Von JESSICA E. VASCELLARO und SHALINI RAMACHANDRAN
Apple ist in Gesprächen mit einigen der größten US-amerikanischen Kabelnetzbetreibern. Das Unternehmen will eine Set-Top-Box vorstellen, mit der die Kunden Bezahlfernsehen empfangen und andere Inhalte abrufen können, wie das Wall Street Journal aus eingeweihten Quellen erfahren hat. Set-Top-Boxen sind Geräte, die Haushalte an den Fernseher anschließen, um das in den USA weit verbreitete Pay-TV zu empfangen.
Die Gespräche sind der bislang ernsthafteste Versuch der Firma, nach Jahren des Ausprobierens endlich in die Wohnzimmer der Menschen vorzudringen. Ein Ergebnis scheint noch nicht in der Nähe. Grund könnte sein, dass die Kabelnetzbetreiber zögern. Es widerstrebt ihnen, einem Konkurrenten Einlass ins Geschäft zu geben.
Apple müsste außerdem eine bedeutende Zahl von Kunden davon überzeugen, in eine Set-Top-Box zu investieren, die gut mehrere hundert US-Dollar kosten könnte. Bislang werden diese von den Kabelbetreibern für 10 bis 15 Dollar im Monat vermietet. Elektronikhersteller wie Tivo und Samsung verkaufen solche Geräte zwar schon – bislang allerdings ohne große Auswirkungen auf den Markt.
Die Gespräche verdeutlichen, dass Apple bei seinen Expansionsplänen im Fernsehgeschäft einen weniger radikalen Weg geht als in der Vergangenheit. Statt in direkte Konkurrenz zu den Anbietern zu gehen, will man mit den existierenden Netzbetreibern kooperieren. Apple-Sprecher Tom Neumayr wollte sich nicht zur Sache äußern. Er sprach von Gerüchten und Spekulationen.
Technologiefirmen haben schon lange ein Auge auf den Fernsehmarkt geworfen. Doch die Programmveranstalter und Medienkonzerne haben ihnen den Einlass bislang verweigert. Sie befürchten, dass dadurch ihre Macht schwinden könnte, wie bei Plattenlabels und Mobilfunkanbietern in der Vergangenheit.
Mit der Produktion einer Set-Top-Box, die von den Netzbetreibern verwendet werden könnte, würde Apple ähnlich verfahren wie auf dem Mobilfunkmarkt: bestehende Anbieter davon zu überzeugen, ihre Dienste und Angebote mit Hardware und Software aus Cupertino zu verbinden. Dieser Ansatz hat Apple schon dabei geholfen, sein iPhone zu verkaufen. Die große Last lag dabei auf den Mobilfunkbetreibern. Sie müssen gewährleisten, dass das Netz auch funktioniert. Mehreinnahmen erzielen sie nur, wenn die Kunden neue Datenverträge abschließen.
So hätte das iPhone aussehen können
Apple-Chef Tim Cook hat sich im vergangenen Monat auf einer Medienkonferenz mit Glenn Britt, Chef des großen Betreibers Time Warner Cable getroffen. Dessen Firma soll eines der Unternehmen sein, die sich momentan in Gesprächen mit Apple befinden, sagen mit der Sache vertraute Personen.
Apple verkauft derzeit für 99 US-Dollar – in Deutschland sind es 109 Euro - die Apple-TV-Box. Damit können die Nutzer zwar Videos und Filme aus dem Internet abrufen und auf dem Fernseher abspielen – fern sehen kann man mit ihr aber nicht. Ob es sich bei dem Gerät, über das momentan verhandelt wird, um eine neue Version des Apple TV oder um ein anderes Produkt handelt, ist noch unklar. Zwei eingeweihte Personen erklärten außerdem, dass die Technologie früher oder später auch in einem Fernsehgerät zum Einsatz kommen könnte. Apple habe bereits in der Vergangenheit an entsprechenden Prototypen gearbeitet, heißt es weiter.
Die Verkaufszahlen des Apple TV haben zugenommen, sind aber immer noch gering. Das Unternehmen hat im vergangenen Quartal (bis zum 30. Juni) 1,3 Millionen Geräte verkauft – ein Anstieg um 170 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In einer Telefonkonferenz im Anschluss an die Bekanntgabe der Zahlen sagte Apple-Chef Tim Cook kürzlich, dass Apple TV „uns irgendwo hinbringen wird". Mit der Box können über iTunes gekaufte Inhalte angezeigt werden. Es gibt auch Apps zum Streamen von Filmen und TV-Serien wie das Programm von Netflix Inc. Normale Fernsehsender, wie wir sie kennen, lassen sich aber nicht abrufen – was den Nutzen des Geräts deutlich einschränkt.
Vom Walkman zum iPad: Ikonen der Elektronik
Apple hat vor über zwei Jahren darüber nachgedacht, eine Set-Top-Box mit Kabelanschluss auf den Markt zu bringen, erzählen mit der Sache vertraute Personen. Dann habe man sich jedoch für die jetzige Version des Apple TV entschieden, weil dem damaligen Apple-Chef Steve Jobs die Idee nicht gefallen hatte. Er glaubte, dass die Zusammenarbeit mit den Kabelnetzbetreibern problematisch sein könnte. Die decken in den USA immer nur bestimmte Regionen ab. Ein weiterer Grund: Die Rechte an den Sendungen liegen in der Regel bei den Unterhaltungskonzernen und nicht bei den Netzbetreibern.
Beide Seiten haben sich in den vergangenen Jahren misstrauisch beäugt. Die Kabelnetzbetreiber waren besorgt, Apple könnte ihr Verhältnis zu den Kunden untergraben, wenn man dem Unternehmen Zugang zum Markt gewähren würde. Die Netzbetreiber wollen an den schwachen Verkaufszahlen des Apple TV erkannt haben, dass Live-TV über eine Box keine oberste Priorität hat. Sie haben sich stattdessen auf Apps für das beliebte iPad konzentriert.
Kundendienst durch Netzbetreiber?
Abgeschreckt hatte die Netzbetreiber in der Vergangenheit auch, dass Apple von alle Transaktionen, die über Apple TV abgewickelt werden, 30 Prozent für sich behält. Außerdem soll Apple darauf bestanden haben, exklusiver Vertreiber der Set-Top-Boxen bleiben zu wollen, erzählt eine mit den Vorgängen vertraute Person. Den Kundendienst sollten jedoch die Kabelnetzbetreiber leisten.
Der Vorteil einer Partnerschaft mit Apple für die Kabelnetzbetreiber: Sollte ein Deal zustande kommen, dann könnten sie Geld sparen. Sie müssen keine eigenen Set-Top-Boxen mehr kaufen, um sie dann an ihre Kunden weiter zu verleihen. Außerdem könnten sie Kunden davon abhalten, zu Internet-Anbietern zu wechseln: Über eine Apple-Box ließen sich neben den Fernsehkanälen auch Online-Inhalte empfangen.
—Mitarbeit: John JannaroneKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Reuters
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