• The Wall Street Journal

Milchmädchenrechnung mit deutschem Strom

[image] dapd

Nach dem Willen der Politiker sollen die Subventionen für Wind- und Solarstrom möglichst bald der Vergangenheit angehören.

Die Kosten für die Energiewende in Deutschland steigen sprunghaft. Wind- und Solarstrom sollen nach dem Willen der Politik deshalb möglichst schnell ohne Milliardenhilfen der Verbraucher am Markt bestehen können. Das fordern nicht nur der neue Umweltminister Peter Altmaier und Wirtschaftsminister Philipp Rösler in schönster Regelmäßigkeit, sondern auch Branchengrößen aus der Industrie.

Es ist kaum vorstellbar, dass sie das selbst für möglich halten. Eher ist zu vermuten, dass die markigen Worte die Öffentlichkeit beruhigen sollen. Denn Branchenexperten wissen: Der Markt kann es bei der Umstellung auf erneuerbare Energien nicht richten. Ohne Förderung ist Schluss mit der Energiewende. Allerdings: Die Subventionen ließen sich klüger einsetzen.

Die Zahlen haben inzwischen viele Nullen bekommen. 16,4 Milliarden Euro haben die Verbraucher 2011 für die Erneuerbaren-Förderung hingeblättert, wie die großen Stromnetzbetreiber in dieser Woche bekanntgaben. Das sind deutlich mehr als die erwarteten 14 Milliarden Euro. Schon bald aber könnten es jährlich 20 Milliarden Euro sein, die die Deutschen dafür berappen müssen, dass ihr Strom von Windrädern und Solaranlagen erzeugt wird. Wegen der Aussicht auf sinkende Fördersätze haben die Deutschen in diesem Jahr schon wie verrückt neue Photovoltaik-Anlagen auf ihre Dächer gestellt.

Auch deswegen ist ein regelrechter Wettbewerb ausgebrochen, wer die größten Horrorszenarien präsentieren kann, was die ausufernden Förderkosten für die erneuerbaren Energien angeht. Die Politik beginnt, die Wut der Verbraucher zu fürchten, denn sie werden die Folgen der Energiewende schmerzlich beim Strompreis spüren.

Was liegt da näher, als den Tag herbeizusehnen, an dem die Erneuerbaren endlich auf eigenen Füßen stehen können? Der CDU-Umweltminister und der FDP-Wirtschaftsminister tun das angesichts der erkennbaren Kosten wohl besonders, verkünden sie derzeit doch laufend, wie wichtig es sei, dass die Erneuerbaren eines Tages markt- und wettbewerbsfähig sind. Doch dieser Tag wird nie kommen.

Ohne weitere Förderung fährt die Energiewende gegen die Wand

Das Ziel der Bundesregierung bis zum Jahr 2050 lautet bislang: 80 Prozent des benötigten Stroms sollen erneuerbare Stromquellen liefern. „Wenn man die politischen Ziele akzeptiert, wird es weiterhin eine Erneuerbaren-Förderung geben müssen", urteilt deshalb Julius Ecke. Er beschäftigt sich beim Berliner Beratungshaus Enervis intensiv mit dem deutschen Strommarkt. Mit anderen Worten: Wenn Altmaier und Rösler es mit der vollen Marktintegration der Erneuerbaren ernst meinen, können sie die Subventionen auch gleich stoppen.

Die Erneuerbaren liefern derzeit 25 Prozent des in Deutschland benötigten Stroms. Das ist zwar noch weit vom Ziel entfernt, doch schon jetzt reicht die erreichte Erzeugungskapazität aus, dass der Strompreis auf der Ebene des Großhandels sinkt. Mit Folgen für die Marktfähigkeit der erneuerbaren Energien.

Das kommt so: Der Großhandelspreis für Strom richtet sich nach den Brennstoffkosten des teuersten Kraftwerks, das gerade noch gebraucht wird, um den Bedarf zu decken. Wind- und Sonnenstromanlagen drängen - da sie keine Brennstoffkosten haben - teurere Kraftwerke bei der Preisfindung hinaus. Deshalb laufen in der Produktion vergleichsweise teure Gas- und Steinkohlekraftwerke immer seltener. Sie bestimmen umso weniger den Großhandelspreis für Strom, je öfter die Sonne scheint und der Wind weht – und je mehr Erneuerbaren-Anlagen ans Netz gehen.

