• The Wall Street Journal

Die Zweifel an Bernanke wachsen

JACKSON HOLE, Wyoming--Skepsis und Zweifel – für Ben Bernanke gab es am vergangenen Wochenende in Jackson Hole reichlich davon. In einer mit Spannung erwarteten Rede zur Geldpolitik hatte der Fed-Chef am Freitag noch einmal deutlich gemacht, dass die Politik des lockeren Geldes der US-Notenbank seiner Meinung nach der schwachen Wirtschaft helfe. Gleichzeitig bereitete er den Boden für weitere Maßnahmen.

Volkswirte und Zentralbanker reagierten jedoch reserviert. Offener als üblich stellten sie in Frage, ob die Fed die richtigen Instrumente habe, um die wichtigen Probleme der Zeit zu lösen. Sie zeigten sich frustriert darüber, dass vier Jahre superniedriger Zinsen und außergewöhnlich hoher Geldspritzen durch die Fed der schleppenden US-Konjunktur nicht stärkere Impulse geben konnten.

"Wie kann es sein, dass wir für so lange Zeit eine so unglaublich stimulierende Geldpolitik haben und so wenig Wachstum?", fragte Donald Kohn, ein Wissenschaftler von der Brookings Institution, am Samstag im Anschluss an eine Podiumsdiskussion.

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Fed chairman Ben Bernanke expressed concern over the labor market, defended the central bank's monetary policies and left no doubt he plans to do more to lift the economy at the next meeting in September. Sudeep Reddy reports on Markets Hub. Photo: AP.

Die Frage hat Gewicht, denn Kohn war früher Vize-Präsident der Fed und diente Bernanke während der Finanzkrise als rechte Hand. Die Probleme, auf die sich die Fed regelmäßig beziehe – Europa, Abbau der Privatverschuldung und die Immobilienkrise – seien unbefriedigende Antworten, sagte Kohn. „Wir leben in einer Welt, in der Geldpolitik viel weniger Durchschlagskraft hat", sagte auch Charles Bean, stellvertretender Gouverneur der Bank of England.

In seiner Rede am Freitag hatte Bernanke erklärt, zwei Instrumente – das Anleihekaufprogramm, bekannt unter dem Stichwort Quantitative Easing, und die Transparenz über die zukünftige Zinspolitik – hätten dazu beigetragen, dass die langfristigen Zinsen gesunken und die Kurse von Aktien und anderen riskanteren Anlageklassen im Gegenzug gestiegen seien.

Laut den Modellen der Fed haben die besseren Finanzierungsbedingungen, die aus den Programmen der Notenbank resultieren, den Ausstoß der US-Wirtschaft um drei Prozent gesteigert und zwei Millionen neue Stellen geschaffen. Hinter den Kulissen zweifelten einige Ökonomen die Ergebnisse allerdings an. Die Schätzung von zwei Millionen neuer Jobs enthält einige wichtige Vorbehalte. Sie basiert auf Simulationsrechnungen der Fed-Computer. Diese Modelle scheinen aber das Wachstumstempo der US-Wirtschaft während der Erholung überbewertet zu haben.

Bernanke gestand in Jackson Hole ein, dass "einige der normalen Transmissionskanäle der Geldpolitik" zurzeit nicht wie erwünscht funktionierten. Nach Meinung von Amir Sufi, einem Professor der Universität Chicago, besteht das Hauptproblem darin, dass die US-Haushalte angesichts ihrer massiven Überschuldung - anders als üblich - trotz niedriger Zinsen ihren Konsum nicht erhöhten. Sie müssten erst ihre Schulden abbauen, sagt er: „Ich bin nicht so überzeugt, dass Geldpolitik eine große Rolle spielen kann."

Associated Press

Fed-Chairman Ben Bernanke (links) und Stanley Fischer von der Bank of Israel.

Auch andere Aspekte der seit drei Jahren enttäuschend verlaufenden Erholung wurden in Jackson Hole diskutiert. Eward Lazear, Universitäts-Professor in Stanford und ehemaliger Leiter des wirtschaftlichen Beraterstabs von US-Präsident George W. Bush, stellte sich in einer Debatte über strukturelle Arbeitslosigkeit auf Bernankes Seite. Die aktuell hohe Arbeitslosigkeit sei das Ergebnis einer zu geringen Nachfrage und nicht Folge struktureller Faktoren wie etwa, dass Arbeitslose nicht umziehen könnten, um einen neuen Jobs anzunehmen, sagte er.

"Wenn wir Wege finden, damit die Wirtschaft wieder wächst, werden wir auch das Problem am Arbeitsmarkt gelöst haben", sagte Lazear. Die gleiche Schlussfolgerung hatte Bernanke am Freitag gezogen. Allerdings ist diese umstritten. Selbst einige Kollegen des Fed-Chefs zweifelten sie öffentlich an.

Jeffrey Lacker, Präsident der regionalen Notenbank von Richmond, erklärte, in seiner Region fehlten den Arbeitern die Fertigkeiten, nach denen Arbeitnehmer suchen. Ein Problem, das Ökonomen durchaus als strukturell beschreiben. Es würde einige Zeit brauchen, um dieses Defizit auszugleichen, „Es ist unklar, ob Geldpolitik das Problem auf irgendeine Weise verhindern kann", sagte Lacker, der häufig gegen die geldpolitischen Entscheidungen der Fed stimmt.

Bernanke steht unter Druck von zwei Seiten. Einige Offizielle und Ökonomen aus der Privatwirtschaft sagen, die Fed sollte die Füße still halten, nachdem sie seit Beginn der Krise die Leitzinsen auf fast Null gesenkt und für mehr als zwei Billionen Dollar lange laufende Anleihen gekauft hat.

Andere Volkswirte – und hinter den Kulissen auch viele Fed-Offizielle – fordern dagegen eine noch aggressivere Gangart. Bernanke solle den Druck mit speziellen Kreditprogrammen für schlecht laufende Branchen erhöhen und sich deutlicher auf eine Verringerung der Arbeitslosigkeit festlegen. Bestärkt fühlen sie sich dadurch, dass der Inflationsanstieg, den viele Skeptiker vorhergesagt haben, bisher nicht eingetreten ist.

Adam Posen, bis zur vergangenen Woche Mitglied im geldpolitischen Komitee der Bank of England, sieht die Möglichkeiten der Notenbanker, Not leidenden Sektoren zu helfen, durch "selbst-auferlegte Taboos" begrenzt. Er beklagte einen "Defätismus", der stärkere Maßnahmen verhindere.

Auf weitere Schritte vorbereitet

Bernanke machte klar, dass er auf weitere Schritte vorbereitet sei – sei es ein weiteres Anleihekaufprogramm oder noch stärkere Beteuerungen, dass die Zinsen niedrig bleiben werden. Auch wenn es Zweifel über ihren Nutzen gebe, erschienen die Kosten der Eingriffe beherrschbar, sagte er.

Die Zweifel jedenfalls seien kein Grund für Inaktivität, sagt Donald Kohn, der Bernankes Gedanken besser kennt als die meisten anderen. „Mehr zu tun, dürfte einen Effekt haben", sagt er. „Es wird zumindest einen kleinen Schub geben."

—Mitarbeit: Michael Derby

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