• The Wall Street Journal

Crowdfunding ist nichts für Muppets

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Zu den Aufgaben der britische Finanzaufsichtsbehörde Financial Services Authority (FSA) gehören die Aufrechterhaltung des Vertrauens in den Finanzmarkt und der Konsumentenschutz. Viele streiten darüber, ob diese Behörde in den letzten Jahren einen guten Job gemacht hat. Im August gab die FSA interessante Hinweise zum Crowdfunding heraus, die einige Medien als Warnung vor dieser noch relativ jungen Form der Mittelbeschaffung und Kapitalanlage interpretierten.

Crowdfunding-Plattformen übernehmen bestimmte Funktionen von Banken bzw. Beteiligungsgesellschaften und vermitteln Finanzmittel direkt zwischen großen Gruppen (Crowds) und Einzelpersonen bzw. Unternehmen. Das Grundprinzip basiert auf dem Konzept des Crowdsourcings und funktioniert ähnlich wie Peer-to-Peer-Kredite. Über eine Internetplattform suchen Unternehmen Finanzmittel und stellen sich vor. Interessierte Personen können sich bereits mit kleinen Beträgen beteiligen.

Eine Finanzierung kommt zustande, wenn genügend Anleger den Mindestbeitrag finanzieren wollen. Kapitalgeber und Unternehmen schließen dann direkt eine Vereinbarung ab, über die Investoren am künftigen Erfolg beteiligt werden und damit einen Teil des unternehmerischen Risikos tragen. Die Plattformen selbst fungieren als Dienstleister, die den Prozess zwischen Kapitalgebern und Kapitalnehmern vereinfachen. Sie stellen die Infrastruktur für die Information bereit und wickeln die Transaktion ab.

Alternative zur Ochsentour bei den Banken

Seit dem ersten deutschen Crowdfunding im Oktober letzten Jahres kommt diese junge Form der Unternehmensfinanzierung auch in Deutschland ins Rollen. Glaubt man den Jubelmeldungen, dann boomt das Segment vor allem im Bereich der Gründungsfinanzierung.

Diese Start-up-Fixierung ist nicht überraschend. Finanzmittel zu beschaffen, gehört für Gründer zu den aufwändigsten Prozessen zum Start. Wer einmal einen Gründer bei der Ochsentour zu Beteiligungsinvestoren und Banken begleitet hat, wird wissen, wie schwer die Kapitalbeschaffung sein kann. Nicht wenige Gründer werfen hier das Handtuch, weil sich die Vorstellungen der Kapitalgeber nicht mit denen der Gründers vertragen. Professionellen Kapitalgebern ist die Auseinandersetzung mit komplexen Details oft zu aufwendig, wenn die Investitionssummen gering sind.

Unter den über Crowdfunding angesprochenen Investoren sind viele Privatpersonen, die die hohen Risiken einer Gründungsfinanzierung kennen sollten. Der deutsche Crowdfunding-Pionier Seedmatch hat auf seinem Blog eine Stellungnahme abgegeben, um „Missverständnisse" nach der Veröffentlichung der FSA auszuräumen. Dabei stellt das Dresdner Unternehmen klar: "Natürlich handelt es sich bei Crowdfunding für Startups um Risikokapital." Darauf weist Seedmatch wie auch andere Plattformen an verschiedenen Stellen hin. Kein Anleger kommt an diesen Risikohinweisen vor einem Vertragsabschluss vorbei. Diese sagen eines ganz klar: Crowdfunding ist kein Ersatz für ein Festgeldkonto, eine Bundesanleihe oder Sparbuch.

Über die von der FSA bemängelte Komplexität dieser Anlageform kann man streiten. Tatsächlich ist das Crowdfunding nicht komplexer als viele der Konstruktionen, die der regulierte oder der graue Kapitalmarkt in den letzten Jahren angeboten hat – insbesondere, wenn man an komplizierte Kreditderivate, Anlagezertifikate oder geschlossene Fondsmodelle denkt.

Ungewöhnliche Transparenz für Finanzanlagen

Viele der neuen Anbieter bemühen sich um eine für Finanzanlagen dieser Größenordnung ungewöhnliche Transparenz. So können registrierte Nutzer in die Businesspläne und die Verträge schauen oder sich direkt mit den Gründern austauschen. Damit werden die Interessenten fast wie große Investoren behandelt. Gleichwohl bleiben die Finanzierungen meist unter der magischen Grenze von 100.000 Euro. Darüber greifen regulatorische Hürden des Anlegerschutzes, die die Nebenkosten deutlich erhöhen.

Für generelle Qualitätsaussagen zu den verschiedenen Plattformen fehlt es noch an Erfahrungen. Aus Gesprächen mit einigen Plattformbetreibern erhalte ich den Einduck, dass man sehr auf die Qualität der Platzierungen achtet. Daher finden auch nicht alle Finanzierungswünsche den Weg in die Öffentlichkeit. Und längst nicht allen Unternehmen ist die von den Plattformen geforderte Transparenz recht. Darüber hinaus sind trotz der euphorischen Berichte über das Crowdfunding viele Detailfragen wichtig für die Gestaltung (siehe dazu eine ausgezeichnete Zusammenfassung von Alex Hofmann auf Gründerszene).

Trotz dieser Vorauswahl bleibt das Risiko solcher Finanzierungen hoch. Das wissen nicht nur die Profis der großen Beteiligungsgesellschaften, deren Investitionen ebenfalls nicht immer treffen. Daher legen die Plattformen Wert auf Investoren, die für diese Finanzierungsform „reif" sind. Thomas Herzog, der Sprecher von Innovestment, sagte jüngst dem Tagesspiegel: „Wir wollen unerfahrene Anleger abschrecken, weil es eine hochriskante Anlageklasse ist."

Nicht nur für Start-ups geeignet

Anleger, die ein Investment in Crowdfunding riskieren, sind also keine Muppets, die dem Versprechen nach der „totsicheren Rendite" blind folgen. Erfahrene Anleger wären eher überrascht, wenn es nach 2 bis drei Jahren keinen einzigen Ausfall gegeben hat. Wichtig für die Anleger ist, dass sie über Crowdfunding nun auch bei mittleren und kleineren Anlagesummen ihre Investments auf verschiedene Risiken streuen können.

Diese neue Finanzierungs- und Anlageform steht erst am Anfang. Ihr Potenzial ist groß: Längst nicht nur Start-ups, sondern auch mitten im Leben stehende Unternehmen, die zu klein für den Beteiligungsmarkt und den regulierten Kapitalmarkt sind, sehen eine Chance, so ihr Kapital zu stärken. Und Anlegern, die nach der Vertrauenskrise auf den Finanzmärkten nach neuen Anlageklassen suchen, eröffnen sich plötzlich Möglichkeiten der direkten Beteiligung, die sie vorher nicht hatten. Es bleibt zu hoffen, dass die Plattformen zu ihren Aussagen stehen und Qualität einfordern. Qualität heißt nicht, dass Investments ohne Risiko sein müssen. Qualität heißt, dass die Risiken möglichst klar benannt werden.

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Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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