Eigentlich beides positive Effekte: Weniger Strom aus fossilen Brennstoffen und zugleich sinkende Strompreise – was will man mehr? Ohne weitere Förderung fährt die Energiewende dennoch vor die Wand. So paradox es klingt: Den Erneuerbaren würde ohne Förderung ihr eigener Erfolg am Strommarkt zum Verhängnis. Wie bei jedem Investment entscheidet im Kraftwerksbau – und damit bei der Solaranlage ebenso wie beim Windrad – die Gewinnerwartung, ob eine neue Anlage gebaut wird.

Spielt mein Kraftwerk die Investitionskosten wieder ein? Wie sieht meine Rendite aus? Das sind die Fragen, mit denen sich Energiekonzerne beschäftigen – und Solaranlagenbauer künftig auch, wenn kein Gesetz mehr den Strompreis garantiert. Die Besonderheit: Kraftwerks-Refinanzierung läuft über Jahrzehnte. Es kann sich zwischendurch viel verändern. Siehe: Energiewende.

Der für diese Frage entscheidende Preis an der Strombörse, der sich eben nicht nach den Investitionskosten für die Kraftwerke richtet, liegt derzeit selten bei mehr als 6 Cent pro Kilowattstunde. Eher sind es 4 Cent - Tendenz fallend, wenn es bei der politisch gewollten Energiewende bleibt. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts zeigt aber, dass der Strom aus Windkraftanlagen an Land im Mittel mindestens 7,3 Cent je Kilowattstunde kosten müsste, damit sich die Anlage refinanzieren lässt. Bei großen Photovoltaik-Anlagen wären schon bis zu 13 Cent nötig, Windstrom im Meer kostet so gesehen noch etwas mehr.

Wenn die Investitionskosten der Erneuerbaren sinken – und das tun sie zum Leidwesen der deutschen Solarmodulindustrie besonders in der Photovoltaik –, wird die einzelne Investition zwar attraktiver. Aber das macht die Anlagen nicht wettbewerbsfähiger, denn der Börsenpreis für Strom fällt mit dem Ausbau, weil Brennstoffkosten immer weniger ins Gewicht fallen. Ohne weitere Erneuerbaren-Förderung können die Investitionskosten das Preisrennen gegen Null auf dem Strommarkt nicht gewinnen. Kappt die Politik die Förderung, würde keiner mehr in Ökostrom investieren.

Wie aber ließe sich an der Energiewende festhalten und die Erneuerbaren-Förderung reformieren, ohne dass die Kosten für den Verbraucher aus dem Ruder laufen?

Vorbild Großbritannien?

Viele in der Branche favorisieren das Quotenmodell der Briten als Alternative zum Erneuerbare-Energien-Gesetz mit seiner Einspeise- und Preisgarantie, wie es sie in Deutschland gilt - etwa Kartellamtspräsident Andreas Mundt. Auch Wirtschaftsminister Rösler hat es schon einmal ins Spiel gebracht. Doch taugt das Quotenmodell wirklich für die deutsche Energiewende? Das Beispiel Großbritannien ist wenig ermutigend. Das Modell funktioniert so: Anstatt wie in Deutschland Ökostrom-Erzeugern einen festen Einspeisetarif zu garantieren, müssen britische Energieversorger einen bestimmten Anteil an Erneuerbaren-Strom beziehen – oder er bezahlt ein Bußgeld. Die Kosten dafür tragen auch im Königreich die Verbraucher.

Da die Versorger ihre Quote kostengünstig decken wollen, stehen die Erneuerbaren selbst im Wettbewerb. Die günstigste Technologie kommt dabei zum Zug. Das läuft in Großbritannien auf Windkraft an Land hinaus. So wäre es auch in Deutschland. Allerdings hat das Quotenmodell ein entscheidendes Manko: „Wichtig ist, den Investoren die Planungssicherheit zu erhalten", sagt Stromexperte Ecke. In Deutschland wissen Anlagenbauer: 20 Jahren wird eine feste Vergütung für den erzeugten Strom gezahlt. Mehr Sicherheit geht kaum. „Das spricht sehr stark für das EEG", sagt deshalb auch der Strommarktfachmann des Öko-Instituts, Hauke Hermann.

