Von LOTHAR LOCHMAIER
Die deutsche Windindustrie an Land ist eine Erfolgsgeschichte. Ein paar nackte Zahlen verdeutlichen das: Das Produktionsvolumen der Windenergieanlagenhersteller lag 2011 bei 5,96 Mrd. Euro (2010: 4,97 Mrd. Euro). Die Exportquote der Windenergieanlagenhersteller betrug dabei 66 Prozent. Das Investitionsvolumen in deutsche Windenergieanlagen schätzt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) immerhin noch auf 2,238 Mrd. Euro (2010: 1,76 Mrd. Euro).
Wer so erfolgreich ist, sollte doch eigentlich den glatten Durchmarsch aufs Meer hinbekommen, wo man seit Jahren an der Technik feilt. Aber weit gefehlt. In Deutschland steht mit Alpha Ventus erst ein Testgebiet an der Nordsee.
Ein Rückblick in den geschichtlichen Spiegel verdeutlicht, warum hier auf die Schnelle gar nichts läuft. Der Siegeszug der Windenergie nahm unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Lauf, unter anderem im beschaulichen schwäbischen Kirchheim/Teck. 1947 wurde der deutsch-österreichische Doktor der Ingenieurswissenschaften Ulrich W. Hütter vom Wirtschaftsministerium des Landes Baden Württemberg schriftlich per Bescheinigung damit beauftragt, eine „Windkraftanlage zur Erzeugung elektrischer Energie in möglichst kurzer Zeit zu erstellen".
Die so lapidar formulierte Vorgabe „in möglichst kurzer Zeit" erwies sich trotz anfänglicher Erfolge als Sisyphosarbeit. Bis sich aus den Prototypen eines einflügligen Windrads der heutige professionelle Standard des Dreiflüglers heraus kristallisierte, brauchte es Jahrzehnte. Bahn brechende Innovationen dauern eben ihre Zeit.
Innovationen dauern manchmal Jahrzehnte
Diese Fußnote gilt erst recht für die Nutzung von Offshore-Wind. Denn die Erfolge der Windbranche an Land lassen sich auf dem theoretischen Reißbrett der Ingenieure kaum eins zu eins auf das Meer übertragen. Fehlende Trassen über Land, eine komplizierte Gleichstromtechnik – und vieles mehr hemmen die Entwicklung. Wie neue Windanlagen verlässlich auf dem Meer installiert werden können, bleibt deshalb wie zur Pionierzeit Hütters und seiner Mitstreiter eine riesige Herausforderung.
Zu den ungelösten Problemen gehört die Frage, wie man die wilde Energie der Meereswellen derart effizient bändigt und nutzt, dass zu vertret- und vor allem kalkulierbaren Kosten Strom nicht nur produziert werden kann, sondern auch noch möglichst preisgünstig in die Stromverteiler der privaten und gewerblichen Verbraucher gelangt.
Die Herausforderung ist von derart großem Kaliber, dass einer der bodenständigen globalen Marktführer, der deutsche Windanlagenbauer Enercon, bis heute ganz auf das Offshore-Wagnis verzichtet.
Der Reiz des rauen Abenteuers besteht einerseits in einer potenziell wesentlichen höheren Stromausbeute als an Land.
Dies jedoch um den Preis des Risikos, aufgrund der nicht ausreichenden Erfahrungen mit dieser Art von Großtechnologie, einen technologischen und finanziellen Schiffbruch zu erleiden.
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Kurzum: Die Stromgewinnung auf dem Meer bringt zahlreiche, sagen wir unausgegorene technische Details, mit sich. Erhöhte Korrosion oder eine stärkere Materialbeanspruchung sind nur zwei Aspekte, die hohe Support- und Logistikkosten nach sich ziehen. Auch die mittelständisch geprägte Industrie leidet im waghalsigen Innovationsdreieck zwischen Verfügbarkeit, Sicherheit und Kosteneffizienz mit.
Zahlreiche Technologielieferanten von Offshore-Windprojekten – unter anderem an der deutschen Nordsee – stehen unter besonderem Zeitdruck. Etwa die Produzenten von Seekabeln beim Energietransport. Bei diesen Herstellern, die ein wichtiges Bindeglied in der Strompassage vom Meer bis zu den Verbrauchsstellen darstellen, kursieren lange Lieferzeiten der Verbindungskabel von bis zu 45 Monaten.
Der Mittelstand leidet mit den Investoren
Auch bei anderen Unternehmen aus der Riege der Zulieferer herrscht keineswegs Aufbruchstimmung. So ist die Rede von ungelösten Haftungsfragen und denkbaren Schadenersatzforderungen, mit jeweils bis zu dreistelligen Millionensummen. Über deren Verteilungsschlüssel, so jedenfalls befürchten es Rechtsexperten, könnten sich betroffene Unternehmen nicht zuletzt vor Gericht einigen.
