro.

Illegal werden geschätzt weitere sieben bis neun Millionen Liter gebrannt – dadurch gehen dem tschechischen Staat etwa 1,2 Milliarden Kronen im Jahr verloren, schätzt Tomas Otta, Chef des Prager Markenimporteurs Global Spirits, der unter anderem den Whisky Johnnie Walker vertreibt. „Wie der Markt unter dem Verbot leidet, hängt davon ab, wie lange es dauert", sagte Otta. Alleine die Marken von Diageo spielen etwa 45 Millionen Kronen pro Jahr ein, oder 1,8 Millionen Euro.

Bisher haben die tschechischen Ermittler noch keine Brennerei ausfindig gemacht, die den methanolhaltigen Alkohol produziert. Aber 22 Verdächtige sind verhaftet und angeklagt – ihnen wird das Abfüllen und der Vertrieb von zumindest teilweise giftigem Alkohol vorgeworfen, sagt der Polizeileiter Vaclav Kucera. „30 weitere Leute werden befragt – wir hoffen, dass wir auch an die höheren Chargen kommen, um bald die Quelle ausmachen zu können", so Kucera.

Seit Beginn der Methanol-Krise haben Vertreter von Regierung und der Branche nach strengeren Vorschriften verlangt, um die Produktpiraterie zu bekämpfen. Manager der Branche wie Otta verlangen etwa digitale Kassen für alle Geschäfte, so dass die Steuerbehörden die Verkäufe überwachen können.

Regierungsbeamte mahnen auch an, die Strafen müssten härter werden: Die Produktion und der Vertrieb von illegalem Alkohol ist in der Tschechischen Republik nur eine Ordnungswidrigkeit. Lediglich die Verkäufer von schädlichem Alkohol können Gefängnisstrafen von bis zu zehn Jahren bekommen. „Schon die Fälschung sollte ein Verbrechen sein", sagt Ladislav Mincic, stellvertretender Finanzminister.

-Patryk Wasilewski hat zu diesem Artikel beigetragen

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Immobilienpreise

  • [image]

    So teuer ist Wohnen in deutschen Städten

    Wohnen in der Stadt wollen immer mehr junge Leute und auch Familien. Lange Anfahrtswege zur Arbeit schrecken sie ab. Die Verstädterung hat ihren Preis. Immobilien in Ballungszentren werden immer teurer.

  • [image]

    Barack Obamas große Berlin-Show

    Barack Obama war zum ersten Mal während seiner Präsidentschaft zu Gast in der deutschen Hauptstadt. Mit seiner Rede vor dem Brandenburger Tor reihte er sich in die Tradition von John F. Kennedy und Ronald Reagan ein. Wir zeigen die Bilder vom Besuch der Obamas in Berlin.

  • [image]

    Tausende Türken im regungslosen Protest

    Erdem Gündüz ist zur neuen Symbolfigur der türkischen Proteste geworden. Acht Stunden lang stand er auf dem Taksim-Platz in Istanbul – und rührte sich nicht. Im ganzen Land machen es ihm Menschen gleich.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 18. Juni

    Beim berühmten Pferderennen im britischen Ascot trinkt man trotz äußerer Eleganz den Sekt gern aus der Flasche, in Indien huldigen Hindus dem heiligen Fluss Ganges und in Madrid rücken die Abrissbagger in ein Elendsviertel ein. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Obama in Europa: Tanzen mit Angie, Boxen mit Wowi

    US-Präsident Barack Obama kommt viel herum - nicht nur, aber öfter in Deutschland, auch in Frankreich, Tschechien oder Großbritannien jubelt ihm die Menge zu. Wir zeigen schöne, nachdenkliche und sportliche Momente mit Obama in Europa.

  • [image]

    Spektakuläre Formen - Autos wie Skulpturen

    "Sinnlicher Stahl: Autos des Art Deco", unter diesem Titel zeigt das Frist Center for Visual Arts in Nashville, Tennessee, 19 Autos und zwei Motorräder. Die Ausstellung ist gewissermaßen eine Hommage an das im Art Déco gehaltene Gebäude: Sie zeigt Fahrzeuge in sinnlicher Strenge.

  • [image]

    Vom Holzmotorrad zum Schuhauto - die kuriosesten Fahrzeuge

    Mit Kristallen besetzte Autos oder ein Motorrad aus recycelten Fahrradteilen: Wer mit diesen Fahrzeugen unterwegs ist, zieht mit Sicherheit die Blicke auf sich. Wir zeigen, wie Menschen auf der ganzen Welt ihre fahrbaren Untersätze verschönern.