Von WALTER S. MOSSBERG
Amazon rüstet auf. Im vergangenen Jahr wurde das sieben Zoll große Kindle Fire vorgestellt. Es war ziemlich gut, hatte jedoch seine Grenzen und zeichnete sich vor allem durch den niedrigen Preis und wegen des Zugangs zu Amazons riesigem Ökosystem aus eBooks, Musik, Videos und Zeitschriften aus. Jetzt hat Amazon einen Nachfolger vorgestellt, das Kindle Fire HD. Es kommt mit in zwei unterschiedlichen Bildschirmgrößen, einmal mit 7 und einmal mit 8,9 Zoll. Zum Vergleich: Der Bildschirm des iPad von Apple ist 9,7 Zoll groß.
Meiner Meinung nach heben sich die neuen Fire-Tablets erneut durch ihren niedrigen Einstiegspreis und den leichten Zugang zu Amazon-Inhalten von der Konkurrenz ab. Das 7-Zoll-Modell gibt es trotz verbesserter Hardware ab 199 Dollar, die größere Version beginnt bei 299 Dollar. Auch hier wieder der Vergleich: Das aktuelle iPad startet bei 499 Dollar, auch wenn es das Vorgängermodell schon für 399 Dollar gibt.
Diesmal jedoch hat Amazon einen starken Konkurrenten, der durchweg positive Kritik bekommen hat: das sieben Zoll große Nexus 7 von Google . Mit seinen 199 Dollar ist es ebenfalls recht günstig und fungiert wie das Fire als Eingangstor zur großen Onlinewelt der Inhalte, die Google auf Google Play anbietet. Während Amazon also weiterhin betont, seine Tablets seien Türöffner zu seinem Online-Store, behauptet das Unternehmen jetzt außerdem, das Fire HD sei „das beste Tablet - egal zu welchem Preis".
Nicht so vielseitig wie das iPad
Das neue 7-Zoll-Kindle wurde in vielerlei Hinsicht verbessert und verfügt über zahlreiche Funktionen, die beim Vorgänger gefehlt haben. Zum Beispiel hat das Einstiegsmodell mit 16 Gigabyte jetzt doppelt so viel Speicher wie das vorherige Modell. Es ist dünner, leichter und stylischer als die erste Fire-Version. Außerdem hat es nun einen HD-Bildschirm, Stereo-Lautsprecher, einen schnelleren Prozessor und eine viel besser Akkulaufzeit.
Mehr zum Kindle Fire
Ich habe das Kindle Fire HD mit 7 Zoll Bildschirm getestet und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mit der Behauptung, es sei „das beste Tablet - egal zu welchem Preis", nicht übereinstimmen kann. Das Fire HD ist nicht so blankpoliert, flüssig und vielseitig wie das iPad. Es bietet nur einen Bruchteil an Programmen von Drittanbietern an, die es beim iPad oder beim Nexus 7 gibt. Nach längerer Benutzung habe ich eine deutliche Verzögerung beim Öffnen bestimmter Programme feststellen können. Ein Neustart hat das Problem jedoch gelöst.
Das Fire HD attackiert seine Nutzer außerdem bei jedem Anschalten des Gerätes mit einer riesigen Werbeeinblendung, die den ganzen Bildschirm einnimmt. Man muss noch einmal 15 Dollar an Amazon zahlen, wenn man diesen Anzeigen entkommen will. Und es gibt auch noch an einigen anderen Stellen Anreize, mehr Inhalte zu kaufen. Sogar dort, wo die bisher getätigten Einkäufe angezeigt werden.
Ich habe nicht die 8,9-Zoll-Variante getestet, die bis zu 599 Dollar kostet und über ein Maximum an Speicherplatz und eine schnelle Datenverbindung zum Mobilfunknetz verfügt. Das Gerät wird es auch erst am 20. November zu kaufen geben. Wie das Nexus, jedoch anders als das iPad, kann das 7-Zoll-Modell nicht über das Mobilfunknetz mit dem Internet verbunden werden. Verbaut ist nur W-LAN.
Eigener Einkaufsladen
Die hauptsächliche Benutzeroberfläche wurde überarbeitet. Statt einer Reihe gekünstelter Ablagebretter, auf denen die zuletzt benutzten Apps und Inhalte angezeigt werden, gibt es nun ein Karussell, bei dem man horizontal durch die Elemente scrollen kann. An der Spitze befindet sich ein Menü mit unterschiedlichen Kategorien wie Spiele, Apps, Bücher, Musik, Videos und noch mehr.
