Von LOTHAR LOCHMAIER
Kürzlich ließ Bundesumweltminister Peter Altmaier aufhorchen: Zur Finanzierung der Energiewende brachte er eine Anleihe mit Bürgerdividende ins Spiel. Sie soll den milliardenschweren Ausbau des Stromnetzes finanzieren.
Das Volumen der Anleihe läge bei fünf Milliarden Euro, rund 15 Prozent des mutmaßlich zum Netzausbau benötigten Finanzvolumens. Der von den Machern der Energiewende umworbene Staatsbürger könnte ab einer Summe von 500 Euro einsteigen.
Jeder Energiegenosse, so der CDU-Minister weiter, würde eine garantierte Rendite von fünf Prozent einstreichen. Immerhin deutlich mehr, als jedes Tages- oder Festgeldkonto bei der Bank abwirft. Ob der von steigenden Strompreisen genervte Verbraucher aber wirklich zugreift, muss sich noch erweisen.
Immerhin zeichnen sich neue Möglichkeiten in der Finanzierung konkreter Vorhaben zur Energiewende ab. Vorreiter könnten Stadtwerke sein. Verwurzelt in der Region werden sie vom Verbraucher als deutlich überprüfbarer wahrgenommen als die großen Stromkonzerne. Weil aber die Kommunen chronisch klamm sind, werden auch ihre Stadtwerke den großen Wurf zur Energiewende kaum schaffen, die in diesem Jahrzehnt mehrere hundert Milliarden Euro kosten wird.
Doch für die die große Geldbeschaffung kursieren weitere, teils ausgesprochen kreative Lösungsansätze. Finanzexperten lassen nahezu kein Gedankenspiel aus.
Deutsche Rentner an die Crowdfunding-Front
Die Ideen reichen von Rentenfonds über Infrastrukturfonds und Energiefonds bis zu Versicherungen, die auf Energiebeteiligungen fußen. Nicht nur Sparer und künftige Rentner, auch viel institutionelles Geld sucht in zinsschwachen Zeiten nach lukrativen Anlagen. Die professionellen Akteure wiederum brauchen den privaten Anleger, um sich zu refinanzieren.
„Jetzt privates Kapital für die globale Energiewende mobilisieren", unter dieser Überschrift übergab der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung im September ein Diskussionspapier an den Bundesumweltminister. Dessen Fazit ist klar: Rund 50 Billionen US-Dollar haben die Bürger weltweit für ihre private Altersvorsorge bei Versicherungen und Pensionskassen gebunkert, Geld, das nun auch bei der Energiewende sinnvoll einsetzbar wäre.
Allein das deutsche Sparvermögen summiert sich auf knapp fünf Billionen Euro, von künftigen Rentenzahlungen einmal abgesehen. Das sind gigantische Summen, selbst wenn nur ein kleiner Teil davon umgeschichtet werden könnte.
Wie transparent sind Beteiligungsfonds?
Auch die großen deutschen Energieversorger haben diesen Markt entdeckt. So wirbt die EnBW- Tochtergesellschaft Erneuerbare Energien GmbH in Kooperation mit der Bürgerenergie AG für klassische Unternehmensbeteiligungen und partiarische Darlehen bei Windparks.
Nehmen wir das partiarische Darlehen mal genauer in Augenschein. Sie verstehen nur Bahnhof? Kein Problem. Die Experten wissen schon Rat. Partiarisch heißt nämlich gewinnabhängig. Wenn es gut läuft, verdient der Privatanleger mit. Wenn nicht, Sie wissen schon. An Totalverlust wollen wir erst gar nicht denken.
Nach Angaben von EnBW sollen sich die Bürger erst beteiligen, wenn ein Windpark an Land verlässlich in Betrieb gegangen ist. Trotzdem: Von Beteiligungen bei Offshore-Windparks sollten Privatanleger wohl solange die Finger lassen, bis die Ampeln von Politik, Großinvestoren und Technologieanbietern verlässlich auf Grün stehen.