Ungeklärte Haftungsrisiken verzögern Realisierung
Das geflügelte Wort Haftungsrisiko hat die Expertenkreise längst verlassen. Auch die Politik kennt den Begriff. Wenn Stromkabel vom Meer über Land bis zu den bayrischen Verbrauchern verlegt werden, wer bezahlt das denn? Nur die Bayern, die dann auf die Barrikaden steigen? Wie teilen sich die Protagonisten die Verantwortung für die Milliardenbeträge auf, wer haftet letztlich wofür?
Der dazu Ende August zunächst vom Bundestag abgesegnete Gesetzesentwurf zieht für den Verbraucher vor allem eines nach sich, nämlich deutlich höhere Strompreise. Die Mehrbelastung pro Haushalt durch die fehlende Offshore-Netzanbindung soll deshalb, um den Verbraucher nicht zu sehr auf die Barrikaden zu treiben, auf 0,25 Cent je Kilowattstunde oder maximal neun Euro pro Jahr begrenzt werden. Ein eleganter Kompromiss, um den großen Diskurs in der breiten Öffentlichkeit zu vermeiden, die man sukzessive auf höhere Strompreise einschwört.
Die wichtigste gesetzliche Regelung mit Blick auf die Industrie und die Investoren lautet aber: Bei nicht rechtzeitiger Anbindung oder andauernder Störung einer Leitung soll ein betriebsbereiter Meeres-Windpark ab dem 11. Tag der ununterbrochenen Nichteinspeisung einen pauschalierten Schadenersatz erhalten.
Das Kleingedruckte entscheidet mit
Die Bemessungsgrenze hierfür liegt bei 90 Prozent der entgangenen EEG-Einspeisevergütung. Dabei will der Gesetzgeber die Schadenssumme je Ereignis, um deren Aufteilung sich nicht nur Netz- bzw. Verteilnetzbetreiber weiterhin trefflich streiten, bei nicht vorsätzlich verursachten Schäden grundsätzlich auf 100 Millionen Euro begrenzen. Mit diesem Gesamtpaket hofft die Bundesregierung, neue Kraftwerke deutlich rascher als bislang ans Netz zu bringen.
Ob die gesetzgeberische Rechnung der staatlichen Planer aufgeht oder am Ende die zentralen Herausforderungen nur vertagt, entscheidet sich nicht zuletzt in den Reihen der Anlagenbauer. Dort herrscht aktuell ein differenziertes Bild. Die Jahre der Wachstumseuphorie sind verflogen. Allenfalls verhalten glaubt man derzeit an den Siegeszug von Offshore-Wind.
So kämpft etwa der bereits im Offshore-Geschäft tätige Anlagenbauer Vestas mit sinkenden Margen. Das dänische Unternehmen verzeichnete jüngst sogar dreistellige Millionenverluste. Öffentlich gibt man deshalb gerne und bereitwillig die Führungslaterne an Global Player wie Siemens ab. Sollen die sich doch mit der komplexen Materie herumschlagen.
Fazit: Licht und Schatten wechseln sich ab
Verzögert sich die Umsetzung der ambitionierten Pläne, Strom mit Hilfe von Windenergie auf dem Meer zu gewinnen weiterhin, wäre nicht nur ein potenzielle deutscher Exporterfolg gefährdet. In schräges Fahrwasser käme dann auch eine der tragenden Säulen der Energiewende. Die Zeche würde nicht nur der Verbraucher durch höhere Energiepreise begleichen.
Noch härter trifft es all jene Lieferanten, die frühzeitig und vermeintlich vorausschauend in innovative Technologien investiert haben und nun womöglich in existenzielle Not geraten. Der eine oder andere Mittelständler hat die Offshore-Segel bereits einholen müssen.
Doch neben dem Schatten über dieser Zukunftstechnologie gibt es auch positive Signale, die auf einen anhaltenden Wachstumspfad hindeuten. So kündigte beispielsweise der beim Meereswind nach eigenen Angaben weltweit an dritter Stelle positionierte Energieversorger Eon an, man werde in den kommenden Jahren weitere sieben Milliarden Euro in erneuerbare Energien einsteuern. Der Global Player aus der Energiebranche möchte sein Finanzvolumen in diesem Bereich bis zum Jahr 2020 immerhin verdreifachen. Dazu gehört laut Eon auch alle 18 Monate ein neuer Offshore-Windpark in der Nord- oder Ostsee.
Bis zum Stromanschluss bitte warten, lautet trotzdem die Devise der um klare Signale ringenden Investoren. Denn bevor es mit der potenziell mehrfach so hohen Stromausbeute auf dem Meer gegenüber dem Land tatsächlich losgehen kann, ohne dass die Kosten auf das 16-fache explodieren, will jeder in die Karten des jeweils anderen hinein schauen. Und bei diesem Spiel sind gezinkte Karten nicht immer leicht zu erkennen.
Lothar Lochmaier arbeitet als Freier Fach- und Wirtschaftsjournalist in Berlin. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Energie, Informationstechnologie und Banken. Er betreibt zudem das Experten-Weblog „Social Banking 2.0 – der Kunde übernimmt die Regie".
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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