Video auf WSJ.com
Wie alle 7-Zoll-Tablets ist der Bildschirm des Fire nur halb so groß wie der des aktuellen iPad. Die Auflösung ist genau wie beim Nexus 7. Es ist auch ungefähr so dick wie der Google-Konkurrent, aber ein bisschen schwerer. Es ist natürlich sehr viel leichter als das größere iPad, jedoch auch etwa 10 Prozent dicker. Die Lautsprecher haben mir beim Fire viel besser gefallen als die beim iPad und Nexus.
Wie das erste Fire-Tablet ist auch die HD-Version technisch gesehen ein Android-Tablet. Es kommt eine Softwareversion aus dem Vorjahr zum Einsatz, während das Nexus bereits mit einer neueren, überarbeiteten Variante ausgeliefert wird. Doch schon wie beim Vorgänger ist vom mobilen Google-Betriebssystem eigentlich nicht viel zu erkennen. Die Standard-Apps kommen ebenso wenig zum Einsatz wie die bekannte Benutzeroberfläche. Google Maps und die spezielle Gmail-App, die man von anderen Android-Geräten kennt, fehlen. Statt des Google Play Stores für Apps und andere Inhalte, hat das Fire seinen eigenen Einkaufsladen. Die meisten Android-Apps sind hier nicht erhältlich.
W-Lan hinkt hinterher
Das Fire ist tatsächlich in erster Linie ein Stück Hardware, um auf Amazons riesigen Katalog an digitalen Inhalten zugreifen zu können. Und Amazon-CEO Jeff Bezos präsentierte das neue Fire HD dann auch mit den Worten, das Gerät sei kein Spielzeug: „Das Kindle Fire ist ein Service."
Das mag zunächst einmal merkwürdig klingen, schließlich bietet Amazon seinen Konkurrenten Apps an, mit denen sie auf die Inhalte aus dem Katalog des Online-Versandhauses zugreifen können. Zum Beispiel gibt es für das iPad von Apple kostenlose Apps für den Kauf von Kindle Books und Video- und Musikinhalten von Amazon. Doch diese Inhalte, und vor allem die Möglichkeit, sie schnell und einfach zu kaufen, das alles ist auf dem Fire viel besser integriert.
Außerdem kann das Fire einige Dinge, die mit den iPad-Apps nicht möglich sind. So können zum Beispiel bestimmte Bücher ausgeliehen werden. Außerdem gibt es einen Dienst, den Amazon „Immersion Reading" nennt. Dabei kann man sich ein Buch vorlesen lassen, während man gleichzeitig mitliest – für einen Aufschlag zum ursprünglichen Preis. Und dann gibt es noch das „X-Ray"-Feature, das auf die Schnelle alle Charaktere in einem Buch oder alle Darsteller in einem Film auflistet bzw. hervorhebt.
Amazon behauptet, das neue Fire verfüge über eine fortschrittliche W-LAN-Technologie, die schneller sein soll als das Wifi auf dem iPad. Doch in meinen Tests konnte ich das nicht nachvollziehen. Die meisten Webseiten, die ich geöffnet habe, wurden auf dem iPad ein bisschen schneller geladen. Auch in zwei Geschwindigkeitstests in zwei unterschiedlichen Netzwerken war das iPad fast immer einen Tick schneller – und manchmal sogar recht deutlich.
Akkulaufzeit nicht erreicht
Beim Fire HD fehlen einige Funktionen, die es beim teureren iPad gibt. Dazu zählen unter anderem die Kamera auf der Rückseite des Gerätes, eine eingebaute Diktierfunktion, Instant Messaging und Karten. Außerdem kann man Video und Musik nicht kabellos an einen Fernseher oder ein Gerät wie das Apple TV senden. Auch künstliche Intelligenz wie Apples Siri oder Google Now – eine Funktion des Nexus 7 – gibt es nicht. Amazons App-Store hat auch gerade einmal 30.000 Apps. Beim iPad und beim Nexus liegt die Zahl mit 500.000 Programmen deutlich höher.
In meinem rudimentären Batterietest, bei dem ich die Displayhelligkeit auf 75 Prozent eingestellt, W-LAN eingeschaltet, E-Mails im Hintergrund abgerufen und Videos abgespielt habe, konnte das Fire HD nicht mit der Konkurrenz mithalten. Auch die von Amazon angegebenen 11 Stunden Akkulaufzeit wurden nicht erreicht. Das Tablet hielt neun Stunden und 28 Minuten. Das war eine halbe Stunde weniger als beim iPad und über eine Stunde weniger als beim Nexus. Immerhin: Das erste Fire-Tablet hatte schon nach fünf Stunden und 47 Minuten schlapp gemacht.
Zusammenfassend kann ich sagen: Das 7 Zoll große Fire HD ist auf jeden Fall eine Anschaffung wert, wenn man sich in erster Linie aus Amazons großem Katalog an Büchern, Videos und Musik bedienen will.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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