Klassisches Investorenmodell ist out
Betrachten wir die finanzielle Bürgerbeteiligung an der Energiewende aber von der positiven Warte. Tatsächlich bieten sich hier viele, oft dezentrale Möglichkeiten zu investieren. Das Geld der Big Player wird die vielen Projekte kaum allein stemmen können.
Der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband weiß zu berichten, dass das Finanzvolumen der meist kleineren Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien in diesem Jahr die Marke von 800 Millionen Euro überschritten hat. Immerhin 80.000 Bürger haben sich an regionalen Vorhaben beteiligt. Bei diesen Energiegenossen dominiert die Solarstromerzeugung mit 43 Prozent, gefolgt von der Bioenergie sowie Wind- und Wasserkraft.
Auch das Internet wird seinen Part spielen, wenn es darum geht, die Interessen von Projektinitiatoren, Betreibern und Geldgebern zusammenzubringen.
So hat sich etwa in Großbritannien kürzlich die Online-Plattform Trillionfund etabliert, über die sich private Anleger bereits mit kleinen Beträgen an Einzelvorhaben im Bereich der erneuerbaren Energien beteiligen können.
Und wie steht es mit dem Risiko?
Gefragt ist Smart Money, und wir dürfen uns auf eine regelrechte Welle neuer Finanzprodukte und Projektformen einstellen, die die Energiewende gebiert. Wir werden überraschend hohe und teils undurchsichtige Renditeversprechen sehen wie einst in der Internetgründerzeit.
Droht hier bei aller Bürgerbeteiligung eine neue Spekulationsblase? Ist es nicht gewagt, die Energiewende als ebenso sichere Insel für die Altersvorsorge zu etikettieren, wie weiland die angeblich top-solide Staatsanleihe?
Die Empfehlung vom Stromzähler dazu lautet wie folgt: Derartige Produkte sind nur etwas für den mündigen Anleger, der sich Zeit nimmt, das Kleingedruckte genauer unter die Lupe zu nehmen. Welche Chancen und Risiken lauern hinter dem jeweiligen Renditeversprechen? In welcher Form investiert der Bürger in das Projekt? Dreht es sich hier um eine echte oder stille Unternehmensbeteiligung, ein partizipatorisches Darlehen, oder handelt es sich „nur" um eine Spende, also lupenreines Crowdfunding?
Über neue Standardprodukte der Finanzindustrie für die breite Masse lassen sich dagegen angesichts weiter steigender Strompreise derzeit keine verbindlichen Aussagen treffen. Denkbare Anreize für neue Fondsprodukte könnten vor allem von der Politik selbst kommen. Dank der Steilvorlage von Umweltminister Peter Altmaier nimmt die Energiewende nun den Bürger als Finanzier ins Visier. Eine Bürgeranleihe mit attraktiver Dividende könnte zumindest für bewusst agierende Anleger zum lohnenden Ziel werden.
Institutionelle Investoren wie Versicherungen und Rentenfonds dürften aufgrund ihrer abstrakten Struktur und mangelnden Bürgernähe allenfalls bei größeren Energievorhaben zum Zug kommen. Deren rechtliche Grundlagen sind aber noch unausgegoren. In jedem Fall spielen bei institutionellen Spielern vermögende Großinvestoren die Hauptrolle.
Liegen die Karten für den aufgeklärten Bürgerinvestor schließlich vollständig auf dem Tisch, könnte das Crowdfunding der Energiewende auch als Beitrag zur individuellen Rentenvorsorge funktionieren. Es wäre deshalb schade, wenn es nach einer ersten Euphoriewelle zu einer ähnlichen Ernüchterung käme wie bei der staatlich propagierten Riester-Rente. In diesem Fall könnte es für die Konstrukteure von neuen Fondsprodukten ein böses Erwachen geben.
Lothar Lochmaier arbeitet als freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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