Im Quotenmodell dagegen gibt es keine Garantie, dass die Anlagenbauer ihren Strom überhaupt loswerden und damit Einnahmen haben. In Großbritannien geht der Ausbau von Windrädern und Solaranlagen deshalb langsamer als hierzulande voran, obwohl die aktuelle Erneuerbaren-Quote mangels Ökostrom am Markt nicht erfüllt werden kann und Versorger sogar Bußgelder zahlen müssen. Dabei bevorzugt Großbritannien in seinem Modell sogar einzelne Technologien wie die Photovoltaik. Trotzdem sind Solardächer auf der Insel noch selten. Erst im vergangenen Jahr gab es einen Schub, weil auch die britische Regierung feste Einspeisevergütungen einführte.

Sowohl in der Höhe als auch in der Laufzeit entspricht sie ziemlich genau dem deutschen Modell. „Die Alternativen zur festen Einspeisevergütung können im internationalen Vergleich bei der Effizienz nicht mithalten", resümiert deshalb Julius Ecke.

Doch auch das deutsche EEG bietet Stellschrauben. So kann die Höhe der Einspeisevergütung nach Art und Größe differenziert werden, wie das bei Solaranlagen bereits geschieht. Jederzeit könnte noch stärker in Richtung der einen oder anderen Erzeugungstechnologie gewichtet werden. Allerdings löst jede Förderkürzung einen Ansturm der Antragsteller aus, weil jeder vor der Änderung noch seine Anlage in Betrieb nehmen und von der bisherigen Förderhöhe profitieren will.

Ein Ansporn, noch eine Solaranlage zu bauen, dürfte auch von der jetzt festgelegten Zielkapazität von 52 Gigawatt Solarstrom ausgehen, bis zu der es eine Photovoltaik-Förderung noch geben soll. Etwa 60 Prozent davon stehen auf deutschen Dächern und Feldern bislang schon. Wer noch bauen will, beeilt sich also bei jeder Förderkürzung – insofern trägt die Politik im Bemühen um eine Begrenzung der Folgen der Energiewende selbst zum massiven Kostenanstieg beim Strom aus der Steckdose bei.

Die Stromexperten des Öko-Instituts, Hauke Hermann und Felix Matthes, schlagen deshalb vor, dass zumindest ein Teil der Photovoltaik-Vergütung - mit Abstand der größte Kostentreiber - sich nach den Preisen am Strommarkt richten sollte. Neben einer festen Grundvergütung könnte die Förderung umso niedriger ausfallen, je niedriger der Marktpreis ist. Damit, so glauben Hermann und Matthes, würde sich der Ausbau der Erneuerbaren selbst dämpfen.

Hauke Hermann schlägt zudem vor, Strom aus Biomasse anders als bisher nicht mit quasi null Euro in den Markt zu schicken, wie es mit dem EEG möglich ist. Denn Biomasse-Kraftwerke haben ja tatsächlich Brennstoffkosten. Nach seinen Vorstellungen sollten sie künftig in der sogenannten Mittellast laufen und würden so mit Steinkohlekraftwerken konkurrieren. So würden auch Biomasse-Kraftwerke vor allem dann eingesetzt, wenn wenig Wind weht oder die Sonne nicht scheint. Das dürfte den Börsenstrompreis im Schnitt erhöhen, denn Biomasse macht ein Viertel der Erneuerbaren-Erzeugung in Deutschland aus.

Gewinner wären die Verbraucher. Schließlich gilt: Je mehr sich an der Börse verdienen lässt, desto niedriger fällt die Lücke aus, die sie für die garantierte Förderung der Erneuerbaren Energien drauflegen müssen. Die Minister Altmaier und Rösler können also etwas tun, um die Wut und die Sorgen der Verbraucher zu dämpfen und die Energiewende gelingen zu lassen. Der Strommarkt selbst kann die Erneuerbaren nicht retten. Eher gilt es, den Markt den Erneuerbaren anzupassen.

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